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Janet Yellen mit der Geldpolitik der ruhigen Hand


28.07.17 09:15
Baader Bank

Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Mit der gestrigen Veröffentlichung des FED-Beschlusses endete ein zweiwöchiger Zeitraum mit Leitzinsentscheidungen der vier wichtigsten Notenbanken, so Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank.

Nachdem die Bank of Japan (BoJ), die Bank of England (BoE) und die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihren Sitzungen die Beibehaltung der Leitzinsen beschlossen hätten, sei auch von den amerikanischen Notenbankern keine Änderung der Zinspolitik erwartet worden. Vielmehr habe sich das Augenmerk der Beobachter auf einen erhofften Hinweis bezüglich des Zeitpunkts für den Einstieg in die Bilanznormalisierung gerichtet. Die Formulierung "baldmöglichst" sei allerdings alles andere als konkret und somit rücke der Termin der nächsten FED-Sitzung am 20. September wieder in den Mittelpunkt des Interesses.

Der zusätzliche Hinweis, dass auch weiterhin die auslaufenden Anleihen ersetzt würden, dämpfe aber die Hoffnung auf eine baldige Reduzierung der Bilanzsumme, die in den Jahren seit der Finanzkrise auf 4,5 Billionen US-Dollar angestiegen sei. Zugleich habe Janet Yellen die Notwendigkeit schrittweiser Zinserhöhungen betont, da die konjunkturelle Entwicklung diese zulasse. Doch die Erwartungen der Analysten seien diesbezüglich geteilt. So sei die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung bis zum Jahresende von über 60% zum Monatsanfang auf zuletzt nur noch 45% gefallen. Dieser Meinungsumschwung resultiere sicherlich auch aus den durchaus begründeten Zweifeln über die Fähigkeit der Trump-Regierung, ihre angekündigte Politik durchzusetzen.

Die einzige Konstante bei D.T., dem Unberechenbaren, sei nämlich die Unbeständigkeit. Aus diesem Grund sei die wohldurchdachte und dosierte Geldpolitik der amerikanischen Notenbanker - unter dem Vorsitz von Janet Yellen - eine Wohltat für alle Finanzmarktakteure. Doch die Tage der "Geldpolitik der ruhigen Hand" könnten bald Geschichte sein, auch wenn der US-Präsident sich zuletzt gegenüber dem Wall Street Journal positiv über ihre Arbeit geäußert habe.

Im Jahr 2007 sei es gewesen, als hierzulande mit Bekanntwerden der Schieflage der IKB die Finanzkrise eingeläutet worden sei. Man habe damals zwar noch nicht gewusst, was da alles kommen würde, aber die Schwierigkeiten des vermeintlich soliden Mittelstandfinanzierers seien die Schatten gewesen, welche die 2008 um sich greifende Finanzkrise vorausgeworfen habe. Beschleunigt durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers habe sich dann die Krise in Windeseile verbreitet und in Deutschland die WestLB sowie die Hypo Real Estate verschwinden lassen. Anderen Instituten sollte der Bankenrettungsfonds SoFFin unter die Arme greifen.

Dass inzwischen, zum zehnjährigen Geburtstag der Krise, die Finanzwelt sicherer geworden sei, werde zwar immer wieder behauptet. "Aber sind wir da, wo wir sein müssten? " - das habe neulich der damalige Staatssekretär Jörg Asmussen gefragt. "Nein, noch nicht", habe er sich selbst geantwortet. Trotz Fortschritten bei den Kapitalmarktvorschriften seien die Reparaturarbeiten noch längst nicht abgeschlossen, wie auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann einräume.

Zu groß seien immer noch die Altlasten in Form von faulen Krediten und die Gefahren aufgrund von Verflechtungen zwischen Staaten und Banken sowie der Banken untereinander. Ob sich mit den neuen Auflagen, insbesondere in Form von Eigenkapitalanforderungen und der Einrichtung eines europäischen Sicherungsfonds, ein neuer Flächenbrand verhindern ließe, könne nur der Praxisfall zeigen. Denn, so hart es klinge, die nächste Krise komme bestimmt. Die entscheidende Frage werde dann sein, ob das System standhalten werde.

