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Internationale Finanzmärkte: Die Wellen schlagen derzeit sehr hoch


01.09.15 11:14
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - An den internationalen Finanzmärkten schlagen die Wellen derzeit sehr hoch, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Devisen-, Renten- und Aktienmärkte würden außergewöhnlich hohe Kursschwankungen zeigen. Genauso schnell wie es abwärts gehe, komme danach eine Erholung. Hätten die Märkte denn ihre Orientierung vollkommen verloren? Würden denn die alten Einflussfaktoren auf die Kursentwicklung nicht mehr gelten?

Mit einer ultra-expansiven Geldpolitik und Deficit Spending in noch nie dagewesener Größenordnung würden die Zentralbanken und Regierungen seit Jahren versuchen, die Wirtschafts- und Finanzkrise zu überwinden. Doch dieser Weg ohne Reformen der Fiskalpolitik scheine jetzt zu scheitern. Beste Beispiele hierfür seien Japan und die Südperipherie der Eurozone einschließlich Frankreich. Der Grenznutzen von sinkenden Zinsen und höheren Staatsausgaben sei längst erreicht und bereits negativ. Eine Fortsetzung der bisherigen Strategie wirke kontraproduktiv.

Wie das Beispiel Griechenland zeige, führe die Methode des Deficit Spending, um eine Volkswirtschaft aus einem Konjunkturtief herauszuführen, inzwischen in eine Sackgasse. Die weltweiten Schulden seien seit dem Ausbruch der Krise im Jahr 2007 um USD 57 Billionen auf jetzt USD 199 Billionen gestiegen (Quelle: McKinsey). Japan habe mit einer Quote aller Sektoren von 500% des BIP den höchsten Schuldenstand. Das stelle Fragen nach der finanziellen Stabilität. Einen Schuldenstand von mehr als 300% hätten neun Länder in der Welt, bei 39% aller Länder liege diese Quote über 100%.

Da mehr Staatsverschuldung keine Konjunkturwende habe herbeiführen können, hätten die Regierungen und Zentralbanken vollständig auf die Geldpolitik gesetzt. Die wichtigsten Zentralbanken der Welt würden immer noch an ihrer ultra-expansiven Geldpolitik festhalten, die FED, die EZB und die BoE seit 2009 und die BoJ seit 1990. Sonderliche Konjunkturimpulse würden sich nicht feststellen lassen weder in den USA, noch in der Eurozone, weder in Großbritannien, noch in Japan.

Nullzinspolitik (ZIRP), negative Geldmarktzinsen (NIRP), quantitative Lockerungen (QE), extrem niedrige Rentenrenditen seien keineswegs das erhoffte "Allheilmittel". Die FED habe ihre Bilanz von knapp USD 1 Billion Ende 2008 auf 4,5 Billionen Ende 2014 ausgeweitet. Das nominale BIP sei aber nur um USD 2,7 Billionen gestiegen. Rund USD 900 Mrd. seien in die Finanzmärkte geflossen und hätten eine Verdreifachung der US-Aktienkurse ausgelöst.

Erste Anzeichen, dass sich an diesem Kartenhaus etwas ändern könnte, hätten jetzt das gesamte Gebilde zum Schwanken gebracht. Sollte die FED wirklich eine erste Zinserhöhung beschließen, um zu einer Normalisierung der Zinsstruktur zurückzukommen, würden schwere Turbulenzen drohen. Das habe sich Mitte August in China gezeigt, als Meldungen über eine Konjunkturberuhigung zu hohen Abflüssen spekulativer Mittel geführt habe. Seit Mitte Juni sei der Wert chinesischer Aktien um etwa USD 4,5 Billionen gefallen. Der Einbruch in Shanghai habe entsprechende Crashs in der ganzen Welt ausgelöst. Doch wohin jetzt mit dem Geld?

Zur Beruhigung habe die People's Bank of China die chinesischen Leitzinsen von 5,75% auf 4,6% gesenkt und versucht, durch Käufe von Aktien die Märkte zu beruhigen. Na, dann scheine ja wieder alles in Ordnung zu sein. Die Notenbanken würden bei ihrer ultra-expansiven Geldpolitik bleiben. ZIRP, NIRP und QE würden hoffentlich weiter für chancenreiche Finanzmärkte sorgen. Prompt ströme das "Smart Money" wieder zurück in die Aktien, diesmal bevorzugt in die Eurozone. Die EZB verspreche auch die vollständige Umsetzung des Wertpapier-Kaufprogramms von EUR 1,1 Billionen mindestens bis September 2016.

Doch diese "Beruhigungspillen" könnten nicht langfristig für eine solide Wirtschaftspolitik sorgen. Die Notenbanken hätten nämlich weitgehend "ihr Pulver verschossen". Wenn die Turbulenzen an den Finanzmärkten auf die Konjunktur durchschlagen würden, hätten die Zentralbanken keine neuen Pfeile mehr im Köcher. Die Zinsen seien schon nahe 0%, noch weitere Senkungen in den negativen Bereich wären kontraproduktiv. Noch stärkere Käufe von Wertpapieren würden das ganze Finanzsystem schädigen.

Rentenrenditen von nahe 0% würden die Reformbereitschaft der Finanzpolitik lähmen und zu noch größerer Staatsverschuldung führen, die später den Staatshaushalt bis zur Handlungsunfähigkeit belasten würden. Ein Abwertungswettlauf an den Devisenmärkten oder Sanktionen im Außenhandel würden der Weltwirtschaft schaden. Eine kurzfristige Erleichterung der Börsen wegen der immer noch exzessiven Überschussliquidität dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gefahren einer neuen Finanzkrise Tag für Tag steigen würden.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sehe durchaus die Gefahr von Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten infolge einer eventuellen US-Zinserhöhung. Sie weise aber darauf hin, dass die FED einen solchen Schritt kommunikativ bereits behutsam vorbereitet habe. Die US-Leitzinsen seien schon seit außergewöhnlich langer Zeit äußerst niedrig, und das habe zu einer aggressiven Risikozunahme an den Finanzmärkten geführt. Je länger die Zinswende hinausgeschoben werde, desto riskanter werde die Situation.

China mache die FED für die starke Volatilität an den Finanzmärkten verantwortlich. Die FED gehe auf diese Kritik üblicherweise nicht ein. Tatsache aber dauere die ultra-expansive Geldpolitik schon viel zu lange. Soviel Liquidität weit über den realwirtschaftlichen Erfordernissen hätte es gar nicht geben dürfen. Und die EZB sowie die BoJ würden weiter drucken.

Die weltweite Finanzkrise und die Konjunkturflaute seien keineswegs überwunden. Auch im weiteren Jahresverlauf sei eine hohe Volatilität an den Börsen wahrscheinlich. Die ganze Welt stecke in der Falle einer grotesken Überschuldung. Der feste Glaube, allein mithilfe der Geldpolitik werde sich das schon alles regeln lassen, führe in eine Sackgasse. Die Einstellung, bisher sei doch alles gut gegangen, beschleunige lediglich die Krise. (01.09.2015/alc/a/a)