Inflation: Tot oder nur vergessen?


22.02.16 10:57
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die US- und die globale Wirtschaft befinden sich mittlerweile im sechsten Jahr ihrer Erholung nach der globalen Finanzkrise, und ihr Wachstum hat sich als widerstandsfähig gegenüber einer Reihe von Schocks erwiesen, so Michael Hasenstab, CIO von Templeton Global Macro.

Trotzdem präge nach wie vor weit verbreiteter und tief sitzender Pessimismus die wirtschaftliche Debatte und die Dynamik an den Finanzmärkten.

Vielleicht am besten verkörpert werde dieser Pessimismus durch die von einem früheren US-Finanzminister und vielen anderen wiederbelebte Hypothese einer "dauerhaften Stagnation". Kurz gesagt postuliere diese Hypothese, dass die Weltwirtschaft unter einem strukturellen Mangel an Gesamtnachfrage und einem chronischen Überhang der Sparwünsche gegenüber den Investitionswünschen leide. Die Folge davon wäre ein dauerhaft niedriges Wachstums-, Inflations- und Zinsniveau. Tatsächlich hätten verschiedene Ökonomen und Beobachter wiederholt die Gefahr angesprochen, die Weltwirtschaft könne in Stagnation und/oder Deflation abrutschen.

Die Experten seien der Meinung, dass die Sorgen um weltweite Deflation unbegründet seien. In einer Reihe von Schwellenländern sei die Inflation hoch und liege oberhalb ihrer Zielwerte. Gleichzeitig sei in vielen Industrieländern die Gesamtinflation durch den plötzlichen Einbruch der Rohstoffpreise gedrückt worden. Jedoch sei das ein vorübergehender Effekt, und die Kerninflation sei nach wie vor stabil. Wie die ökonometrischen Analysen zeigen würden, würden globale Faktoren eine dominierende Rolle für die Inflationsentwicklung in den einzelnen Ländern spielen. Die Berechnungen würden zeigen, dass sich die globale Produktionslücke allmählich vergrößere, und im Zuge der Erholung in den Schwellenländern dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen, was Aufwärtsdruck für die Inflationsraten bedeute.

Die USA seien nach wie vor der wichtigste Motor für die Weltwirtschaft. Die dortige Inflationsdynamik und ihre Bedeutung für die Renditeniveaus zu verstehen, sei deshalb entscheidend für die Prognosen zur weltweiten Entwicklung. Den zentralen Teil des neuesten Beitrags aus der Reihe Global Macro Shifts, "Inflation: Tot - oder nur vergessen?" hätten die Experten deshalb einer detaillierten Analyse der Lohn- und Inflationstrends in den USA gewidmet.

Der US-Arbeitsmarkt stehe nach Einschätzung der Experten kurz vor der Vollbeschäftigung, und noch vorhandene Überkapazitäten würden rasch wieder absorbiert. Das Wachstum der Durchschnittslöhne sei trotzdem mäßig geblieben, was oft als Beleg dafür angeführt werde, dass die Inflation extrem niedrig bleiben werde. Ihren Analysen zufolge beschleunige sich der Lohnzuwachs, gemessen an ihrem zusammengesetzten Maß für den Lohndruck, jedoch allmählich. Außerdem würden sie zeigen, dass sich die am stärksten mit dem Lohnzuwachs korrelierenden Arbeitsmarktkennzahlen wie etwa die Kündigungsquote stetig verbessern würden. Ihre Modelle würden bei den herrschenden Konjunkturbedingungen bereits erwarten lassen, dass das Lohnwachstum in Richtung 2,7% tendieren müsste. Dies sei von Bedeutung, denn eine stärkere Lohndynamik könne den Privatkonsum und die Gesamtnachfrage dauerhaft stützen.

Weiter würden die Analysen der Experten zeigen, dass die Phillips-Kurve, eine grafische Darstellung des Zusammenhangs zwischen Arbeitslosenquote und Inflation, in den USA seit 2006 steiler geworden sei - anders als allgemein angenommen. Demnach müsste sich der anhaltende Rückgang der Arbeitslosenquote in stärkerem Inflationsdruck bemerkbar machen. Die Rückkehr der Inflation dürfte unterstützt werden von einer Stabilisierung der Rohstoffpreise, die eine Umkehr des disinflationären Impulses von 2015 bedeuten würde.

Außerdem würden die Experten schätzen, dass eine weitere Dollaraufwertung nur mäßig dämpfend wirke und höchstens 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte weniger Gesamtinflation mit sich brächte. Nach ihrem ökonometrischen Modell werde die Gesamtinflation nach dem Verbraucherpreisindex (VPI) bis zum vierten Quartal 2016 auf 2,2% steigen, was deutlich über dem Ziel der US-Notenbank (FED) und den Markterwartungen liege. Ebenso würden ihre Analysen bestätigen, dass die Inflationserwartungen eine wichtige Rolle für die Inflationsentwicklung spielen würden, was die Bedeutung der Glaubwürdigkeit von Zentralbanken einmal mehr hervorhebe.

