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Lasset die Zinssenkungen beginnen


07.06.24 09:15
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die globale Wirtschaft wird in etwa mit dem gleichen Tempo wie im vergangenen Jahr mit etwa 3% bis 3,5% wachsen, so die Experten von ETHENEA.

Das heiße, eine sanfte Landung der Weltwirtschaft bleibe das wahrscheinlichste Szenario. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Veröffentlichungen sei jedoch herauszustellen, wie vage und regional unterschiedlich die Aussichten seien. Die US-Wirtschaft kühle sich ab, bleibe aber gesund. Die Wirtschaft der Eurozone habe die Talsohle durchschritten und zeige Anzeichen eines Aufschwungs. Die asiatischen Volkswirtschaften würden mit einem soliden Wachstum in Indien und einer allmählichen Festigung der chinesischen Wirtschaft überzeugen. Grundsätzlich würden die Experten von ETHENEA mit der Unterstützung eines stabilen Arbeitsmarktes und anhaltender Fiskalpakete eine Belebung in der zweiten Jahreshälfte erwarten.

Der Disinflationsprozess setze sich fort, allerdings in einem wesentlich langsameren Tempo als im vergangenen Jahr. Zweifelsohne bestehe die Gefahr, dass die avisierte Belebung der Wirtschaftstätigkeit zu weiter steigenden Rohstoffpreisen und höheren Lohnforderungen führe und damit die Inflation über dem Zielwert der Zentralbanken bleiben werde. Dennoch würden die Zentralbanken in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften (beginnend mit der EZB) die Zinsen in diesem Jahr senken. Die Lockerung der Politik werde schrittweise und behutsam erfolgen. Die Zinssätze würden höher bleiben als in früheren Lockerungszyklen.

Die größten Herausforderungen für die Weltwirtschaft sähen die Experten von ETHENEA in den großen und wachsenden Staatsschulden und der geopolitischen Lage.

USA

Die Wirtschaftstätigkeit in den USA sei nach wie vor als gesund zu bezeichnen. Gemischte und manchmal auch widersprüchliche Daten würden aber auf eine Abkühlung hindeuten. Trotz der gegebenen Unsicherheit würden die Experten von ETHENEA eine sanfte Landung nicht zuletzt wegen der fiskalischen Anstrengungen eines um die Wiederwahl bemühten Präsidenten immer noch für am wahrscheinlichsten halten. Mit einem Anstieg der Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft um "nur" 175k und einem leichten Anstieg der Arbeitslosenquote auf 3,9% gebe es spürbare Anzeichen einer Entspannung auf dem Arbeitsmarkt.

Nachdem die Inflation drei Monate lang die Erwartungen übertroffen habe, seien die Daten für April beruhigend gewesen. Sowohl die Gesamt- als auch die Kerninflation hätten ihren Monatsanstieg auf +0,3% verlangsamt. Es bleibe festzuhalten: Die Inflation gehe allmählich zurück, bleibe aber besonders im Dienstleistungssektor hartnäckig. Es bestehe das Risiko eines weiteren Anstiegs des Preisdrucks. Verbraucher seien besorgt über beides und weniger stark steigende Einzelhandelsumsätze würden die Auswirkungen für den Konsum bereits messbar machen.

Die Wiederaufnahme des Trends bei der Desinflation und die langsame Entspannung auf dem Arbeitsmarkt seien gute Anzeichen dafür, dass sich die Geduld der FED auszahle. Nach wie vor sei die FED überzeugt, dass ihre Politik restriktiv genug sei und mit der Zeit dazu beitragen werde, die Inflation auf ihr Zielniveau zu bringen. Ob das zuletzt als "Higher for Longer" (H4L) bezeichnete Umfeld durch die noch in diesem Jahr wahrscheinliche erste Zinssenkung beendet werde, bleibe abzuwarten. Zumindest inflationsseitig dränge sich für die US-amerikanische Notenbank keine Eile auf. Wenn überhaupt, dann könnte ein Zinsschritt aus dem zweiten Teil ihres Mandates begründet werden. Dafür sei der Arbeitsmarkt aber noch zu stabil. Solange sich das nicht gravierend ändere, würden die Experten von ETHENEA von maximal 1-2 Zinssenkungen, beginnend im September, ausgehen.

