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Möglicher Brexit: Noch kein Einfluss auf die deutsche Konjunktur erkennbar


31.05.16 08:49
IKB Deutsche Industriebank

Düsseldorf (www.anleihencheck.de) - Die deutsche Wirtschaft hat einen guten Start ins laufende Jahr hingelegt, so Dr. Klaus Bauknecht von der IKB Deutsche Industriebank AG.

Dies zeige sich nicht nur an dem nun schon länger bekannten Wachstum von 0,7% für das erste Quartal, sondern vor allem an der Struktur des Wachstums. Auch wenn vor allem der Konsum immer wieder als wichtiger Wachstumstreiber hervorgehoben werde, so sei das deutsche Wachstum im ersten Quartal doch deutlich breiter aufgestellt gewesen und alle Komponenten der inländischen Verwendung hätten einen positiven Wachstumsbeitrag liefern können. Während der private Konsum mit 0,4% Wachstum einen Wachstumsbeitrag von rund 0,2 Prozentpunkten gesichert habe, hätten Bau und Ausrüstungsinvestitionen 0,2 bzw. 0,1 Prozentpunkte zum Wachstum beigetragen. Trotz des oft erwähnten Investitionsstaus zeige sich relativ zum BIP nun schon seit ein paar Jahren ein positiver Trend bei den Ausrüstungsinvestitionen. Doch wie robust seien die jüngsten Entwicklungen im Kontext des britischen Referendums am 23. Juni?

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU könnte das Unternehmervertrauen auf beiden Seiten des Kanals empfindlich treffen. Sorgen würden nicht nur mögliche Handelskomplikationen, sondern die Auswirkungen eines möglichen Brexit auf die Zukunft und wirtschaftspolitische Ausgestaltung Europas bereiten. Die Nachfrage nach deutschen Exporten könnte als Folge solcher Entwicklungen unter Druck geraten und sich negativ bei den Ausrüstungsinvestitionen niederschlagen. Noch scheine dieses Risiko das deutsche Investitionsverhalten nicht zu beeinflussen, wie auch der ifo-Index jüngst bestätigt habe. In Großbritannien sehe dies anders aus. Die Investitionen seien bereits im ersten Quartal rückläufig gewesen und verschiedene Vertrauensindikatoren würden sich weiter eintrüben.

Es sei davon auszugehen, dass die britische Wirtschaft bereits im Vorfeld aber insbesondere infolge eines möglichen Austritts deutliche wirtschaftliche Einbußen zu verzeichnen habe bzw. haben werde. Die WPU-Indices würden wirtschaftspolitische Unsicherheit abbilden. Diese WPU-Indices würden nicht auf Umfragewerte, sondern darauf basieren, wie häufig bestimmte Schlagwörter wie zum Beispiel Wirtschaftspolitik, Unsicherheit oder Regulierung in den Wirtschaftsnachrichten führender Publikationen genannt würden. Steige die Anzahl dieser Schlagwörter an, sei für den entsprechenden Zeitraum von zunehmender Unsicherheit über die zukünftige wirtschaftspolitische Ausrichtung des Landes auszugehen.

Als Folge von Finanz- und Euro-Krise sei das Niveau des WPU-Indexes seit 2009 weltweit grundsätzlich höher als zuvor und spiegle damit das Maß der generellen Unsicherheit in den Märkten wider. Ebenfalls erkennbar sei der deutliche Anstieg in Großbritannien in 2016 als Folge steigender Unsicherheit rund um die wirtschaftspolitische Ausrichtung des Landes im Falle eines Brexit. Der deutsche WPU-Index hingegen scheine von den aktuellen britischen Entwicklungen noch kaum tangiert zu werden.

Was seien die Implikationen dieser erhöhten Unsicherheit für Großbritannien, aber zukünftig auch für Deutschland? Empirische Analysen würden darauf deuten, dass wirtschaftspolitische Unsicherheit bis vor der Finanzkrise keinen bedeutenden Einfluss auf das britische Wachstum gehabt habe. Seit 2010 habe sich das allerdings geändert. Die Sensibilität für mögliche Risiken der britischen Wirtschaft habe also zugenommen. Bei einem "Ja" für einen Austritt wären die Weichen alles andere als klar gestellt; Großbritanniens müsste die wirtschaftspolitischen Beziehungen zu seinen EU- und sonstigen Handelspartnern in den dann folgenden zwei Jahren neu definieren und verhandeln. Hieraus ergäbe sich anhaltende Unsicherheit, die unweigerlich eine erhöhte Belastung für die Wirtschaft bedeuten würde, was sich in anhaltend hohen Werten des WPU-Index niederschlage.