Während die FED eine beispiellose Normalisierung ihrer Politik betreibe, sollte man nicht das Ausmaß der Ungleichgewichte und Verwerfungen vergessen, die durch mehrere Jahre Nullzinspolitik und quantitative Lockerung entstanden seien. Als Reaktion auf die globale Finanzkrise hätten die Zentralbanken in den USA, der Eurozone und Japan ihre Bilanzen massiv erweitert. Gleichzeitig seien die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und der Geldschöpfungsmultiplikator rapide gefallen, was eine plötzliche Entschuldung und ein Einfrieren des Finanzsystems erkennen lasse. Wenn Umlaufgeschwindigkeit und Geldmengenmultiplikatoren wieder auf ihre Vorkrisenniveaus steigen würden, würde dies eine deutliche Zunahme der Inflation in den deutlichen zweistelligen Bereich implizieren, selbst wenn die Entwicklung langsam verlaufe.

Damit würden die Experten nicht sagen wollen, dass auf kurze Sicht mit derartigen Preissteigerungen zu rechnen sei. Eine teilweise Korrektur der Umlaufgeschwindigkeit und Geldmengenmultiplikatoren in Richtung der historischen Norm sei jedoch plausibel und würde zusätzlichen Inflationsdruck bedeuten. Das würde wiederum den Prozess der geldpolitischen Normalisierung komplizierter machen.

Sich die Vorkrisenerfahrungen in Erinnerung zu rufen, sei wichtig. Denn die Schlagworte, die die Debatte in den letzten Jahren geprägt hätten (neue Normalität und dauerhafte Stagnation), würden nahe legen, dass die Welt einen neuen Zustand erreicht habe, in dem Wachstum wie Inflation auf absehbare Zeit nur stagnieren könnten. Und da die globale Finanzkrise direkt im Anschluss an die "Große Moderation" begonnen habe, hätten jüngere Generationen von Marktteilnehmern in den Industrieländern eine höhere Inflation noch nie selbst erlebt.

Die Lehren der Geschichte zu vergessen, könne gefährlich sein. Von den späten 1950er Jahren bis Mitte der 1960er Jahre seien Inflation und Inflationserwartungen in den USA niedrig und stabil bei etwa 1% gewesen. Ab 1965 habe bei beiden Werten eine 15 Jahre währende Aufwärtsbewegung eingesetzt, die ihren Höhepunkt in einer Gesamtinflationsrate von fast 15% gefunden habe. Diese "Große Inflation", wie sie allgemein genannt werde, sei von einer Kombination aus negativen Angebotsschocks (insbesondere den Ölschocks 1973 und 1979) und einer Lockerung der Geldpolitik ausgelöst worden, die zu den Korrekturen des FED-Inflationsziels nach oben zu passen scheine.

Passend zu den Erkenntnissen der Experten über die entscheidende Bedeutung der Inflationserwartungen scheine der Verlust der Glaubwürdigkeit der FED bei der Inflationsbekämpfung eine sehr wichtige Ursache für die Große Inflation gewesen zu sein. Es habe eine erhebliche und lang anhaltende geldpolitische Straffung gebraucht, um die Inflation wieder unter Kontrolle zu bekommen, was zu einer Rezession um 2% im Jahr 1982 geführt habe.

Die Zeit der Großen Inflation zeige, wie gefährlich der Glaube sei, struktureller Wandel habe Inflationsrisiken verschwinden lassen. Eine Kombination von negativen Schocks und politischen Fehlern wie in den späten 1960er und 1970er Jahren würden die Experten für sehr unwahrscheinlich halten. Eine moderatere Wiederholung allerdings erscheine durchaus denkbar. Viele einflussreiche Stimmen würden die FED dazu aufrufen, die Zinsen extrem langsam zu erhöhen, und jüngste Äußerungen aus dem Offenmarktausschuss (FOMC) der Zentralbank würden erkennen lassen, dass sie ein deutliches Anziehen der Inflation abwarten möchte, bevor sie das Tempo der Zinserhöhungen steigere. Unterdessen würden extrem niedrige Preise für Rohstoffe die Gefahr negativer Schocks bergen, wenn auch nur moderater. Dennoch bestehe eindeutig das Risiko, dass die Geldpolitik ins Hintertreffen gerate, was eher höhere Inflation für 2016 erwarten lasse.