Eurozone

Die europäische Wirtschaft habe die Talsohle durchschritten, die Stagnationsphase gehe zu Ende und die Aussichten würden sich allmählich aufhellen. Die technische Rezession im dritten und vierten Quartal des Vorjahres sei vorbei. Das reale BIP-Wachstum im ersten Quartal habe bei +0,3% gelegen. Die Experten von ETHENEA würden erwarten, dass die Wirtschaftstätigkeit im zweiten Quartal in ähnlichem Tempo zunehmen werde. Die Umfragen zur Wirtschaftstätigkeit würden eine zunehmende Wachstumsdynamik zeigen. Der Gesamteinkaufsmanagerindex sei im Mai den dritten Monat in Folge gestiegen und habe den höchsten Stand seit einem Jahr erreicht. Während der Dienstleistungssektor weiterhin solide expandiere, werde mittlerweile auch für das Verarbeitende Gewerbe eine Zunahme der Dynamik angezeigt.

Diese sogenannten weichen Daten stünden im Kontrast zu den weiterhin eher schwachen harten Daten. Beispielhaft seien hier die Industrieproduktion und die Auftragseingänge genannt, die nach wie vor auf eine schwache Binnennachfrage hindeuten würden. Obwohl die Arbeitslosenquote mit 6,5% in der Nähe historischer Tiefststände notiere, verharre das Verbrauchervertrauen weiterhin im negativen Bereich. Die Tariflöhne seien im ersten Quartal des Jahres um 4,7% gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen. Dieses auch real positive Lohnwachstum dürfte die private Nachfrage in den kommenden Monaten stützen.

Der Rückgang der Inflation setze sich weiter fort, habe sich aber in letzter Zeit verlangsamt. Der Anstieg im Mai sowohl des Verbraucherpreisindex auf 2,6% als auch der Kerninflation auf 2,7% zeige, dass der Desinflationstrend keine Einbahnstraße sei. Insbesondere die Dienstleistungsinflation sei weiterhin hoch. Die Experten von ETHENEA würden davon ausgehen, dass die Verbraucherpreise frühestens im Jahr 2025 wieder das Ziel der Zentralbanken erreichen würden. Dennoch sei die EZB zuversichtlich, dass der Preistrend auf dem richtigen Weg sei und dementsprechend scheine eine Zinssenkung im Juni beschlossene Sache zu sein. Angesichts der hartnäckigen Dienstleistungsinflation und des hohen Lohnwachstums sei es schwierig, einen raschen und langwierigen Lockerungszyklus zu erwarten.

China

Das chinesische Politbüro habe festgestellt, dass "die Wirtschaft einen guten Start ins Jahr hingelegt habe", auch wenn "die unzureichende Nachfrage und ein unsicheres externes Umfeld" Probleme bereiten würden. Die politischen Entscheidungsträger würden weiterhin eine proaktive expansive Finanzpolitik verfolgen, um ihr jährliches BIP-Wachstumsziel zu erreichen.

Die Geldpolitik bleibe unterstützend. Zinssätze und Mindestreserven würden flexibel gehandhabt und ein stabiler Wechselkurs habe angesichts der Ungewissheit über die US-Geldpolitik hohe Priorität. Die wirtschaftliche Erholung bleibe uneinheitlich und die Entwicklung des Immobiliensektors bleibe unsicher. Zur Unterstützung des kränkelnden Immobilienmarktes seien im Mai verschiedene Maßnahmen angestoßen worden: Neben der Aufhebung der Untergrenze für Hypothekenzinsen und der Reduktion der Anzahlung für private Hauskäufe habe die Regierung mit der Ausgabe von ultralangen Staatsanleihen begonnen. Zusätzlich sei lokalen Regierungen 300 Milliarden Yuan zur Verfügung gestellt worden, um überschüssige Bestände von Bauträgern aufzukaufen.

Die Umfragen zur Wirtschaftstätigkeit würden auf eine mäßige Expansion hindeuten. Das Verarbeitende Gewerbe wachse, während sich der Dienstleistungssektor leicht abschwäche. Die zaghaften Anzeichen für eine Verbesserung der globalen Nachfrage würden Puffer für die chinesische Wirtschaft bieten. Der wirtschaftspolitische Schwerpunkt liege auf der Stärkung der Binnennachfrage. Die Inflationsdaten hätten sich mit einem Anstieg des Gesamt-VPI im April (+0,3% y/y) und einer Erholung des Kern-VPI (+0,7% y/y) nach einem nur schwachen Anstieg im März verbessert. Die Erzeugerpreise würden aufgrund der anhaltenden Schwäche des Immobiliensektors im deflationären Bereich (-2,5% y/y) bleiben. Die geopolitische Lage sei nach wie vor angespannt und unsicher. Die Regierung Biden habe Zölle auf mehrere chinesische Importgüter deutlich erhöht und Peking warne im Gegenzug vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen.

Ein Wiederaufflammen des Handelskrieges würde nicht nur die immer noch fragile wirtschaftliche Erholung in China gefährden, sondern auch global bremsen. (Ausgabe 6 vom Juni 2024) (07.06.2024/alc/a/a)