Die Inflation ist der Schlüssel


05.10.22 12:41
AllianceBernstein

London (www.anleihencheck.de) - Die Inflation ist nach wie vor hoch und dominiert die Makroprognosen, so Eric Winograd, Director of Developed Market Economic Research beim Asset Manager AllianceBernstein (AB).

Die Dominanz der Inflation stelle eine große Herausforderung dar, da kein Inflationsmodell ausreiche, um Anlegern oder politischen Entscheidungsträgern ausreichend Vertrauen in die künftige Preisentwicklung zu geben. Zwar seien grob umrissene Beobachtungen zur Inflation im Zeitverlauf recht zuverlässig, doch würden sie in der Regel für Jahrzehnte, nicht für Monate gelten. So hätten die Experten beispielsweise jahrelang argumentiert, dass der zunehmende Populismus und die Deglobalisierung die Inflation in Zukunft in die Höhe treiben würden - aber würden die aktuellen Raten den Erwartungen der Experten entsprechen? Ganz und gar nicht. Sie seien davon ausgegangen, dass die Inflation in Zukunft leicht über dem Niveau vor der Pandemie liegen werde. Sie hätten aber den jüngsten massiven Preisanstieg sicher nicht vorhergesehen, und sie würden diesen Anstieg auch nicht in erster Linie dem Populismus oder der Deglobalisierung zuschreiben.

Die Zentralbanker würden sich auf das Verhältnis zwischen dem Arbeitsmarkt und der Inflation stützen und richtigerweise feststellen, dass ein engerer Arbeitsmarkt die Inflation im Allgemeinen nach oben treibe. Aber Modelle, die auf dieser Prämisse basieren würden, hätten auch das Ausmaß des aktuellen Preisschocks stark unterschätzt. Im Ergebnis würden die Zentralbanker - um eine Rede des Vorsitzenden der Federal Reserve, Jerome Powell, zu paraphrasieren - im Dunkeln tappen, und würden versuchen, bei der Gestaltung der Geldpolitik nicht gegen die Möbel zu stoßen.

Nach Ansicht der Experten deute das kurzfristige Bild darauf hin, dass die Inflation hoch bleiben werde. In den USA werde die Kerninflation (ohne Energie und Lebensmittel) vor allem aufgrund der steigenden Kosten für das Wohnen die Gesamtinflation übertreffen. Die Experten seien der Ansicht, dass sich der rund 20-prozentige Anstieg der Immobilienpreise im letzten Jahr noch nicht vollständig in den Inflationsdaten niedergeschlagen habe. Im Zyklus 2007/2008 habe die Inflation für Wohnimmobilien erst 15 Monate nach dem Höchststand der Immobilienpreise zu sinken begonnen. Wenn sich diese Erfahrung in diesem Zyklus wiederhole, werde die Inflation für Wohnimmobilien erst im nächsten Sommer zurückgehen - und Wohnen sei die größte Kategorie im Inflationskorb.

Auch der Arbeitsmarkt bleibe stark, was die Preise für Dienstleistungen hochhalten dürfte. Die Experten würden davon ausgehen, dass der von den Dienstleistungen ausgehende Preisdruck ausreiche, um die Kerninflation insgesamt auf einem hohen Niveau zu halten, auch wenn die Güterpreise im Zuge des Wiederanlaufs der globalen Lieferketten und des Rückgangs der Energiepreise zurückgehen würden.

In Europa und im Vereinigten Königreich würden die steigenden Erdgaspreise bedeuten, dass die Inflation für den Rest des Jahres bei fast 10 Prozent liegen werde. Es sei besorgniserregend, dass die europäischen Erdgaspreise kurz vor der Heizperiode im Winter immer noch fast das Zehnfache des Vorkrisenniveaus betragen würden. Dies sei eindeutig auf die russische Invasion in der Ukraine zurückzuführen, und die überhöhten Preise seien vielleicht nicht das Schlimmste: Wenn die Lieferungen aufgrund des Krieges begrenzt seien, könnten in diesem Winter Energierationierungen notwendig werden. Das würde die europäische Wirtschaft sehr wahrscheinlich in eine scharfe Rezession stürzen und nicht in den von den Experten erwarteten milderen Abschwung.

Es werde oft gesagt, dass das beste Mittel gegen steigende Preise steigende Preise wären. Die Logik sei, dass steigende Preise über einen längeren Zeitraum den Verbrauchern irgendwann so sehr aufstoßen würden, dass sie ihre Käufe reduzieren würden, was die Nachfrage verringere und das System wieder ins Gleichgewicht bringe. Das möge zwar stimmen. Es wäre aber in der Tat ein mutiger Zentralbanker, der sich unter den gegenwärtigen Bedingungen auf dieses Experiment einlassen würde. Selbst wenn dieses Laissez-faire-Konzept funktionieren würde, wäre es sehr wahrscheinlich, dass "irgendwann" eine unerträglich lange Zeit des Wartens beding würde.

