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Rentenmarkt - Risiko, Rendite und Ratlosigkeit


06.06.25 09:30
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Während harte Konjunkturdaten noch Stabilität suggerieren, trüben weiche Stimmungsindikatoren das Bild, so Hannah Thielcke, CFA bei der Weberbank.

Die anhaltende Nachrichtenlage rund um politische Unsicherheiten von Handelszöllen bis Haushaltsstreit halte Aktien- und Rentenmärkte in Atem.

Die Konjunktur zeige sich derzeit wie ein Tanzpaar im Ungleichschritt: Harte Daten etwa zum Arbeitsmarkt, zum Konsum oder zu Investitionen in den USA oder in der Eurozone würden sich noch recht stabil präsentieren. Gleichzeitig würden die weichen Indikatoren, bspw. Umfragen unter Unternehmen und Verbrauchern, inzwischen klar den Gleichschritt vermissen lassen. Viele lägen unter der kritischen Marke von 50, die Expansion von Kontraktion trenne, oder befänden sich nur noch knapp oberhalb der Niveaus, die man zuletzt in der Corona- oder der globalen Finanzkrise gesehen habe. Ein klassischer Fall von "Ruhe vor dem Sturm"? Möglich. Die vor dem 2. April prall gefüllten US-Lagerhallen würden derzeit noch über die Auswirkungen der anschließend verhängten Zölle hinwegtäuschen. Doch mit Ankunft der betroffenen Schiffe und dem Abverkauf der zollfreien Ware ab Mitte Juni könne es ungemütlich werden: höhere Preise, Lieferengpässe, geringere Auslastung in Logistik und Häfen – mit möglichen Auswirkungen auf Investitions- und Konsumbereitschaft sowie den Arbeitsmarkt. Die Unsicherheit sei jedenfalls hoch – egal, ob es um das von der Trump-Administration gerade vorgestellte Gesetzespaket "Big Beautiful Bill", sektorale Strafzölle oder geopolitische Schachzüge rund um seltene Erden aus China gehe. Die Märkte würden weiterhin in Atem gehalten.

An den Rentenmärkten bleibe die Nervosität hoch. Die Schuldenlast der USA, Großbritanniens und Japans werde zunehmend kritisch beäugt – besonders bei Staatsanleihen mit einer Laufzeit jenseits der 10 Jahre. Vermehrt schwach nachgefragte Auktionen neu begebener Staatspapiere hätten in den vergangenen Wochen auf eine Käuferzurückhaltung hingedeutet. Immerhin habe es kürzlich Signale aus Japan zur Reduzierung der Emission langlaufender Anleihen gegeben, was die Gemüter etwas beruhigt habe. In der Eurozone hingegen bleibe Spielraum für sinkende Renditen: Die Inflation normalisiere sich, nicht zuletzt durch nachlassendes Lohnwachstum und anhaltend schwache Konjunkturerwartungen. Die EZB habe damit, anders als die Fed, noch Munition in Form von Zinssenkungen parat und scheue sich nicht, diese einzusetzen, wie gerade am 5.6. gezeigt worden sei. Aus Sicht der Analysten bleibe damit auf absehbare Zeit Raum für fallende Renditen bei Bundesanleihen. Denn bis das lang erwartete deutsche Fiskalpaket für echten konjunkturellen Rückenwind sorge, werde es wohl noch bis ins nächste Jahr dauern. Ein Stolperstein für langlaufende Anleihen wäre derweil eine weitere Ausweitung der deutschen Verschuldung durch eine bindende Zusage zum NATO-Ziel von 5 Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigungsausgaben. In diesem Fall sollten deutsche Renditen insbesondere bei langen Laufzeiten erneut unter Druck geraten und für fallende Kurse sorgen. In diesem Spannungsfeld suchten die Rentenmärkte eine klare Richtung, wobei Bullen und Bären im Kampf abwechselnd die Oberhand gewännen.

An den Aktienmärkten herrsche derzeit Optimismus mit vielen Indizes nahe oder, wie im Falle des DAX, über bisherigen Allzeithochs. Allerdings würden trotz einer insgesamt robusten Berichtssaison und soliden Gewinnwachstumszahlen die Erwartungen zunehmend nach unten angepasst. Noch seien die Anpassungen moderat, aber die Tendenz mahne zur Vorsicht. Das Marktgeschehen bleibe voraussichtlich schwankungsreich. Politische Unsicherheit, konjunkturelle Schwäche und geldpolitische Divergenzen bildeten einen mit Vorsicht zu genießenden Cocktail. Große Wetten seien in diesem Umfeld fehl am Platz. Stattdessen rate man zu einer breiten Mischung aus Unternehmen mit gesunden Bilanzen, stabilen Cashflows und einer starken Marktposition. Wer zudem auf Profiteure der Marktschwankungen setze – etwa Börsenbetreiber und Investmentbanken – könne auch in turbulenteren Zeiten gut abschneiden. Denn eines sei sicher: Ruhige See sei nicht in Sicht. Aber mit dem richtigen Kompass und der notwendigen Besonnenheit lasse sich auch durch raues Fahrwasser navigieren. (06.06.2025/alc/a/a)