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Mario Draghi vollzieht radikalen Kurswechsel


04.09.14 13:34
ING Investment Management

Den Haag (www.anleihencheck.de) - Die Rede des EZB-Präsidenten in Jackson Hole bewies einmal mehr die Macht der Worte, so die Experten von ING Investment Management im aktuellen "Marketexpress".

Wie bereits viele Male zuvor hätten mögliche Zentralbankmaßnahmen andere Risikofaktoren aus dem Blickwinkel der Anleger verdrängt. EMU-Anleihen hätten noch niedriger rentiert, die Aktienmärkte hätten angezogen, der Euro sei gefallen. Nach Draghis Rede sei die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB nunmehr Staatsanleihen (quantitative Lockerung, "QE") aufkaufen werde, deutlich gestiegen. Das ist jetzt das Basisszenario der Experten von ING Investment Management.

Was mache Draghis Rede so bemerkenswert? Warum sollten Immobilien weiter outperformen? Warum werde der Euro wohl weiter an Boden verlieren? Die voraussichtliche Entwicklung des Euro sei einer der Gründe, warum die Experten auf deutsche Aktien setzen würden. Es bleibe daher bei ihrer moderaten Untergewichtung europäischer Aktien.

In seiner Rede, die einen radikalen Bruch mit der EZB-Vergangenheit darstelle, habe Draghi betont, dass die hohen Arbeitslosenquoten nicht nur strukturelle Reformen auf der Angebotsseite (so die bisherige Haltung der EZB) sondern auch eine zusätzliche Stärkung der Nachfrage erforderlich machen würden. Draghi habe sogar eingeräumt, dass die konjunkturelle Arbeitslosigkeit strukturell werden könne, und habe angedeutet, hier sei auch die Geldpolitik gefordert, Abhilfe zu schaffen. Diese Denkweise sei bei angelsächsischen Zentralbanken zwar recht verbreitet, doch für die EZB stelle sie eine Zäsur dar.

Draghi habe sich besorgt über die Folgen eines schwachen Arbeitsmarktes auf die Inflationsaussichten gezeigt. Die sehr niedrige EWU-Inflationsrate von schätzungsweise 0,3% im August untermauere seine Sorgen. Dabei habe Draghi auch auf den jüngsten Rückgang der Inflationserwartungen des Marktes hingewiesen. Dadurch seien die Realzinsen am kurzen Laufzeitende gestiegen.

Draghi habe in diesem Jahr bereits darauf hingewiesen, dass man zu QE greifen müsse, falls sich die Inflationsaussichten deutlich verschlechtert hätten. Weil es der Region an Wirtschaftskraft fehle, um dem Euro echten Auftrieb zu verschaffen, werde die EZB wohl zwangsläufig Staatsanleihen ankaufen müssen. Das Basisszenario der Experten von ING Investment Management stellt darauf ab, dass binnen sechs Monaten ein QE-Programm aufgelegt wird. Doch bestehe ein reales Risiko, dass die EZB ihre Ziele nicht erreichen werde, weil die einzelnen Zentralbanker sich nicht einigen könnten.

Wegen ihrer attraktiven (realen) Renditen seien Immobilien bei Investoren nach wie vor beliebt. Oftmals seien die Immobilienrenditen sogar mit denen von Unternehmensanleihen oder Junk Bonds vergleichbar. Beim Vergleich mit festverzinslichen Werten stünden Risikowerte natürlich besser dar. Die Renditedifferenz zwischen Immobilien und bonitätsstarken Unternehmensanleihen liege derzeit über dem 10-Jahres-Durchschnitt (1,8% gegenüber 1,2%). Das vermittle eine Vorstellung von dem Puffer gegenüber einem graduellen Zinsanstieg. Solange die FED an ihrem geldpolitischen Kurs festhalte und die EZB und die Bank of Japan weiter die Zinsschraube lockern würden, bestehe kaum die Gefahr von Kursstürzen bei globalen Immobilien.

Insofern befänden sich Immobilien derzeit in einem globalen Sweet Spot, da stabile Anleiherenditen mit besseren Fundamentaldaten einhergehen würden. Damit sei dies eine attraktive Assetklasse für Anleger, die nach realen Renditen Ausschau halten würden.

Wie erwähnt, habe sich Draghi besorgt über die Folgen des schwachen Arbeitsmarktes für die Inflationsentwicklung gezeigt. Er habe die unlängst gesunkenen Markterwartungen an die Inflationsentwicklung hervorgehoben, die - trotz des rapiden Rückgangs der Renditen in der Eurozone - zu einem Anstieg der Realzinsen am kurzen Laufzeitende geführt hätten.

Bei den Kurzfristzinsen seien zweijährige Bundesanleihen sowie die zweijährigen Swapsätze bereits im negativen Bereich. Entsprechend haben die Experten von ING Investment Management ihre Einschätzung zum EUR/USD insofern angepasst, als der Euro in den nächsten Quartalen wohl nicht mehr um 1,35 notieren, sondern zum Jahreswechsel auf 1,28 fallen wird. Gäbe es nicht das hohe Realzinsgefälle zwischen EWU und US, würden sie einen deutlicheren Rückgang des Wechselkurses erwarten, doch die Zinsen auf zweijährige Papiere in der EWU würden wohl nicht unter den Depotzinssatz von minus 0,1% sinken und in den USA preise man in diesem Laufzeitsegment bereits eine Zinsanhebung der FED ein. Auch die Inflation in der EWU dürfte nicht schneller steigen als in den USA.

Bisher habe es gute Gründe zur Vorsicht gegenüber Europa gegeben: Mangelnde Gewinndynamik, dürftige Makrodaten und Kapitalströme sowie die höhere Exponierung im Hinblick auf die Situation an der russisch-ukrainischen Grenze.

Aus Sicht europäischer Anleger erscheine die Lage insgesamt wohl düsterer als sie sei, denn global bleibe das Umfeld für Aktien günstig. Schließlich mache der europäische Aktienmarkt nur ein Viertel des MSCI AC World Index aus und sei in vielerlei Hinsicht gegenüber Weltregionen mit auskömmlichem Wachstum exponiert, wie den USA und den Emerging Markets. Die jüngste Schwächung des Euro sei für Exporteure eindeutig positiv und erkläre die teilweise Übergewichtung der Experten in deutschen Titeln. Auch die jüngste Underperformance und günstige Bewertungen würden für Deutschland sprechen.

Draghis Rede sei für Aktien günstig. Die Spannungen in der Ukraine könnten die Zuversicht im Hinblick auf die Entwicklung in Europa weiter erschüttern. Die Experten von ING Investment Management bleiben bei europäischen Aktien untergewichtet. Übergewichtet seien sie in Papieren aus den USA, Japan und den Emerging Markets. (04.09.2014/alc/a/a)