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Ratlos gegenüber der kommenden Verschuldungskrise


06.05.21 08:45
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Ein Analyst, der die Erde von einer fernen Galaxie aus beurteilen müsste, sieht eine überschuldete Welt, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Die Bevölkerung wachse und werde immer älter. Einige wenige würden immer reicher, der überwiegende Rest lebe in bescheidenen Verhältnissen, umgeben von Terror, Krieg, Unterdrückung, Ungerechtigkeit. Allen würden Pandemie und der Tod drohen. Und was würden die politischen Führer machen? Sie seien in den Parlamenten zerstritten, Reformen würden auf der Strecke bleiben, Neuwahlen würden keine Fortschritte bringen. Lediglich die Zentralbanken würden "drucken Geld" in Form von QE und Nullprozent Zinsen. Angesichts dessen würden die Wissenschaftler ratlos bleiben.

In der Geschichte wiederhole sich nichts, würden die Historiker sagen. Dennoch gebe es vergleichbare Ansätze, die dann zu unterschiedlichen Krisenabläufen geführt hätten. Beispiele von Finanzkrisen, die zum Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften und ihrer Währungen geführt hätten, gebe es in der Geschichte genügend, angefangen von den römischen Denaren und Sesterzen, weiter zu den mittelalterlichen Münzrechten und den mittelitalienischen Banken, zum französischen Finanzminister John Law und der Mississippi Blase, der Tulpen-Hausse, der deutschen Inflation nach dem Ersten Weltkrieg, dem Platzen der japanischen Immobilienblase in 1990 bis zu den jüngsten Beispielen Argentinien, Venezuela, Zimbabwe und der Türkischen Lira.

In jüngster Zeit falle der Vergleich zwischen der Krise 2008 und jetzt auf. Damals wie heute seien die Leitzinsen und Rentenrenditen sehr niedrig gewesen (heute zum Teil negativ) und hätten zu hoher Verschuldung verleitet (heute sogar höher als 2008). Die Immobilienpreise hätten in 2008 und noch mehr gegenwärtig explodiert. Kreditfinanzierte Konjunkturförderungsprogramme hätten die Staatsverschuldung in einem nie gekannten Ausmaß erhöht (heute höher als 2008). Auf Suche nach einer besseren Verzinsung der Spareinlagen würden immer riskantere Möglichkeiten genutzt (2008 ebenso 2021). Banken würden abenteuerliche Finanzierungsinstrumente wie zum Beispiel CDS, MBA (heute Bitcoin) entwickeln. Keine Kritik komme von Rating-Agenturen und Finanzaufsicht (vergleiche Wirecard). Es komme zu einer Wende, die zeitlich nicht genau vorhersehbar sei.

Erneut bahne sich heute für die Zeit nach der Pandemie eine weitere Belastung für die Weltwirtschaft an: Die globale Verschuldung. Das erreichte Niveau schwebe wie ein Damoklesschwert über der weiteren Entwicklung. Das Institute for International Finance schätze, dass sie in 2020 um rund USD 15 Billionen (1 Billion = 1012) auf ca. USD 277 Billionen gestiegen sei und die Quote von 365% des Welt-BIP erreicht habe. Ende 2021 dürfte die globale Verschuldung etwa die Marke von USD 300 Billionen erreichen.

Es sei nicht in erster Linie die Pandemie, die die Verschuldung so hoch getrieben habe. Auf das Ausmaß der ultra-expansiven Geldpolitik sei es zurückzuführen, dass die Debitoren durch die Nullzinspolitik dazu verleitet worden seien, den vermeintlich einfacheren Weg aus der Krise zu suchen, nämlich höhere Schulden aufzunehmen. Für die öffentlichen Hände gelte das Gleiche, für einen Finanzminister sei es ungleich einfacher, eine neue Staatsanleihe aufzulegen als im Parlament Steuererhöhungen oder Ausgabensenkungen durchzusetzen.

Wann werde die Verschuldungskrise zu einer Finanzkrise umschlagen? Dann, wenn die privaten Haushalte mit ihrem Einkommen oder die Unternehmen mit ihren Erträgen nicht mehr den Schuldendienst (Soll-Zinsen + Tilgungen) bedienen könnten, dann, wenn der Schuldendienst den staatlichen Jahreshaushalt sprenge und die Budgetpolitik handlungsunfähig werde.

Folgerung:

Konjunktur: Weltweiter Aufschwung im 2. Halbjahr wegen Impfung gegen Pandemie mit Welt-BIP Wachstum von über 6%.

Geld: Geldmarktzinsen in EUR würden noch bei 0% bleiben. Diskussionen über Angemessenheit des ultra-expansiven Kurses nähmen zu. EZB ändere erst bei 2,5% Inflation.

Devisen: Turbulenzen würden anhalten. Fundamental sei der USD überbewertet. Staatsverschuldung von 130% des BIP, so hoch wie in Italien. USD tendiere in Richtung Euro 1,30. Kryptowährungen mit hohem Risiko.

Renten Negative Renditen vor dem Ende. Langsamer Renditenanstieg. Rating beachten. Anlagen hätten geringe Attraktivität. Mittlere und längere Laufzeiten verkaufen.

Kredite: Langfristig verschulden. Gewerbe- und Wohnimmobilien am Zenit.

Edelmetalle: Stimmungstief der Terminhändler löse sich auf. Sicherer Hafen gegen exorbitante Verschuldung. Erhebliches Erholungspotenzial von Gold auf USD 2.000 pro Unze.

Aktien: Märkte auf breiter Basis würden von einem Allzeithoch zum nächsten dank Rückenwind durch Geldpolitik eilen. Das lasse in den Sommermonaten nach. Trotz guter Gewinnaussichten seien Aktien bereits teuer - Ausnahme Stahlaktien. Insgesamt sei mehr Zurückhaltung zu empfehlen. Nach historischen Erfahrungen seien Abschwächungsphasen durch Gewinnmitnahmen zu erwarten. Teilrealisationen. Restriktive Politik sei aber nicht in Sicht.

Energie: Umweltschutz, Klimaerwärmung und H2-Antriebe seien zu bevorzugen. (Ausgabe vom 05.05.2021) (06.05.2021/alc/a/a)