Polen: Inflationsrückgang dürfte Leitzinssenkungen bereits 2023 ermöglichen


12.07.23 09:00
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Quartalsperformance der polnischen Konjunktur war zuletzt sehr volatil: Im vierten Quartal 2022 noch überraschend stark um 2,3% qoq gesunken, konnte sie im ersten Quartal 2023 ebenso überraschend stark um 3,8% ansteigen, so die Analysten der DekaBank.

Im Vorjahresvergleich ergebe sich eine Stagnation der polnischen Wirtschaft in den ersten Monaten des Jahres. Belastet habe in erster Linie die Schwäche der Inlandsnachfrage sowohl auf der Konsum- als auch auf der Investitionsseite, der Außenbeitrag sei allerdings deutlich positiv ausgefallen. Die Entwicklung des Einkaufsmanagerindex, der im Juni weiter in den Kontraktionsbereich auf 45,1 Punkte zurückgegangen sei, deute auf keine schnelle Überwindung der konjunkturellen Schwächephase hin. Etwas Entlastung komme von der Preisseite: Im Mai und Juni seien nicht nur bei der Gesamt-, sondern endlich auch bei der Kerninflationsrate Rückgänge zu verzeichnen gewesen. Doch habe die Inflationsrate im Juni noch bei hohen 11,5% yoy gelegen und sie dürfte nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2024 den Zielbereich der polnischen Zentralbank erreichen (1,5 bis 3,5 Pp).

Im Gegensatz zu dem gegenwärtig eher von Falken dominierten geldpolitischen Umfeld in Europa würden die Mitglieder des geldpolitischen Komitees Polens bereits offen über das Timing der Zinssenkungen diskutieren. Die Analysten der DekaBank haben deshalb ihre Leitzinsprognose leicht verändert und erwarten in Polen bereits im vierten Quartal den ersten Zinsschritt nach unten vom gegenwärtigen Niveau von 6,75%. Auch wenn in Polen eine frühere Senkung aufgrund der hohen Zinssensitivität der Kredite (hoher Anteil flexibler Zinssätze) gerechtfertigt sein möge, bleibe doch geldpolitische Vorsicht angeraten, denn die Fiskalpolitik werde vor den Parlamentswahlen im Herbst eher expansiv ausgerichtet sein. Das Tempo der Senkungen dürfte daher vorerst gemäßigt ausfallen.

Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine verändere die Sicherheitslage für Polen als Anrainerstaat mit einer ausgeprägt Russland-feindlichen Position. Die NATO-Mitgliedschaft dürfte das Land allerdings wirksam gegen eine mögliche Aggression schützen. Polen sei bereits vor Kriegsbeginn nur geringfügig auf die Erdgasexporte aus Russland angewiesen gewesen und habe über LNG-Importkapazitäten verfügt. Die letzteren würden nun weiter ausgebaut, und mit der Inbetriebnahme der "Baltic Pipe" aus Norwegen seien ab Oktober 2022 zusätzliche Pipeline-Importkapazitäten hinzugekommen.

Der Konflikt mit der EU in Bezug auf die Zuteilung der Mittel aus der Wiederaufbau- und Resilienzfazilität der EU (23,9 Mrd. Euro an Zuschüssen und 12,1 Mrd. an Krediten) halte weiterhin an. Die für die Mittelzuteilung erforderlichen Nachbesserungen bei der Justizreform seien an das Verfassungsgericht zur Überprüfung weitergeleitet worden. Es sei zu bezweifeln, dass dort die Frage nach der Verfassungskonformität schnell entschieden werde. Damit sei es fraglich, ob die Freigabe der EU-Mittel überhaupt vor den Parlamentswahlen im Herbst 2023 erfolgen könne. Der Ausgang des Rennens Ende Oktober / Anfang November erscheine noch offen. Das von der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" angeführte Wahlbündnis "Vereinte Rechte" führe zwar nach wie vor in den Meinungsumfragen, stehe allerdings aufgrund der hohen Inflation und des rechts-konservativen Kurses schlechter da als 2019. Auch das umstrittene Gesetzesvorhaben zur Überprüfung des russischen Einflusses, das Kritikern zufolge in erster Linie auf Diskreditierung des Oppositionsführers und früheren Ministerpräsidenten Tusk abziele, stärke eher die Opposition. Die Koalitionsbildung für die PiS könnte sich schwierig gestalten, selbst wenn ihr Wahlbündnis aus der Wahl als Sieger hervorgehe. Das würde der pro-europäischen liberalen Opposition eine Chance auf Regierungsbildung eröffnen. Es bestehe jedoch auch die Gefahr unklarer Mehrheitsverhältnisse nach der Wahl. (Ausgabe vom 07.07.2023) (12.07.2023/alc/a/a)






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