Erweiterte Funktionen
Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben
03.12.21 09:30
Degussa Goldhandel
München (www.anleihencheck.de) - Angebotsknappheit und Nachfrageüberhang in den Gütermärkten können durchaus eine Güterpreisinflation auslösen, aber nur, wenn die Zentralbank das Geldangebot übermäßig ausgeweitet hat. Genau das ist aktuell weltweit der Fall, so Dr. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Degussa Goldhandel.
Das Wort "Inflation" falle dieser Tage zwar häufig, aber nicht immer sei ganz klar, was damit eigentlich gemeint sei. Einzelne Güterpreise könnten mitunter stark ansteigen - wie derzeit beispielsweise die Preise für Öl und Gas oder Baumaterialien -, doch das sei für sich genommen noch keine Inflation. Um Inflation handele es sich dann - genauer sollte man von "Güterpreisinflation" sprechen -, wenn die Preise der Güter auf breiter Front und auch fortgesetzt in die Höhe steigen würden. Und das geschehe mittlerweile überall.
In den Vereinigten Staaten von Amerika seien im Oktober 2021 die Konsumgüterpreise um 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, im Euroraum um 4,1 Prozent. In Deutschland, so die Deutsche Bundesbank, werde die Konsumgüterpreisinflation im November vermutlich fast 6 Prozent betragen. Doch das sei nur die halbe Wahrheit. Die Preise auf den Vermögensmärkten - also den Märkten für Aktien, Anleihe, Häuser und Grundstücke - würden ebenfalls sehr stark inflationieren. So seien im August 2021 die US-amerikanischen Häuserpreise um 19,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. In Deutschland seien die Hauspreise im September 2021 13,3 Prozent gestiegen.
Wie könne es zur Güterpreisinflation kommen? In der ökonomischen Lehre unterscheide man üblicherweise zwischen zwei Erklärungen. Zum einen spreche man von angebots- und oder nachfragegetriebener Güterpreisinflation. Das sei dann der Fall, wenn das Güterangebot knapp sei, die Nachfrage also das Angebot übersteige und als Folge die Güterpreise anziehen würden - weil Unternehmen ihre erhöhten Kosten auf die Preise überwälzen und/oder die Güterpreise knappheitsbedingt ansteigen würden. Zum anderen gebe es die monetäre Erklärung der Preisinflation.
Ihr zufolge sei die Güterpreisinflation Folge einer übermäßigen Geldmengenausweitung, also einer "Geldmengeninflation". Beide Erklärungen der Inflation stünden sich jedoch nicht unvereinbar gegenüber. Zwar sei eine anhaltende Güterpreisinflation ohne eine unterliegende Geldmengeninflation kaum denkbar, jedoch könnten Angebotsknappheit und Nachfrageüberhang in den Gütermärkten durchaus eine Güterpreisinflation auslösen, wenn die Zentralbank das Geldangebot übermäßig ausgeweitet habe.
Genau das sei aktuell weltweit der Fall. So habe die EZB die Geldmenge M3 seit Anfang 2020 um fast 18 Prozent ausgeweitet, um die Folgen des politisch diktierten Lockdowns zu bewältigen. In den USA habe die US-Zentralbank die Geldmenge sogar um 36 Prozent ausgeweitet. Nicht viel anders sehe es in vielen anderen Ländern aus. Die immer noch anhaltende Beschädigung der internationalen Lieferketten sei so gesehen der Nährboden, auf dem sich der "Geldmengenüberhang" in steigender Güterpreisinflation entladen könne.
Die Zentralbanken und Politiker seien bestrebt, den wahren Grund der Güterpreisinflation vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen, die Schuld von sich zu weisen. Vielmehr würden sie zum Beispiel steigende Ölpreise, Lieferengpässe, geringe Produktivität, Wechselkursabwertungen und anderes mehr beschuldigen - Faktoren also, die außerhalb ihrer Verantwortung stünden. Dass sie jedoch die Geldmenge zu stark ausgeweitet hätten, darüber würden sie den Mantel des Schweigens breiten.
Für die Öffentlichkeit sei es nicht immer einfach, den Bezug zwischen steigenden Güterpreisen und Geldmengenvermehrung zu erkennen. Beispielsweise wirke die Geldmengenausweitung häufig erst mit einer langen Zeitverzögerung auf die Güterpreise. Oder die statistischen Preisindizes würden die Folgen der Geldmengenausweitung nur unzureichend einfangen. So habe es in den letzten Jahrzehnten eine fulminante Vermögenspreisinflation (in den Aktien- und Häusermärkten) gegeben, die aber in den offiziellen Zahlen nicht sichtbar geworden sei.
Im Grunde könne man sich jedoch die Wirkung, die die Ausweitung der Geldmenge in der Volkswirtschaft habe, wie einen Wasserrohrbruch im Haus vorstellen. Zunächst bekomme man gar nicht mit, dass das Rohr gebrochen sei. Dann jedoch, nach einer gewissen Zeit, beginne es in der einen Zimmerecke feucht zu werden, nachfolgend zeige sich die Nässe großflächig, weite sich auf andere Zimmer aus, und schließlich sei das ganze Gebäude durchtränkt. Ganz ähnlich sorge eine Geldmengenausweitung über die Zeit für höhere Güterpreise.
