Inflation bleibt hoch: Das sagen Ökonomen zu den August-Daten


31.08.23 11:30
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Teuerung hat sich im August in Deutschland zwar erneut leicht abgeschwächt. Experten hatten jedoch mit einem stärkeren Rückgang der Inflationsrate gerechnet, so die Experten von "FONDS professionell".

FONDS professionell ONLINE habe zusammengetragen, wie Ökonomen von Asset Managern die aktuellen Daten interpretieren würden.

Die Verbraucherpreise in Deutschland seien im August um 6,1 Prozent höher gewesen als im Vorjahresmonat. Dies habe das Statistische Bundesamt auf Basis einer ersten Schätzung mitgeteilt. Im Vorfeld befragte Ökonomen hätten einen Rückgang auf 6,0 Prozent erwartet. Im Juli habe die Inflationsrate 6,2 Prozent betragen, im Juni 6,4 Prozent.

Die Inflationsrate ohne Nahrungsmittel und Energie, die Kerninflation, habe im August bei 5,5 Prozent und damit ebenso hoch wie im Juli gelegen. Beim Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), der in der EU einheitlich berechnet werde, weise die Behörde für Deutschland im August eine Rate von 6,4 Prozent aus, im Juli seien es 6,5 Prozent gewesen.

Wie würden Experten von Asset Managern die neuen Daten zur Inflation einordnen? FONDS professionell ONLINE habe ausgewählte Kommentare zusammengestellt.

Wie würden Ökonomen die jüngsten Daten zur Inflationsentwicklung in Deutschland kommentieren?

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt von Union Investment
"Ein zügigerer Rückgang der Inflation wird einerseits durch die zuletzt gestiegenen Energiepreise verhindert, anderseits durch die nach wie vor solide Situation am Arbeitsmarkt. Diese führt nämlich zu einer ordentlichen Lohndynamik und hat durch den starken Sommertourismus weitere Unterstützung erfahren. Dass die Preise für viele Güter in den letzten Monaten weniger stark gestiegen sind als noch im vergangenen Jahr, zeigt, dass die schwache Konjunktur ihre Spuren hinterlässt. Angebot und Nachfrage finden allmählich wieder in eine Balance. Auch bei den Dienstleistungen dürfte die Inflation den Gipfel erreicht haben. Rein technisch betrachtet sollte im kommenden Monat zwar ein großer Schritt folgen: Aufgrund eines statistischen Effektes, nämlich dem Auslaufen des Neun-Euro-Tickets im August 2022, dürfte die Inflation im Jahresvergleich im September deutlich fallen. Aber der Weg zu dem von der Europäischen Zentralbank definierten Ziel von zwei Prozent ist noch weit."

Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der DWS
"Besonders kräftig stiegen nach wie vor die Güter des täglichen Bedarfs, also Lebensmittel mit neun Prozent und Energie mit 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings dürfte das Schlimmste hinter uns liegen. Die Importpreise sind im Juli um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken und besonders erfreulich ist dabei, dass die Importpreise für Erdgas um knapp 60 Prozent zurückgegangen sind. Ein weiteres Sinken der Inflationsrate ist also bereits angelegt. Für die Geldpolitik der EZB ist allerdings die Kernrate - also die Inflation ohne Energie und Lebensmittel - von größerer Bedeutung und hier zeigt sich bisher wenig Bewegung: 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, genau wie im Juli. Wegen der Basiseffekte im Energiebereich steuern wir jetzt auf eine längere Phase zu, in der die Headline-Inflation weiter sinkt und unter die Kernrate fällt, die ihrerseits von großer Zähigkeit ist. Der Job der EZB ist noch lange nicht erledigt."

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust
"Der deutliche Preisniveauanstieg, der im Vorjahresvergleich auch ohne Energie und Nahrungsmittel bei 5,5 Prozent liegt, zeigt, wie schwierig der Weg bei der Rückkehr zur Preisniveaustabilität ist und dass aus einmaligen Preisschocks anhaltende Preissteigerungen werden können. Man könnte wie in der Physik von einem Trägheitsmoment der Inflation sprechen, das der Verbraucher derzeit zu spüren bekommt. Der Rückgang der Inflationsrate im größten Euroland ist so schwach, dass die EZB eher zu weiteren Zinssteigerungen tendieren wird."

Thomas Altmann, Head of Portfoliomanagement bei QC Partners
"Es ist zumindest (gemeinsam mit dem Mai) die niedrigste Inflationsrate seit März 2022. Der Rückgang fällt allerdings etwas geringer aus als erwartet und erhofft. Das ist keine Tragödie, aber eine kleine Enttäuschung. 0,3 Prozent im Monatsvergleich ist weiterhin über dem Monatsziel der EZB, aber die Abweichung wird geringer. Damit hat die Inflationsrate jetzt das Potenzial, sich zumindest im nächsten Jahr im Dreier-Bereich einzupendeln. Enttäuscht werden vor allem die, die sich aus der heutigen deutschen Inflationsrate konkrete Hinweise auf die EZB-Zinsentscheidung in zwei Wochen erhofft haben. Hier bleibt alles offen. Die nächste Zinssitzung könnte damit so spannend werden wie lange keine zuvor." (Ausgabe vom 30.08.2023) (31.08.2023/alc/a/a)