Inflation: Schuld ist Omikron - oder doch die FED?


16.12.21 13:32
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Im Oktober ging man bei Neuberger Berman davon aus, dass die Märkte einen Großteil der kurzfristigen Sorgen vor einer neuen Corona-Krise hinter sich gelassen hätten, so Joseph V. Amato, Neuberger Bermans President und CIO Equities.

Dafür habe man die Konjunkturrisiken als gestiegen angesehen - das nachlassende Wachstum, die höhere Inflation und die straffere Geldpolitik. In den letzten Wochen hätten sich die Gedanken bei Neuberger Berman daher häufiger um diese Themen gedreht, statt um die Extremrisiken der Pandemie.

Da die Volatilität der letzten beiden Wochen mit der neuen Omikron-Variante zusammengefallen sei, möge so mancher das anders sehen. Bei Neuberger Berman bleibe man jedoch in der Annahme, dass die Volatilität mehr mit Konjunktur, Inflation und Geldpolitik zu tun habe als mit anderen Faktoren. Das könnte bedeuten, dass die Märkte wohl unabhängig von Omikron bis ins neue Jahr hinein volatil bleiben würden.

Corona sei noch nicht vorbei. Die Inzidenzen seien in den vergangenen zwei Monaten weltweit gestiegen. Die Entdeckung der Omikron-Variante, die nach ersten Erkenntnissen ansteckender und vielleicht auch impfresistenter sei als frühere Varianten, mahne zur Vorsicht.

Augenscheinlich würden die Impfstoffe und andere Medikamente aber noch immer vor schweren Verläufen schützen. Wenngleich die Analysen gerade erst begonnen hätten, so scheine die neue Virusvariante doch harmloser zu sein. Sollte sich ein in diesem Sinne ungefährlicheres Virus weltweit durchsetzen, könnte die Coronakrise schneller als bisher angenommen vorbei sein.

Da jetzt gegen Corona geimpft werden könne, würden ohnehin nur noch wenige Investoren mit einem ähnlich langen und harten Lockdown wie im Jahr 2020 rechnen. Allenfalls fürchte man, dass es die Regierungen mit vorübergehenden Kontaktbeschränkungen übertreiben würden. In diesem Fall könnten die Lieferengpässe noch länger anhalten und das Wirtschaftswachstum bei steigender Inflation noch stärker nachlassen. Das hätten viele Anleger allerdings ohnehin schon erwartet.

Auffällig sei, dass Omikron mit einer deutlich schärferen Rhetorik der FED zusammengefallen sei. In seiner Anhörung vor dem Ausschuss für Banken, Wohnungsbau und städtische Angelegenheiten des US-Senats Ende November habe sich FED-Chairman Jerome Powell den üblichen Hinweis auf die "vorübergehende" Inflation verkniffen, der für viele Investoren schon zur Gewohnheit geworden sei. Stattdessen habe es geheißen, die Wertpapierkäufe könnten schon einige Monate früher beendet werden. Damit habe die Notenbank letztlich zugegeben, die Inflation falsch eingeschätzt zu haben. Das sei eigentlich keine Überraschung, aber die Märkte seien dennoch irritiert gewesen.

Dies habe möglicherweise zu mehr Volatilität geführt - kurz darauf seien die Kurse gefallen. Monatelang hätten die Anleger wegen der steigenden Inflation eine zu späte Straffung der Geldpolitik befürchtet, doch nun könnte das Gegenteil drohen: Eine zu schnelle Straffung, während Omikron die Konjunktur bedrohe. Der US-Arbeitsmarktbericht vom 3. Dezember sei widersprüchlich gewesen. Das Beschäftigungswachstum habe zwar enttäuscht, jedoch sei die Arbeitslosenquote stark zurückgegangen und die Erwerbsquote sei angestiegen. Diese gegensätzlichen Zahlen hätten nur für noch mehr Unsicherheit gesorgt. An den Anleihemärken rechne man jetzt erst später im neuen Jahr mit dem ersten Zinsschritt.

Anfang Dezember habe sich diese Einschätzung dann abermals stark gewendet: Nun gelte eine Zinserhöhung bereits im Mai wieder für wahrscheinlicher als vor Omikron. Das dürfte kaum allein oder überwiegend mit dem Virus zu tun haben. Eher schon hätten die Anleger mit einer erneut hohen US-Inflation gerechnet, zu der es dann auch gekommen sei: Vergangene Woche sei die Teuerung im Vorjahresvergleich auf 6,8 Prozent gestiegen, so viel wie zuletzt 1982. Das bestätige die Annahme, dass die FED das Tapering beschleunige, wie von Powell bereits angedeutet.

Wenn sich der Omikron-Nebel lichte, sehe man in Bezug auf die Konjunktur wieder klarer. Wie entwickele sich das Wirtschaftswachstum? Wie die Inflation? Was würden die Notenbanken tun? Und, vor allem, wie schnell und stark könne die Geldpolitik gestrafft werden, ohne dass Anleihen und Aktien Probleme bekommen würden?

Entscheidend bleibe in Neuberger Bermans Augen die FED. Für Aktien sei Inflation kein größeres Problem, solange die FED die steigenden Preise akzeptiere. Wenn sie die Geldpolitik aber massiv straffe, würden die Märkte meist heftig reagieren.

Noch kenne keiner die Antworten. Das sei wohl auch der Grund für die Volatilität, die bis weit ins neue Jahr hinein anhalten könnte. Bei Neuberger Berman gehe man jedoch recht sicher davon aus, dass für eine weiche Landung bei den derzeitigen Bewertungen nur wenig Spielraum bestehe. In den letzten drei Jahren sei der S&P 500 Index jährlich um über 20 Prozent gestiegen. So könne es nicht weitergehen.

Die Impfstoffentwicklung könnte 2021 in der Pandemie die Wende gebracht haben. Und auch im neuen Jahr könnte sich sehr viel ändern - diesmal aber wohl wegen der US-Geldpolitik. (16.12.2021/alc/a/a)