Bislang signalisiere die FED eine sehr langsame geldpolitische Straffung: Nach der Median-Erwartung im FOMC werde es 2016 vier Zinserhöhungen um je 25 Basispunkte (BP) und bis Ende 2018 eine Erhöhung des US-Leitzinses auf 3,3% geben. Diese Entwicklung basiere auf der Annahme, dass das Wirtschaftswachstum selbst dann moderat bleiben werde, wenn am Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung erreicht sei, und dass die Inflation das Ziel der FED von 2% nicht vor Ende 2017 erreiche. Die Finanzmärkte würden sogar eine noch langsamere Straffung einpreisen.

Die Modelle der Experten würden jedoch dafür sprechen, dass die Inflation bis Ende 2016 die Erwartungen der FED übersteigen werde. Dies könnte entweder zu schnelleren Zinserhöhungen führen oder zu der Sorge, dass die Geldhüter der Entwicklung hinterherhinken würden. Beide Szenarien dürften höhere Zinsen am Markt mit sich bringen.

Nach den Analysen der Experten lägen die Renditen für lang laufende US-Schatzanleihen zurzeit 130 BP unter ihrem "normalen" Niveau, das sich aus ihrer historischen Beziehung zum Wachstum des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) ergebe. Entstanden sei diese Lücke durch die Geldpolitik mit sowohl quantitativer Lockerung (QE) als auch Aussagen zur zukünftigen Zinsentwicklung, die kurzfristige Zinsen weniger volatil gemacht hätten.

Laut dem Modell der Experten dürfte es in Zukunft drei Faktoren geben, die in Richtung höherer Langfristrenditen wirken würden: (1) Die von den Experten prognostizierte Zunahme der Inflation bedeute höheres nominales BIP-Wachstum; (2) wenn Aussagen zur zukünftigen Zinsentwicklung von einer datenorientierten geldpolitischen Straffung abgelöst würden, nehme die Volatilität bei Kurzfristzinsen zu; und (3) durch die schwindenden Auswirkungen der QE auf den Markt für US-Schatzanleihen würden die langfristigen Renditen sich wieder in Richtung ihres historischen Verhältnisses zum BIP-Wachstum entwickeln. Mittelfristig dürften die langfristigen Renditen, auf der Grundlage der Schätzungen für das potenzielle Wachstum des Haushaltsamtes des US-Kongresses, in Richtung 5% tendieren.

Im zurückliegenden Straffungszyklus der FED seien die langfristigen Renditen von etwas begrenzt worden, was ihr damaliger Vorsitzende Ben Bernanke als "weltweite Sparschwemme" bezeichnet habe, also von einem deutlichen Überhang der Sparwünsche gegenüber den Investitionswünschen. Die wichtigsten Treiber hinter diesem Phänomen hätten sich jedoch inzwischen abgeschwächt oder sogar umgekehrt: Das Wachstum in China werde stärker auf inländischen Konsum ausgerichtet, und die Devisenreserven des Landes seien zurückgegangen; andere Schwellenländer Asiens hätten bereits genügend Devisenreserven, sodass sie keine weiteren Assets ansammeln müssten; und der Verfall des Ölpreises zwinge eine Reihe von Ölexporteuren dazu, weniger zu sparen, um die Anpassung bei den Ausgaben zu verzögern oder abzufedern. Somit sei es unwahrscheinlich, dass globale Trends die langfristigen Renditen in den USA noch einmal begrenzen würden.

Für Global Macro Shifts hätten die Experten eine umfangreiche und detaillierte Analyse der Bestimmungsfaktoren für Inflation in den USA und weltweit erarbeitet. Dazu würden die jüngste Inflationsentwicklung, eine größer werdende Produktionslücke in den USA und weltweit, die anhaltende Straffung am US-Arbeitsmarkt, der sich rasch der Vollbeschäftigung nähere, Basiseffekte durch extrem niedrige Rohstoffpreise und möglicher Druck durch einen massiven Geldüberhang sowie historisch niedrige Werte bei der Geldumlaufgeschwindigkeit und den Geldmengenmultiplikatoren zählen. All diese Faktoren würden zusammen dafür sprechen, dass man mit sehr mutigen Annahmen arbeiten müsste, um zu glauben, dass die Inflation auf ihren aktuellen extrem niedrigen Niveaus bleiben werde.

Die eigenen Inflationsprognosen der Experten seien nicht besonders aggressiv, lägen jedoch über der FED-Konsensprognose und noch deutlicher über dem, was die Finanzmärkte einpreisen würden. Somit seien die Experten der Meinung, dass die allgemeine Unterschätzung der zukünftigen Inflation, zusammen mit der abzusehenden Normalisierung beim Zusammenhang zwischen langfristigen Zinsen und dem nominalen BIP-Wachstum, das Feld für eine signifikante Korrektur bei den Renditen von US-Schatzanleihen bereite. (Ausgabe vom 18.02.2016) (22.02.2016/alc/a/a)