Inflation - angebots- und nachfragegetrieben?


25.02.22 09:15
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Wenn die jährliche Inflationsrate auf 7,5 Prozent zum Vorjahr steigt, wird sie zwangsläufig zu einem großen Thema, so Joseph V. Amato, Neuberger Bermans President und CIO Equities.

Es seien aber vor allem die besonderen Ursachen, die den derzeitigen Preisauftrieb so speziell - und vielleicht auch hartnäckig - machen würden. Vor allem für die Notenbanken wäre das eine Herausforderung.

Eine straffere Geldpolitik bringe weder LKW-Fahrer noch Fabrikarbeiter zurück an ihre Arbeitsplätze. Sie sorge weder für zusätzliche Lagerkapazitäten noch für schnellere Containerschiffe oder effizientere Häfen, sodass der Rückstau abgebaut werden könne. Michael Barr aus dem Aktien-Recherche-Team bei Neuberger Berman komme in seiner Datenanalyse aber zu dem Schluss, dass anders als in vergangenen Inflationsperioden, genau diese Faktoren zurzeit für den Preisauftrieb sorgen würden.

Oft heiße es, die derzeitige Inflation sei angebots- und nicht nachfragegetrieben. Bei Neuberger Berman sehe man das grundsätzlich ähnlich. Es sei aber auch nicht verkehrt, die Gründe auf der Angebots- und Nachfrageseite gleichermaßen zu sehen.

Ein Großteil des Preisschocks scheine mit dem Siegeszug des E-Commerce während der Pandemie zu tun zu haben, der sich hartnäckig halte. Es gebe einfach nicht genügend Logistikkapazitäten. Nach Angaben der amerikanischen Zensusbehörde sei der E-Commerce in den USA 2020 um über 32 Prozent gewachsen, die Lagerfläche aber nur um 2 Prozent.

Auch die LKW-Kapazität halte kaum mit der neuen Nachfrage Schritt. Der Outbound Tender Reject Index (OTRI) der Plattform für Frachtdatenprognosen SONAR, der den Anteil der von Spediteuren abgelehnten Aufträge messe, sei 2020 auf 25 Prozent gestiegen. Ein kurzfristiger Anstieg sei nicht ungewöhnlich, wohl aber ein so hoher Wert über mehr als ein Jahr. Ähnliche Engpässe gebe es auch in der Produktion. Es spreche viel dafür, dass auch sie von Dauer seien.

Mit etwa 15.000 US-Dollar je 40-Fuß-Container (FEU) seien die durchschnittlichen Frachtraten für Ozeantransporte heute zehnmal so hoch wie vor der Pandemie, schreibe SONAR - und das, obwohl laut Alphaliner nur zwei Prozent der internationalen Containerschiffflotte zurzeit stillliege. Und mehr noch: Den Terminmärkten nach zu urteilen würden die Frachtraten auch 2024 noch über 8.000 US-Dollar betragen.

Selbst wenn man so viel zahlen wolle, könnte die Löschung der Fracht scheitern: Normalerweise lägen vor den Häfen an der amerikanischen Westküste etwa 15 bis 20 Schiffe auf Reede. Zu Jahresbeginn seien es nach Angaben der Hafenbehörde in Los Angeles über 100 gewesen. Seitdem habe der Stau saisonbedingt etwas nachgelassen, aber noch immer sei die Warteschlange ungewöhnlich lang. Ob sich das bald normalisiere, sei schwer abzuschätzen.

All das könne erklären, warum die amerikanische Produzentenpreisinflation im Januar über den Erwartungen der Volkswirte gelegen habe und der bereinigte Mittelwert der Verbraucherpreisinflation (ohne die größten Preisänderungen in beide Richtungen) so hoch sei wie noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1983. Dabei gehe es nicht nur um Energie und Gebrauchtwagen - die Gebrauchtwagenpreise seien 2021 um 37,3 Prozent gestiegen -, sondern um das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage in der gesamten Wirtschaft.