Und was die Staaten angehe, so sei die Schuldenlast in der Euro-Zone zwar leicht gesunken, was sich in einem Rückgang der durchschnittlichen Schuldenquote von 91,2% auf 89,5% des durchschnittlichen BIPs niederschlage. Dennoch würden die Verbindlichkeiten aller Länder der Euro-Zone stattliche 9,7 Billionen Euro betragen. Kein Grund zur Entwarnung also, mache die hohe Quote doch insgesamt deutlich, wie fragil das ganze System sei und wodurch es ins Wanken geraten könnte, wenn sich die Wirtschaftsleistung verringere.

Aber auch die enge Verflechtung von Banken und Staaten trage die Gefahr der Ansteckung in sich. Noch immer müssten Banken für Staatsanleihen kein Eigenkapital, also keinen Risikopuffer, vorhalten - genau der Umstand, den Weidmann als Brandbeschleuniger der letzten Krise bezeichnet habe. Auch der Umgang mit Krisenbanken in der jüngsten Vergangenheit habe gezeigt, dass sich die Länder, allen voran Italien, nicht um europäische Abwicklungsregeln scheren würden, wenn es die eigenen Institute treffe. Nur in Spanien habe man im Fall der Banco Popular erlebt, dass es gemäß europäischer Abwicklungsregeln zum Bail-in gekommen sei.

Immerhin seien inzwischen, zehn Jahre nach Ausbruch der Krise, die Eigenkapitalquoten der Institute kräftig nach oben geschraubt worden - europaweit auf 13,7%. Wie gesagt, ob dies ausreichen würde, einen Flächenbrand zu verhindern, könnte nur der Praxistest zeigen - eine Situation, die sich selbstverständlich keiner herbeiwünsche.

Am Ende würden sie alle von der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) profitieren - die vereinigten Schuldnerstaaten von Europa, einschließlich der Bundesrepublik. Seit 2008 hätten die Staaten laut Bundesbank insgesamt rund 1 Bill. Euro gespart. Für Deutschland errechne sich eine Entlastung von 240 Mrd. Euro, was rund 7,5% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspreche.

Eine noch höhere Einsparquote habe Italien erreicht, das von 2008 bis 2016 auf 10,5% Ersparnis gemessen am BIP komme. Aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen dürften die Staatsfinanzen auch noch weiter entlastet werden. Dennoch sollten sich Finanzpolitiker nicht zurücklehnen, sondern sich auf Zeiten steigender Zinsen vorbereiten. Noch immer werde die Zeit, welche die EZB durch die niedrigen Zinsen den Staaten erkauft habe, nicht richtig genutzt - etwa zum Abbau der Schuldenquoten. Diese lägen mit 133% des BIPs in Italien und Portugal (130%) besonders hoch. Spanien und Frankreich lägen bei knapp 100%, Deutschland bei 68%. Bekanntlich liege die Maastricht-Obergrenze allerdings bei 60% und die verantwortlichen Politiker sollten sich stets vor Augen führen, wie hoch die Haushaltsdefizite wären, wenn die Manipulation der Zinsen durch die EZB nicht so gnadenlos umgesetzt werden würde. Dann würden in vielen europäischen Staaten die Alarmglocken permanent läuten.

Ob vor diesem Hintergrund EZB-Präsident Mario Draghi, der an den Märkten als Schutzpatron Italiens gelte, tatsächlich den Ausstieg des milliardenschweren Anleiheankaufprogramms der EZB vorbereite, müsse sich erst noch zeigen. Schließlich sei die EZB der einzige große Player, der derzeit italienische Staatsanleihen aufkaufe. Wäre dies nicht mehr der Fall, würden die Zinsen für italienische Bonds in die Höhe schnellen. Dies würde das System wegen der hohen Staatsverschuldung, der schwächelnden Wirtschaft und einem Berg fauler Bankkredite noch mehr ins Wanken bringen, als es ohnehin schon der Fall sei. Daher müsse Italien ein Ende der Niedrigzinsphase am meisten fürchten.

Nach einer Zwangspause von drei Jahren kehre Griechenland an den Kapitalmarkt zurück. Erstmals seit April 2014 platziere das Land wieder eine Staatsanleihe - diesmal über ein Volumen von 3 Mrd. Euro und mit einem Kupon von 4 3/8% bei einer Endfälligkeit am 01.08.2022 (ISIN GR0114029540/ WKN A19MEC). Die Nachfrage habe sich mit 6,5 Mrd. Euro auf mehr als das Doppelte der Emission belaufen, die Rendite liege bei 4,625%. Darin spiegle sich dennoch eine gewisse Skepsis wider, denn 2014 seien bei der bislang letzten Anleihe (Emissionsvolumen und Laufzeit seien identisch gewesen) mehr als 20 Mrd. Euro gezeichnet worden. Die Rendite habe sich damals auf 4,95% belaufen.