Zwar wollten die Zentralbanken und Politiker der Öffentlichkeit derzeit den Eindruck vermitteln, dass die Preisinflation keine Preisinflation sei, dass es sich nur um einen vorübergehenden "Buckel" handele, der bald wieder verschwinden werde. Doch zeichne die bereits erfolgte Geldmengeninflation ein anderes Bild: Die Geldmengeninflation trage dazu bei, mache es erst möglich, dass die Güterpreise auf breiter Front in die Höhe klettern würden. Und leider sei die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, dass das Inflationsproblem noch größer werde.
Es scheine sich ein stillschweigender Konsens herausgebildet zu haben, dass Wachstum und Beschäftigung Vorrang vor allen anderen Zielen hätten, auch vor dem Ziel, die Güterpreisinflation niedrig zu halten. Politisch gesehen sei das in einer Zeit besonders verlockend, in der die allgemeine Verschuldung, vor allem auch die der Staaten, gewaltige Höhen erreicht habe und eine "etwas höhere" Güterpreisinflation ein probates Mittel zu sein scheine, sich der lästigen Schuldenlasten zumindest teilweise zu entledigen.
Für die breite Bevölkerung sei Güterpreisinflation ein Übel. Steigende Güterpreise würden den Lebensstandard reduzieren: Man bekomme weniger für sein Geld, müsse länger arbeiten, um die gleiche Gütermenge kaufen zu können. Die Güterpreisinflation sorge zudem für Verbitterung, bringe die Menschen gegeneinander auf, weil sie für Gewinner und Verlierer sorge: Die Güterpreisinflation mache einige reich und viele arm. Und nicht zuletzt schädige Güterpreisinflation, vor allem wenn sie hoch ausfalle, auch Wachstum und Beschäftigung.
Die Erfahrung zeige, dass sich die Preisinflation politisch nicht systematisch und kontrolliert einsetzen lasse. Früher oder später verpuffe das Vertrauen der Menschen in das Geld. Es sei daher besser, den Tatsachen so schnell wie möglich ins Auge zu sehen: Dass nämlich die aktuellen Güterpreissteigerungen nicht vorrübergebend, sondern "echte Inflation" repräsentieren würden, und dass der Ausstieg aus der extremen Niedrigzins- und Geldmengenvermehrungspolitik erfolgen müsse. Je früher, desto besser. Denn je länger er hinausgezögert werde, desto schwerwiegender würden die Inflationsschäden ausfallen, und desto höher würden die Anpassungskosten sein, um die Inflation zu beenden. (Ausgabe vom 02.12.2021) (03.12.2021/alc/a/a)
Das Wort "Inflation" falle dieser Tage zwar häufig, aber nicht immer sei ganz klar, was damit eigentlich gemeint sei. Einzelne Güterpreise könnten mitunter stark ansteigen - wie derzeit beispielsweise die Preise für Öl und Gas oder Baumaterialien -, doch das sei für sich genommen noch keine Inflation. Um Inflation handele es sich dann - genauer sollte man von "Güterpreisinflation" sprechen -, wenn die Preise der Güter auf breiter Front und auch fortgesetzt in die Höhe steigen würden. Und das geschehe mittlerweile überall.
In den Vereinigten Staaten von Amerika seien im Oktober 2021 die Konsumgüterpreise um 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, im Euroraum um 4,1 Prozent. In Deutschland, so die Deutsche Bundesbank, werde die Konsumgüterpreisinflation im November vermutlich fast 6 Prozent betragen. Doch das sei nur die halbe Wahrheit. Die Preise auf den Vermögensmärkten - also den Märkten für Aktien, Anleihe, Häuser und Grundstücke - würden ebenfalls sehr stark inflationieren. So seien im August 2021 die US-amerikanischen Häuserpreise um 19,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. In Deutschland seien die Hauspreise im September 2021 13,3 Prozent gestiegen.
Wie könne es zur Güterpreisinflation kommen? In der ökonomischen Lehre unterscheide man üblicherweise zwischen zwei Erklärungen. Zum einen spreche man von angebots- und oder nachfragegetriebener Güterpreisinflation. Das sei dann der Fall, wenn das Güterangebot knapp sei, die Nachfrage also das Angebot übersteige und als Folge die Güterpreise anziehen würden - weil Unternehmen ihre erhöhten Kosten auf die Preise überwälzen und/oder die Güterpreise knappheitsbedingt ansteigen würden. Zum anderen gebe es die monetäre Erklärung der Preisinflation.
Ihr zufolge sei die Güterpreisinflation Folge einer übermäßigen Geldmengenausweitung, also einer "Geldmengeninflation". Beide Erklärungen der Inflation stünden sich jedoch nicht unvereinbar gegenüber. Zwar sei eine anhaltende Güterpreisinflation ohne eine unterliegende Geldmengeninflation kaum denkbar, jedoch könnten Angebotsknappheit und Nachfrageüberhang in den Gütermärkten durchaus eine Güterpreisinflation auslösen, wenn die Zentralbank das Geldangebot übermäßig ausgeweitet habe.