Doch was für Großbritannien gelte, sei auch für die anderen Staaten Europas von Relevanz. So zeige auch der deutsche WPU-Index seit der Finanzkrise ein höheres Niveau, allerdings nicht so ausgeprägt wie im Falle Großbritanniens. Doch die wirtschaftliche Verunsicherung vor allem seit der Finanzkrise scheine dennoch auch in Deutschland einen statistisch bedeutenden Einfluss auf das BIP-Wachstum und die Höhe der Ausrüstungsinvestitionen zu haben.

Alle Indices (Großbritannien, Deutschland und EU) würden grundsätzlich einen hohen Gleichlauf zeigen, was die enge Vernetzung der Volkswirtschaften widerspiegle. Der deutsche Index könne sich den britischen Entwicklungen nicht nachhaltig entziehen. Ein dauerhafter Anstieg des britischen Index sollte unweigerlich eine Korrektur im deutschen WPU-Index und damit in den Ausrüstungsinvestitionen bzw. im deutschen Wachstum mit sich bringen. Die aktuelle Entwicklung bei den deutschen Ausrüstungsinvestitionen sei somit kein Indiz einer robusten und unabhängigen Erholung, sondern eher ein Zeichen des bis dato ignorierten Risikos eines möglichen Austritts Großbritanniens aus der EU.

Aktuell scheine eine gewisse Entkopplung der WPU-Indices stattzufinden. Die zunehmende Unsicherheit und Nervosität in Großbritannien über den weiteren wirtschaftspolitischen Verlauf nach dem Referendum am 23. Juni sei noch nicht in Deutschland bzw. Europa angekommen. Dies möge an den guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und dem robusten BIP-Wachstum des ersten Quartals liegen. Ein Brexit würde allerdings für einen anhaltend hohen britischen Index sorgen und damit auch die europäische, bzw. deutsche Wirtschaft belasten. So sei spätestens bei einem britischen Votum für einen EU-Austritt mit einem deutlichen Anstieg des deutschen WPU-Index zu rechnen, mit den entsprechenden Implikationen für die deutsche Wirtschaft voraussichtlich bereits in der zweiten Jahreshälfte. Ein britischer Verbleib in der EU hingegen dürfte wenig Auswirkungen auf den deutschen WPU-Index und die deutsche Konjunktur haben.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft sei relativ gut, was aufgrund der BIP-Zahlen des ersten Quartals durchaus nachvollziehbar sei. Diese gute Stimmung werde auch durch den WPU-Index bestätigt, der die wirtschaftspolitische Unsicherheit messe. Anders sei die Entwicklung in Großbritannien, wo der WPU-Index aufgrund des bevorstehenden Referendums zum Brexit einen deutlichen Anstieg erfahren habe. Noch scheine die Sorge um die zukünftige wirtschaftspolitische Ausrichtung Großbritanniens und die daraus resultierenden Implikationen für Europa vor allem die britische Wirtschaft zu beeinflussen und noch nicht im deutschen Konjunkturverlauf angekommen zu sein. Dies wiederum bedeute, dass bei einem britischen Votum für den Verbleib in der EU mit keiner positiven Korrektur in der Konjunkturentwicklung Deutschlands zu rechnen sei.

Eine aus deutscher Sicht überraschende britische Entscheidung für einen Austritt könnte hingegen zu einer nennenswerten konjunkturellen Reaktion bereits in der zweiten Jahreshälfte 2016 führen. Steigender Druck auf die EZB und weitere geldpolitische Maßnahmen wären ebenso wahrscheinliche Konsequenzen, wie eine zunehmende Euro-Wechselkursschwäche. (Ausgabe vom 30.05.2016) (31.05.2016/alc/a/a)