Diese langersehnte Emission stelle für Athen somit einen wichtigen Test dar. Denn die Kapitalmarktfähigkeit von Hellas sei die Voraussetzung dafür, dass die EZB griechische Staatstitel in ihr Aufkaufprogramm aufnehme, woran Athen großes Interesse habe. Ob dies gelinge, hänge davon ab, ob das Land die Tragfähigkeit seiner Schulden nachweisen könne. Noch immer sei das Rating des Landes weit von Investment Garde entfernt. Immerhin habe die Ratingagentur S&P den Ausblick für Griechenland von "stabil" auf "positiv" angehoben. Moody‘s habe zuletzt sein Rating auf Caa2 angehoben. Um über die Aufnahme in das Ankaufprogramm zu entscheiden, behalte sich die EZB eine weitere, eigene Analyse der Schuldentragfähigkeit vor. Und es sei ein Schelm, der Böses dabei denke.

Zuletzt habe der Internationale Währungsfonds (IWF) avisiert, Griechenland mit weiteren 1,6 Mrd. Euro Kredithilfe zu unterstützen. Diese Zahlung habe der Fonds jedoch mit der Bedingung verknüpft, dass die europäischen Hellas-Gläubiger dem Land Schuldenerleichterungen gewähren würden. Dagegen habe sich die Bundesregierung immer wieder ausgesprochen - und daran dürfte sich auch, zumindest bis zur Bundestagswahl im September, nichts ändern. Somit sei der IWF-Beschluss nicht mehr und nicht weniger als eine Mogelpackung. Aber das sei ja nichts Neues.

Man sei sowieso schon unter Zeitdruck und gönne sich nun noch eine Verhandlungspause von einem Monat. Erst Ende August sollten die Brexit-Verhandlungen der Unterhändler aus London und Brüssel weitergehen, die aufgrund von tiefgehenden Meinungsunterschieden ohnehin kaum aus den Startlöchern gekommen seien. Nun spreche der britische Handelsminister Liam Fox plötzlich von einer Übergangsperiode bis maximal 2022, betone aber im gleichen Interview mit der BBC, die EU bis Ende März 2019 verlassen zu wollen. Ja, was denn nun?

Sobald man die EU verlassen hätte, müsse man sehen, wie ein möglichst sanfter Übergang gelingen könne, so Fox. Dies könne nach seiner Vorstellung in einer Übergangsperiode von etwa 24 Monaten machbar sein, während der Großbritannien weitere Handelsabkommen schließen könne. Offenbar dämmere es den Briten, dass der eigene, ehrgeizige Zeitplan nicht zu halten sei. Ansonsten wolle man zwar erst einmal raus aus der EU, um dann offenbar doch noch einen weichen Brexit hinzubekommen, wie Fox gesagt habe. Letztlich bedeute der Vorschlag einer Übergangsfrist lediglich eine Ausdehnung der Verhandlungsphase. Zudem gebe London noch ganz nebenbei bekannt, bereits Sondierungsgespräche mit den USA über eine bipolare Vereinbarung zu führen.

Unterdessen würden sich die negativen Signale mehren, die von einem drohenden EU-Austritt Großbritanniens ausgehen würden. So habe der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognose für das Land nach unten korrigiert. Das Wirtschaftswachstum werde lediglich um 1,7% und nicht um 2% zunehmen.

Und nachdem bisher mehrere Banken aufgrund des Brexits die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Frankfurt angekündigt hätten, habe nun die Bank of America bekannt gegeben, die Europa-Zentrale ihres Investmentgeschäfts ebenfalls aus London abzuziehen. Allerdings solle es nicht nach Frankfurt, sondern nach Dublin gehen.

Vielleicht sei es ja diese magische Kraft des Faktischen in Form der Verlagerung von Arbeitsplätzen, die den Verhandlungspartnern in Sachen Brexit nach der Sommerpause neuen Schwung verleihe. (Ausgabe vom 27.07.2017)

Disclaimer

Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.

Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.

Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten. (28.07.2017/alc/a/a)