Die Inflation ist tot - Wir leben jetzt in neuen Zeiten


26.03.18 12:45
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Es sind gerade einmal sechs Wochen her, da fiel der Dow Jones Industrial am 02.02.2018 um 494 Punkte und stürzte die globalen Finanzmärkte in eine Panik, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Am 05.02.2018 sei ein Einbruch von 1.600 Punkten und am 08.02.2018 von weiteren 1.033 Punkten gefolgt. Der DAX, der EURO STOXX 50 der CAC 40 und alle übrigen wichtigen Aktienindices seien dem Beispiel gefolgt. Inzwischen sei etwa die Hälfte der Verluste wieder aufgeholt, doch dann wieder verloren worden. Gelassenheit habe sich trotzdem breitgemacht. Schließlich habe sich an den volkswirtschaftlichen Daten doch nicht viel geändert. Der Konjunkturaufschwung setze sich auf beiden Seiten des Atlantiks mit ca. 2,5% fort, die Unternehmensgewinne würden steigen, der Anstieg der Rentenrenditen sei nur gering, die Inflation sei tot. Die Experten von "fairesearch" fragen sich, ob wir wirklich in neuen Zeiten leben. Im Schlaraffenland? US-Analysten würden es Goldilocks nennen.

Die Antwort auf diese Fragen erübrige sich. Volkswirtschaftliche Gesetze und ihre Formeln würden manchmal mehr Zeit benötigen, bis sie sich wieder durchsetzen würden. Zeit, die die Wertpapierhändler mit ihren kurzfristig orientierten Dispositionen nicht hätten. Die zuversichtlichen Konjunkturerwartungen könnten durchaus einen schmerzlichen Dämpfer erhalten, wenn sich die gegenwärtig auftretenden protektionistischen Tendenzen verbreiten und verstärken sollten. Von einem Handelskrieg (Trump: "A trade war is good and easy to win!") könne niemand profitieren. US-Zölle auf Stahl (25%) und Aluminium (10%) würden Gegenmaßnahmen hervorrufen. Deutsche Autos (vorgeschlagener Zoll: 25%) seien ja in den USA nicht deswegen gefragt, weil sie so billig seien, sondern so gut. Im Fokus stehe jetzt der Handel China/USA. Die US-Exportindustrie sei auf den Weltmärkten wenig konkurrenzfähig.

Ungelöst bleiben würden die Inflationssorgen. Nach klassischer Definition sei "Inflation" ein Angebots-/Nachfrageproblem. Zu viel Geld treffe auf zu wenig Güter und Leistungen. Die Notenbanken würden in der Regel dafür sorgen, dass stets genügend Geld vorhanden sei, damit die Preise steigen würden, aber nicht zu viel Geldvolumen, damit sie nicht zu schnell steigen würden. In den zurückliegenden Jahren der ultra-expansiven Geldpolitik hätten sie aber durch Nullzinspolitik (ZIRP) und QE allzu viel für eine reichliche Geldversorgung getan, wodurch die Vermögenspreise eine inflationäre Entwicklung erfahren hätten. Dahinter stecke die Idee, dass die Verbraucher mehr konsumieren würden, wenn sie sich reicher fühlen würden. Warum aber habe sich dies bisher noch nicht bis in die Ebene der Verbraucher fortgesetzt? Dafür würden die Statistiker sorgen, indem sie ständig die Berechnungsmethoden für den CPI ändern würden.

Das Institut Shadow Government Statistics habe festgestellt, würde man die US-Konsumentenpreise nach der Methode errechnen, die bis in die 1980er Jahre angewendet worden sei, habe sich der CPI-Anstieg auf knapp 10% gestellt. Stattdessen liege der vom Arbeitsministerium veröffentlichte Anstieg gegenüber dem Vorjahr bei 2,1%. Zum Standardmaß für die Lebenshaltungskosten in den USA sei die "Kernrate" definiert worden. Sie liege bei 1,7%. Diese "Core Rate" solle die wahre, zugrunde liegende Inflation spiegeln ohne die volatilen Preise für Energie und Nahrungsmittel. Doch welche Verbraucher seien das, die im Alltag ohne Energie und Nahrungsmittel auskämen? Es seien diejenigen Amerikaner, die nichts essen oder trinken, niemals Auto fahren oder fliegen und ihre Wohnungen weder heizen noch kühlen würden.

Andere fragwürdige Rechenmethoden, die die Inflation niedrig ausfallen lassen würden, seien der hedonische Preisansatz, mit dem technologische Fortschritte ein Produkt automatisch gegenüber dem Vorjahresprodukt preiswerter machen und die Teuerungsrate schönrechnen würden oder der Surrogatansatz, bei dem Produkte im Warenkorb mit starkem Preisanstieg gegen andere preisstabilere ersetzt würden (beispielsweise Rindfleisch werde teurer, Schweinefleisch nicht; also werde die Gewichtung von Rindfleisch zugunsten Schweinefleischs vermindert).

Die FED favorisiere als Benchmark für die Inflationsmessung den "Core PCE", die Kernrate für die Preise der Personal Consumption Expenditures. Immobilienpreise, Aktienkurse oder Vermögenswerte seien nicht enthalten. Auch Energie und Lebensmittel würden fehlen. Die angewandten Rechenmethoden würden dazu führen, dass dieser Index unterhalb von allen anderen Inflationsmaßstäben verharre. Ein gutes Beispiel für die Methode "Schönreden, Reichrechnen, Gesundbeten".

Die wahre Bewährungsprobe für die Notenbankpolitik werde dann kommen, wenn sich Inflationsgefahren doch deutlicher abzeichnen. Schon jetzt würden als Vorboten die Metallpreise, die Produzentenpreise und die Großhandelspreise steigen. Die 2%-Marke stehe auf dem Prüfstand! Wie könnten aber die Zentralbanken angesichts der hohen Verschuldung ihre Leitzinsen auf ein normales Maß erhöhen? Eine ultra-expansive Geldpolitik bei gleichzeitig exorbitanter Staatsverschuldung und aufziehenden Inflationsgefahren sei eine gefährliche Mixtur der Einflussfaktoren auf die Finanzmärkte. Aktien- und Rentenmärkte hätten in den letzten Jahren im Wesentlichen von ZIRP und QE gelebt; und das ändere sich. (Ausgabe vom 25.03.2018) (26.03.2018/alc/a/a)