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Japan: Rückkehr zur Nullrendite


06.10.16 13:30
Kames Capital

London (www.anleihencheck.de) - Die Geldpolitik hat seit der Kreditklemme eine lange Liste obskurer Abkürzungen zu Tage gefördert, und die japanische Notenbank Bank of Japan (BoJ) hat diese unlängst um eine weitere ergänzt, so Scott Jamieson, Head of Multi-Asset Investing bei Kames Capital.

Daher sollte man sich bereits jetzt an die Abkürzung "YCC" gewöhnen, die für die sogenannte "Renditekurvenkontrolle" (yield curve control) stehe. Dahinter stehe schlicht und ergreifend das Ziel, das Bankensystem zu stützen.

In der Regel (so auch vor der allgemeinen Finanzkrise) werde die Renditekurve vor einer Belebung des Wirtschaftswachstums steiler und umgekehrt. Dabei sei zu beachten, dass nach der allgemeinen Finanzkrise Änderungen der Renditekurve und der Wirtschaft deutlich stärker übereingestimmt hätten. Da die Rhetorik der Währungshüter derzeit mit Argusaugen beobachtet werde, könne eine aufwärts tendierende Renditekurve ebenfalls nützlich sein, um Vertrauen zu wecken, indem sie auf morgen vertröste. Eine flache Renditekurve verheiße im Gegenzug deutlich weniger Gutes. Die führenden Notenbanken würden sich bemühen, mit ihrer Nullzinspolitik bzw. der Einführung von Strafzinsen und der gleichzeitigen quantitativen Lockerung der Geldpolitik die Nachfrage anzukurbeln, indem sie Kredite billiger und leichter zugänglich machen würden. Dadurch hätten sich die Renditekurven stärker abgeflacht als es ansonsten wohl der Fall gewesen wäre. Diese flachen Kurven würden Zweifel über die wirtschaftlichen Aussichten säen, die sich im Allgemeinen in den später vorgelegten Zahlen bestätigt hätten.

Banken würden darauf bauen, kurzfristiges Geld auszuleihen und dieses langfristig zu vergeben. Je steiler die Renditekurve also nach oben tendiere, desto größer sei die Marge für Banken. In einem Klima der quantitativen Lockerung und Nullzinspolitik würden die Renditekurven flacher und somit an den Gewinnen von Banken zehren, nicht zuletzt, weil die Notenbanken entlang der Kurve aktiv Anleihen kaufen würden.

Die Renditekurve in Japan sei inzwischen negativ, was die Fähigkeit der Banken gefährde, normal zu funktionieren, und einen Schatten auf die wirtschaftlichen Aussichten des Landes werfe. Die BoJ sei an einem Punkt angelangt, an dem diese außergewöhnliche Geldpolitik mehr Probleme verursache, als sie löse. Denn es mache keinen Sinn, die Kreditkosten zu senken, wenn dadurch der Mechanismus zur Weitergabe von Krediten, sprich das Bankensystem, geschwächt werde.

In Zukunft werde die BoJ die laufende quantitative Lockerung bewusst anpassen, mit dem Ziel, eine steilere Renditekurve zu erreichen. Wie steil, sei bisher unklar. Gleichwohl sei die japanische Notenbank bemüht sicherzustellen, dass die Rendite auf die zehnjährige Staatsanleihe nicht unter null sinke. Zuletzt habe sie Ende Juli einen Tiefstand von minus 0,3% markiert. Hierzu werde die BoJ möglicherweise zehnjährige Anleihen verkaufen und Anleihen aus dem kürzeren Laufzeitenspektrum kaufen müssen. Das würde eine Umkehr der Operation Twist seitens der US-Notenbank FED 1961 und 2011 bedeuten und wahrscheinlich zu einem Ende des jahrzehntelangen Abwärtstrends der Renditen im zehnjährigen Spektrum führen.

Die Abenomics (die Wirtschaftspolitik der Regierung Abe) sei 2013 mit dem Ziel angestoßen worden, die Wirtschaftstätigkeit anzukurbeln und Japan durch eine nachhaltige Inflationsrate von 2% aus der Deflation zu befreien. Dabei sollte ein niedrigerer Wechselkurs als wichtiger Treiber fungieren. Der durch die Abenomics ausgelöste dramatische Währungsverfall habe die Inflation im Mai auf 2014 auf 3,7% hochschnellen lassen. Die jüngsten Zahlen von Juli würden jedoch belegen, dass Japan erneut in die Deflation (0,5% jährlich) gerutscht sei und der JPY wieder aufwerte.

In der Regel sollte eine steile Renditekurve für die zugehörige Währung schlecht sein. Die langfristigen Renditen würden ein Inflationsrisiko widerspiegeln, das durch die kurzfristigen Zinsen nicht ausgeglichen werde. Die Währung werde wahrscheinlich als Ausdruck für den voraussichtlichen Kaufkraftverlust abwerten. Die Kontrolle der Renditekurve (YCC) sollte sich negativ auf die Währung auswirken. In der Zeit nach der allgemeinen Finanzkrise hätten sich aber viele (die meisten?) klassische Wechselbeziehungen nicht gehalten.

Die Währungshüter, die eine schwächere Währung herbeisehnen würden, stünden vor der Herausforderung, dass Japan nach einer ausgeglichen Außenwirtschaftsbilanz 2014 inzwischen wieder einen erheblichen Außenhandelsüberschuss aufweise, der den JPY ohne Weiteres um zusätzliche 20% nach oben schicken könnte. Damit würde, sofern nicht bereits geschehen, das Ziel verfehlt, die Wirtschaftstätigkeit durch einen Abwertungswettlauf anzukurbeln. Die Einführung der YCC verdeutliche möglicherweise zum ersten Mal, wie teuer das Festhalten an einer expansiven Lockerung und einer Nullzinspolitik über einen längeren Zeitraum zu stehen komme. Daher sei davon auszugehen, dass sich die außergewöhnliche Geldpolitik zumindest in Japan ihrem Ende zuneige.

Außerdem spreche einiges dafür, dass die YCC letztendlich scheitern werde - genau wie jede andere vorangegangene politische Maßnahme in Japan. Japan stehe vor zahlreichen Herausforderungen, nicht zuletzt dem demographischen Druck einer alternden Bevölkerung, die kürzlich für Schlagzeilen gesorgt habe: 27% der Japaner seien über 65. Die wirtschaftlichen Aussichten für Arbeitnehmer in Japan seien äußerst erfreulich und besser als in den meisten anderen Industrieländern. Die Zahl der Arbeitnehmer entwickle sich jedoch leider rückläufig (minus 9% in den letzten zehn Jahren). Die Herbeiführung einer Rendite von unter null Prozent für zehnjährige Anleihen entspreche bei Weitem nicht dem, was an Abhilfemaßnahmen erforderlich sei. Für Anleger sei der JPY in schwierigen Zeiten ein sicherer Hafen gewesen. Daran werde die Kontrolle der Renditekurve nichts ändern. (06.10.2016/alc/a/a)