Ist Inflation stets politisch?


10.10.23 09:45
La Française Systematic AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Der September 2023 wird wegen des starken Zinsanstiegs an sämtlichen Anleihemärkten in Erinnerung bleiben, so François Rimeu, Senior Strategist von La Française AM.

Mit einem Anstieg der 10-jährigen US-Anleihe um 46 Basispunkte, der 10-jährigen deutschen Anleihe um 33 Basispunkte und der 10-jährigen italienischen Anleihe um 63 Basispunkte seien diese Schwankungen sehr beachtlich, mit deutlich invertierten Kurvenverläufen. Zu beachten sei auch, dass dies ohne nennenswerte Änderung der Inflationsprognosen geschehe, was ebenfalls zu sehr starken Schwankungen der Realzinsen führe. Die Realzinsen in den USA und in Deutschland seien jetzt auf dem höchsten Stand seit 2008 bzw. 2011.

In diesem äußerst volatilen Zinsumfeld seien die Aktienmärkte um 3% bis 5% gefallen. Dies sei angesichts der Realzinsentwicklung nur verständlich, aber die Credit-Indices hätten sich sehr gut gehalten! Der Bloomberg HY Euro Index (LP01TREU Index) habe den Monat mit einem Plus von 0,41% im positiven Bereich beenden können.

Die Zentralbanken seien offensichtlich einer der Hauptverantwortlichen für die Zinserhöhungen. Die US-Notenbank (FED) habe kürzlich ihre hawkishe Haltung bekräftigt mit der Ankündigung, mittels des Dot Plots ihre Zinserwartungen für Ende 2024 und 2025 anzuheben und ihre Wachstumsprognosen zu erhöhen. Auch die EZB habe mit einer Zinserhöhung, die von den Märkten nur teilweise erwartet worden sei, und einer trügerisch dovishen Ankündigung nicht gerade geholfen. Kaum habe Christine Lagarde angedeutet, dass dies die letzte Zinserhöhung sei, seien im EZB-Ausschuss auch schon Gegenstimmen laut geworden.

Aber auch andere Faktoren würden beim Zinsanstieg am langen Ende der Kurve eine strukturelle Rolle spielen. Die Laufzeitprämien seien nach wie vor sehr niedrig, gleichzeitig würden sich die Bilanzen der Zentralbanken allmählich verringern. Außerdem stünden erhebliche Probleme an und das Gefälle sei nach wie vor sehr invers. Ganz zu schweigen von den Haushaltsdefiziten, die nach wie vor sehr hoch sind und dies auch im nächsten Jahr bleiben dürften. Dieser letzte Punkt werde in den kommenden Jahren zweifellos der wichtigste und am schwierigsten zu prognostizierende sein. Wenn die Regierungen ihre expansive Finanzpolitik fortsetzen würden, werde es wahrscheinlich schwierig sein, die Inflation wieder auf etwa 2% zu senken. Wie Milton Friedman gesagt habe, sei die Inflation immer ein politisches Phänomen.

Die hohe Volatilität habe sich jedoch nicht nur auf die Anleihemärkte beschränkt. Der US-Dollar und der Preis für ein Barrel Öl würden weiter ansteigen - keine guten Nachrichten für das globale Wachstum. Der Anstieg der Ölpreise werde auch den kurzfristigen Inflationsverlauf erschweren, da die negativen Basiseffekte auslaufen würden und potenzielle Sekundäreffekte schwer zu prognostizieren seien. Der US-Dollar erweise sich als besonders stark gegenüber dem Yen, was den Druck auf die Bank of Japan erhöhe, die sowohl mit der Abwertung ihrer Währung als auch mit dem Anstieg der japanischen Langfristzinsen zu kämpfen habe.

Die Konjunkturdaten hätten das Gleichgewicht im September nicht gestört. Die Einkaufsmanagerindices hätten sich nicht wesentlich verändert, der ifo ebenfalls nicht, und auch die wichtigsten Wirtschaftsdaten jenseits des Atlantiks seien unverändert. Auch die Arbeitsmärkte würden recht stabil bleiben und seien weiterhin sehr widerstandsfähig.

Insgesamt sehe François Rimeu, Senior Strategist von La Française AM, keinen Grund, seine defensive Asset-Allokation zu ändern, mit einer starken Präferenz für das kurze Ende der Kurve, unabhängig von der Anleihenart. François Rimeu bevorzuge außerdem indexgebundene Anleihen gegenüber Nominalanleihen, sowohl aus Gründen des Carry als auch zur Absicherung im Falle einer zweiten Inflationswelle. Auf der Aktienseite sei seine Haltung ebenfalls defensiv, vor allem wegen des starken Anstiegs der Realzinsen.

Die langen Enden der Kurve befänden sich in einer Repricing-Phase, die nach wie vor Vorsicht gebiete. Der Anstieg des US-Dollar und der Ölpreise verstärke die derzeitige Unsicherheit darüber, ob die Inflation zu den Zielvorgaben der Zentralbanken zurückfinde. Kurzum, generelle Vorsicht. (10.10.2023/alc/a/a)