Bis jetzt hätten sich Unternehmen und Verbraucher dadurch noch nicht allzu sehr aus der Ruhe bringen lassen. So berichte der Finanzdatendienstleister FactSet, dass bis zu drei Viertel der S&P 500-Unternehmen in ihren Telefonkonferenzen für das vierte Quartal die Inflation erwähnt hätten. Die Schätzungen der Nettogewinnmargen für dieses Jahr hätten sich dennoch nicht geändert. Man scheine auf seine Preismacht zu vertrauen. Der überraschend starke Anstieg der amerikanischen Einzelhandelsumsätze im Januar spreche dafür, dass sich die Unternehmen nicht überschätzen würden.

Doch mit jeder Woche, in der die Preise weiter steigen würden, würden die geldpolitische Risiken für die Anleger wachsen. Zeit und Marktkräfte würden die Inflation irgendwann dämpfen, aber die derzeitigen Angebotsengpässe könnten zum Teil noch jahrelang Probleme machen. Schon letztes Jahr habe Neuberger Berman erklärt, dass ein Ende der 20-jährigen Niedriginflationsphase erwartet werde und die Teuerung in den nächsten Konjunkturzyklen strukturell höher sein dürfte.

Wenn moderate Zinserhöhungen die Teuerung nicht eindämmen würden, habe das mehr mit Schiffen auf Reede als mit übersteigerter Kauflust zu tun. Vielleicht riskiere die FED wirklich eine zu schnelle Straffung, um die Inflation etwas zu dämpfen. Das sehe das Anleiheteam von Neuberger Berman allerdings anders und erwarte, angesichts der komplexen Mischung aus vorübergehenden und strukturellen Inflationstreibern, ein maßvolles Vorgehen. Ziehe der Markt jedoch andere Schlüsse, drohe Volatilität.

Und selbst wenn die FED das für die USA Richtige tue, müsse das für andere Länder nicht ideal sein. Faktisch sei die FED die Notenbank der Welt. Vielleicht sei die für die USA angemessene Geldpolitik aber für andere Länder zu straff.

Obwohl der Energiepreisanstieg wegen des Ukraine-Konflikts wohl vor allem Europa treffe, seien die Angebotsengpässe in den USA aus einer Reihe von Gründen größer. So seien in Europa während der Pandemie nur wenige Arbeiter entlassen worden, da in großem Stil auf Kurzarbeit gesetzt worden sei. In den USA sei hingegen das Arbeitslosengeld erhöht worden. Vielleicht sei das ein Grund für die Ungleichgewichte am US-Arbeitsmarkt und den großen Personalmangel.

Die Experten würden nur ein Beispiel aus der Lieferkette betrachten: Als die Weltbank und IHS Markit letztes Jahr ihren neuen Container Port Performance Index vorgestellt hätten, sei der effizienteste amerikanische Hafen Philadelphia auf Platz 83 gewesen. Los Angeles habe auf Platz 328 von 351 gestanden. Auf den oberen Rängen hätten sich Häfen in Asien, dem Nahen Osten und Nordafrika gefangen. Der effizienteste europäische Hafen sei Algeciras in Spanien auf Platz 10 gewesen.

All dies spreche dafür, dass Asien und Europa eine expansivere Geldpolitik vertragen könnten als die USA. Die Europäische Zentralbank könnte damit einen massiven Anstieg der Peripherieländerspreads verhindern. Die Bank of Japan könnte erreichen, dass die Wirtschaft weiter wachse, so wie im letzten Jahr, dem ersten Wachstumsjahr seit 2018. Auch könnte China den Abschwung dämpfen. Die People’s Bank of China lockere jetzt die Geldpolitik, während die FED eine Straffung vorbereite.

Für Neuberger Berman seien das die Gründe, weshalb die Anleger so sehr auf die Inflation, ihre Ursachen und die Verlautbarungen der FED achten würden. Wenn die Notenbank aber nur die Nachfrageseite im Blick habe, während für die Wirtschaft Angebotsfaktoren im Mittelpunkt stünden, könnte es in den USA, aber auch weltweit Probleme geben. Es könne nicht gutgehen, wenn der eine Halma und der andere Schach spiele. Das sei einer der Gründe dafür, warum Neuberger Berman dieses Jahr mit anhaltender Volatilität rechne. (Ausgabe vom 24.02.2022) (25.02.2022/alc/a/a)