Rentenhandel: Verführt die Renditejagd zu Leichtsinn?


11.04.14 14:28
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Vergangene Woche wurde noch darüber spekuliert, jetzt ist es schon Wirklichkeit: Griechenland ist zurück am Kapitalmarkt. Und das mit großem Erfolg, so die Deutsche Börse AG.

Mit der Herausgabe einer fünfjährigen Staatsanleihe (ISIN GR0114028534 / WKN nicht bekannt) habe das gerade noch vor dem Staatsbankrott gerettete Euro-Land am gestrigen Donnerstag 3 Milliarden Euro eingenommen, 500 Millionen Euro mehr als geplant. Dabei zahle Athen gerade mal noch 4,75 Prozent Zinsen, vor nicht einmal zwei Jahren habe die Rendite griechischer Staatspapiere noch mehr als viermal so hoch gelegen. Aktuell werde die Anleihe noch nicht über die Börse gehandelt, nach Einschätzung von Händlern dürfte es aber spätestens Anfang kommender Woche soweit sein.

Angesichts des Wunsches Griechenlands, die offiziellen Schulden erneut umzustrukturieren, schätze Stefan Gäde von der HSH Nordbank AG die Risikofreude von Anlegern jedoch als irritierend, ja sogar leichtsinnig ein. "Dank der Gier nach Rendite hat das Geschäft mit risikoreichen Krediten wieder Hochkonjunktur", kommentiere der Analyst.

Auch Klaus Stopp von der Baader Bank zeige sich skeptisch: "Man kann den Hype um die neue Anleihe nur bedingt nachvollziehen. Ein Staat, der sich bisher nur subventioniert zu Sonderkonditionen refinanzieren konnte, geht jetzt selbst an den Kapitalmarkt und zahlt freiwillig höhere Zinsen, um Normalität zu signalisieren. Wenn das mal gutgeht!" Investoren scheinen diese Sorgen aktuell jedoch nicht zu teilen, jedenfalls waren zuletzt auch die bereits vor Jahren ausgegebenen griechischen Staatsanleihen wieder sehr gefragt, so die Deutsche Börse AG. So sei die Rendite zehnjähriger Titel im Laufe der Woche unter 6 Prozent gefallen - der tiefste Stand seit 2010.

Arthur Brunner von der ICF AG merke allerdings an, dass sich die neue Griechen-Anleihe im außerbörslichen Handel bisher eher enttäuschend entwickle. "Das Papier kam zu 99,13 Prozent an den Markt und notiert am grauen Markt aktuell bei 99,20 zu 99,30. Bei einer achtfachen Überzeichnung könnte man da eigentlich schon mehr erwarten. Das deutet darauf hin, dass viele Anleger zugegriffen haben um kurzfristige Gewinne zu machen", kommentiere der Spezialist.

Gestützt werde diese Einschätzung auch von der aktuellen Entwicklung bei den Altanleihen Griechenlands. So beobachte Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft seit den jüngsten Kursgewinnen überwiegend Abflüsse aus den Papieren: "Hier wird eigentlich nur noch die Sell-Taste gedrückt", berichte der Händler.

Den Grund für das stark gesunkene Risikobewusstsein von Anlegern würden Analysten in dem dauerhaften Anlagenotstand aufgrund des niedrigen Zinsniveaus und in der Politik der EZB sehen. "Schließlich hat EZB-Präsident Mario Draghi zugesichert, man werde die Refinanzierungskosten einzelner Mitgliedstaaten senken, was immer es koste - eine Aussage, die einer impliziten Garantie für die Bonität dieser Staatsanleihen gleichkommt", erkläre Stopp.

Dazu habe die EZB in dieser Woche ein mögliches Programm zum Ankauf von Staatsanleihen in den Raum gestellt. Sowohl Bundesanleihen als auch Staatsanleihen der Europeripherie hätten mit nachgebenden Renditen reagiert. Die Zinsen zehnjähriger Bundesanleihen seien von rund 1,62 Prozent Ende vergangener Woche auf aktuell 1,53 Prozent gefallen. Der Euro-Bund-Future als Indikator für langfristige Zinserwartungen notiere aktuell bei fast 143,9 Prozent, verglichen mit 142,8 Prozent vor einer Woche. Zusätzliche Unterstützung komme hier zudem von den anhaltenden Unsicherheiten durch die Krim-Krise.