Genau das sei aktuell weltweit der Fall. So habe die EZB die Geldmenge M3 seit Anfang 2020 um fast 18 Prozent ausgeweitet, um die Folgen des politisch diktierten Lockdowns zu bewältigen. In den USA habe die US-Zentralbank die Geldmenge sogar um 36 Prozent ausgeweitet. Nicht viel anders sehe es in vielen anderen Ländern aus. Die immer noch anhaltende Beschädigung der internationalen Lieferketten sei so gesehen der Nährboden, auf dem sich der "Geldmengenüberhang" in steigender Güterpreisinflation entladen könne.
Für die Öffentlichkeit sei es nicht immer einfach, den Bezug zwischen steigenden Güterpreisen und Geldmengenvermehrung zu erkennen. Beispielsweise wirke die Geldmengenausweitung häufig erst mit einer langen Zeitverzögerung auf die Güterpreise. Oder die statistischen Preisindizes würden die Folgen der Geldmengenausweitung nur unzureichend einfangen. So habe es in den letzten Jahrzehnten eine fulminante Vermögenspreisinflation (in den Aktien- und Häusermärkten) gegeben, die aber in den offiziellen Zahlen nicht sichtbar geworden sei.
Im Grunde könne man sich jedoch die Wirkung, die die Ausweitung der Geldmenge in der Volkswirtschaft habe, wie einen Wasserrohrbruch im Haus vorstellen. Zunächst bekomme man gar nicht mit, dass das Rohr gebrochen sei. Dann jedoch, nach einer gewissen Zeit, beginne es in der einen Zimmerecke feucht zu werden, nachfolgend zeige sich die Nässe großflächig, weite sich auf andere Zimmer aus, und schließlich sei das ganze Gebäude durchtränkt. Ganz ähnlich sorge eine Geldmengenausweitung über die Zeit für höhere Güterpreise.
Zwar wollten die Zentralbanken und Politiker der Öffentlichkeit derzeit den Eindruck vermitteln, dass die Preisinflation keine Preisinflation sei, dass es sich nur um einen vorübergehenden "Buckel" handele, der bald wieder verschwinden werde. Doch zeichne die bereits erfolgte Geldmengeninflation ein anderes Bild: Die Geldmengeninflation trage dazu bei, mache es erst möglich, dass die Güterpreise auf breiter Front in die Höhe klettern würden. Und leider sei die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, dass das Inflationsproblem noch größer werde.
Es scheine sich ein stillschweigender Konsens herausgebildet zu haben, dass Wachstum und Beschäftigung Vorrang vor allen anderen Zielen hätten, auch vor dem Ziel, die Güterpreisinflation niedrig zu halten. Politisch gesehen sei das in einer Zeit besonders verlockend, in der die allgemeine Verschuldung, vor allem auch die der Staaten, gewaltige Höhen erreicht habe und eine "etwas höhere" Güterpreisinflation ein probates Mittel zu sein scheine, sich der lästigen Schuldenlasten zumindest teilweise zu entledigen.
Für die breite Bevölkerung sei Güterpreisinflation ein Übel. Steigende Güterpreise würden den Lebensstandard reduzieren: Man bekomme weniger für sein Geld, müsse länger arbeiten, um die gleiche Gütermenge kaufen zu können. Die Güterpreisinflation sorge zudem für Verbitterung, bringe die Menschen gegeneinander auf, weil sie für Gewinner und Verlierer sorge: Die Güterpreisinflation mache einige reich und viele arm. Und nicht zuletzt schädige Güterpreisinflation, vor allem wenn sie hoch ausfalle, auch Wachstum und Beschäftigung.
Die Erfahrung zeige, dass sich die Preisinflation politisch nicht systematisch und kontrolliert einsetzen lasse. Früher oder später verpuffe das Vertrauen der Menschen in das Geld. Es sei daher besser, den Tatsachen so schnell wie möglich ins Auge zu sehen: Dass nämlich die aktuellen Güterpreissteigerungen nicht vorrübergebend, sondern "echte Inflation" repräsentieren würden, und dass der Ausstieg aus der extremen Niedrigzins- und Geldmengenvermehrungspolitik erfolgen müsse. Je früher, desto besser. Denn je länger er hinausgezögert werde, desto schwerwiegender würden die Inflationsschäden ausfallen, und desto höher würden die Anpassungskosten sein, um die Inflation zu beenden. (Ausgabe vom 02.12.2021) (03.12.2021/alc/a/a)
Aktuelle Kursinformationen mehr >
| Kurs | Vortag | Veränderung | Datum/Zeit | |
| 2,70 % | 1,90 % | 0,80 % | +42,11% | 24.04./22:00 |
| ISIN | WKN | Jahreshoch | Jahrestief | |
| 2,70 % | 1,80 % | |||