Infolgedessen würden sich die Zentralbanker nicht darauf verlassen, dass sich die hohen Preise von selbst korrigieren würden, und man befinde sich inmitten eines sehr aggressiven Zinserhöhungszyklus. Weltweit würden die Entscheidungsträger die Zinssätze um 50, 75 oder sogar 100 Basispunkte erhöhen und sich bemühen, die Nachfrage ausreichend zu bremsen, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Die Experten seien der Meinung, dass dieser Prozess noch viel Spielraum habe, und würden in den nächsten Monaten mit mindestens weiteren 100 bis 150 Basispunkten an Zinserhöhungen durch die großen Notenbanken rechnen.

Die bereits erfolgte geldpolitische Straffung beginne sich auszuwirken - es gebe Anzeichen für eine weltweite Konjunkturabschwächung. Die Immobilienmärkte würden sich angesichts steigender Hypothekenzinsen stark abkühlen und die strengeren finanziellen Bedingungen würden das Wachstum im Allgemeinen dämpfen. Die Experten würden glauben, dass die Wirtschaft noch viel mehr zu leiden haben werde. Es werde den Zentralbanken einfach nicht möglich sein, die Inflation unter Kontrolle zu bringen, ohne das Wachstum zu verlangsamen und die Arbeitsmärkte zu schwächen. Während die Marktteilnehmer in "normalen" Zeiten eine Anhebung der Zinssätze durch eine Zentralbank in einer wirtschaftlichen Rezession als politischen Fehler ansehen würden, würden die Experten glauben, dass genau das in diesem Umfeld notwendig sein könnte.

Die Experten würden sowohl in der Eurozone als auch im Vereinigten Königreich eine Rezession erwarten, wobei das Wachstum über mehrere Quartale hinweg durchweg negativ sein dürfte. Für die USA würden sie ein Wachstum prognostizieren, das mehrere Quartale lang bei oder nahe Null liegen werde: Sicherlich besser als in Europa, aber in keinem absoluten Sinne gut. Ob dies offiziell als Rezession eingestuft werde oder nicht, sei eher eine semantische als eine inhaltliche Frage - die Aussichten seien düster, egal mit welchen Worten man sie beschreiben möchte.

Dennoch sei es wichtig, die Erwartungen der Experten in den richtigen Kontext zu stellen. Die Inflation übe zwar einen immensen Druck auf die Weltwirtschaft aus. Sie würden aber denken, dass auch dies vorübergehen werde. Die Zentralbanker würden die geeigneten Maßnahmen ergreifen, um die Inflation zu senken. Dieser Prozess werde zwar schmerzhaft, ihrer Meinung nach aber letztlich erfolgreich sein. Selbst in den kommenden schwierigen Monaten gebe es Gründe für die Annahme, dass der kommende Abschwung im Vergleich zu früheren Rezessionen gering ausfallen werde.

Die Finanzen der privaten Haushalte, die durch die Konjunkturpakete der Pandemiezeit gestärkt worden seien, seien robust, die Bilanzen der Unternehmen seien solide und das globale Finanzsystem scheine nicht besonders anfällig für Vermögenspreisblasen zu sein. Das bedeute, dass man anstelle eines drastischen Abschwungs eine mildere, schleichende Verlangsamung erwarte, die mehrere Quartale andauere, aber nicht die gleichen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen verursache wie die letzten beiden Rezessionen.

Was bedeute das für die Finanzmärkte? Solange die Inflation nicht nachhaltig zurückgehe, sollten die Anleger keine Unterstützung durch die Zentralbanken erwarten würden. Ganz im Gegenteil: Einer der wichtigsten Wege, auf denen die Geldpolitik auf die Wirtschaft übertragen werde, führe über die Finanzmärkte. Höhere Zinssätze, niedrigere Aktienkurse und höhere Risikoprämien bei Krediten seien leider Teil der Lösung des Inflationsproblems. Ein Großteil der Arbeit sei bereits getan, aber die Experten würden es dennoch für verfrüht halten, Entwarnung zu geben. "Wir gehen davon aus, dass uns die Marktvolatilität zumindest in den nächsten Monaten noch begleiten wird", so die Experten AllianceBernstein. (05.10.2022/alc/a/a)