Von der allgemeinen Suche nach Rendite würden aber nicht nur die Staatsanleihen der Europeripherie profitieren, wie Daniel anmerke. Auch so genannte "CoCo-Bonds" (Contingent Convertible Bonds), also Zwangswandelanleihen, die vorrangig von Banken begeben würden, stünden bei Investoren offenbar hoch im Kurs. "Wir beobachten eine hohe Nachfrage nach diesen Papieren, beispielsweise bei einem CoCo-Bond (ISIN XS0867620725 / WKN A1ZFMN) der Sociètè Gènèrale", melde Daniel. Diese Anleihen würden sich automatisch in Eigenkapital verwandeln, wenn der Kapitalpuffer einer Bank auf ein zu niedriges Niveau sinke. Die europäischen Regulierer würden die Anleihen dann als Aktien und damit als Eigenkapital anerkennen.

"Dieses Risiko, vom Gläubiger zum Aktionär zu werden und auf diese Weise mögliche Verluste der Bank mittragen zu müssen, wird über höhere Zinsen honoriert. So bietet das Papier der Sociètè Gènèrale einen Kupon von 6,5 Prozent. Auch die Deutsche Bank könnte bald einen CoCo-Bond bringen", wisse Daniel.

Analysten würden erwarten, dass die Deutsche Bank noch vor dem Sommer den ersten CoCo begeben könnte. Etwa zeitgleich werde mit einer Zwangswandelanleihe der Aareal Bank gerechnet. Auch die Nord LB habe bereits die Ausgabe entsprechender Papiere für Ende dieses bzw. Anfang des kommenden Jahres angekündigt.

Sehr gut komme laut Brunner eine neue zehnjährige Anleihe (ISIN XS1057340009 / WKN A1ZGRG) der Türkei an. "Auch in diesem Fall scheinen Anleger sehr schnell zu vergessen und vor allem Renditechancen im Blick zu haben", kommentiere der Händler mit Blick auf die jüngsten Unruhen gegen den nun wiedergewählten Premier Recep Tyyip Erdogan. Das direkt nach der Wahl begebene Papier werde jedenfalls rege gekauft, immerhin sei der Kurs bereits auf 101,25 Prozent gestiegen, verglichen mit einem Ausgabekurs von 99,447 Prozent. Der Kupon liege bei 4,125 Prozent.

Daneben würden die Händler verstärkte Handelsaktivitäten in Fremdwährungsanleihen auf den Brasilianischen Real beobachten. "Die werden seit einigen Tagen stark nachgefragt", melde Daniel und auch die Baader Bank spreche von einem erhöhten Anlegerinteresse.

Verlierer des Niedrigzinsumfeldes seien indes die als "bombensicher" geltenden und gleichzeitig renditearmen Pfandbriefe. "So waren 2004 - laut Deutscher Bundesbank - noch Pfandbriefe über gut 1 Billion Euro im Umlauf, 2013 ist dieser Wert auf 452 Milliarden Euro abgesackt. Dieser Rückgang geht unter anderem auf das gesunkene, weil margenarme Interesse der Pfandbriefbanken an der Staatsfinanzierung zurück. Aber von Anlegerseite eben auch auf die geringen Erträge", erläutere Stopp.

Derzeit rentiere ein Jumbo-Pfandbrief (ISIN DE000A0SLD89 / WKN A0SLD8) der KfW, der bis Juli 2018 laufe, gerade einmal mit 0,69 Prozent. Bei einer Laufzeit bis Juli 2021 komme man beim selben Emittenten (ISIN DE0002760980 / WKN 276098) auf 1,31 Prozent Rendite.

Am Markt für Unternehmensanleihen habe die Emission einer neuen US-Dollar-Anleihe von Bombardier zu einer vorzeitigen Kündigung der bestehenden Euro-Anleihe geführt. Das Papier mit einer Ursprungslaufzeit bis 2016 werde jetzt zum 5. Mai 2014 mit einem Preis von 101,21 zurückgezahlt. Dies scheine aber noch nicht allen interessierten Investoren klar zu sein, wie Arne Hellwig von der Hellwig Wertpapierhandelsbank anmerke: "Auch nach der Kündigung bestand Kaufinteresse zu Kursen deutlich über dem Rückzahlungspreis. Eine positive Rendite, auf die Endfälligkeit gerechnet, können die Käufer nicht erzielen."

Daneben habe mit der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen in dieser Woche eine selten emittierende Adresse unter den Bankanleihen den Kapitalmarkt betreten. "Das Haus begab eine unbesicherte Senioranleihe (ISIN DE000A1R0139 / WKN A1R013) im Volumen von 500 Millionen Euro mit einem Kupon von 1,75 Prozent und einer zehnjährigen Laufzeit", melde Hellwig. (11.04.2014/alc/a/a)






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