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Schuldscheine: Boom mit Nebenwirkungen


15.02.16 15:32
Scope Ratings

Berlin (www.anleihencheck.de) - Der deutsche Schuldscheinmarkt brummt, so die Experten von Scope Ratings.

Im Jahr 2015 habe das Neuemissionsvolumen um mehr als 60 Prozent höher als im Vorjahr gelegen. Allerdings drohe die zunehmende Zahl kleinerer Emittenten die Qualität der Papiere zu verwässern, warne Scope Ratings.

Kleine und mittelgroße Unternehmen würden zunehmend den Schuldscheinmarkt anzapfen - mit erheblichen Folgen für Investoren: "Zwar ist die Unternehmensgröße nicht per se ein Indikator für die Kreditqualität einzelner Emittenten, kleinere Emittenten können jedoch die durchschnittliche Bonität am Schuldscheinmarkt beeinflussen", warne Sebastian Zank, Director Corporates bei Scope Ratings. "Auf Dauer droht der Charakter des Schuldscheinmarktes als Garant für erstklassige Bonitäten zu verwässern, wenn viele kleine Unternehmen den Markt dominieren."

Im vergangenen Jahr hätten Unternehmen in Deutschland insgesamt Schuldscheine nach Angaben von Thomson Reuters in Höhe von mehr als 20 Milliarden Euro begeben. Das seien mehr als 60 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Damit habe das Emissionsniveau zuletzt wieder ähnlich hoch wie im Jahr 2008 gelegen. Doch es gebe einen entscheidenden Unterschied: "Damals besorgten sich vor allem Großunternehmen frisches Kapital über Schuldscheine, weil über andere Finanzmarkt-Kanäle und klassische Kredite nur schwer an Geld zu kommen war", sage Zank. "Heute sind die durchschnittlichen Emissionsvolumina und eben auch die emittierenden Unternehmen deutlich kleiner."

Während Schuldscheinemissionen früher in der Regel ein Volumen von mindestens mehreren hundert Millionen Euro gehabt hätten, würden Unternehmen mittlerweile häufig Schuldscheine mit Volumina von unter 100 Millionen Euro begeben, in einigen Fällen sogar unter 50 Millionen Euro. Ein Grund: Im vergangenen Jahr hätten mehr als 40 Prozent der Emittenten zu den kleinen und mittelgroßen Unternehmen mit weniger als einer Milliarde Euro Umsatz pro Jahr gezählt. "Das hat es früher nicht gegeben", sage Zank. "Die Jagd von Investoren nach Rendite öffnet die Tür zum Schuldscheinmarkt für immer mehr Unternehmen." Denn kleine und mittelgroße Firmen würden meist höhere Zinsen als große Emittenten zahlen.

Während Großunternehmen mit Investment-Grade-Rating rund 150 Basispunkte Aufschlag zum risikolosen Referenzzins zahlen würden, würden Schuldscheine kleinerer Firmen bis zu 350 Basispunkte über dem Referenzsatz rentieren. "Investoren sollten sich darüber im Klaren sein, dass damit auch das Risiko steigt", sage Zank. "Selbst wenn ein Schuldschein eigentlich grundsätzlich eine gute Qualität signalisiert: Viele Investoren vertrauten allzu sehr auf den guten Namen des Schuldscheinmarktes, in dem drei Viertel der Emittenten nicht über ein öffentliches Rating verfügen."

Kleine Firmen würden den Schuldscheinmarkt im Moment anzapfen, weil sie dort Kapital zu vergleichsweise günstigen Konditionen aufnehmen könnten. "Viele Emissionen sind derzeit stark überzeichnet", beobachte Zank. "Es kommt häufig vor, dass Unternehmen ihr Emissionsvolumen um 50 Prozent aufstocken." Darunter seien auch viele Neulinge, die erstmals einen Schuldschein begeben würden. "Es hat sich herumgesprochen, dass der Markt Neuemissionen sehr gut aufnimmt", sage Zank.

Der Finanzierungsbedarf sei groß: Der Markt für Unternehmensübernahmen zum Beispiel laufe derzeit auf Hochtouren, und über einen Schuldschein könnten Unternehmen auf einen Schlag viel Kapital für Zukäufe beschaffen. Zudem würden aktuell viele Schuldscheine aus der Zeit der Finanzkrise und den Jahren danach auslaufen: "Firmen können sich derzeit zu deutlich günstigeren Konditionen als damals refinanzieren", sage der Scope-Analyst. Weiterer Treiber: Ausländische Banken, Emittenten und Investoren würden den deutschen Schuldscheinmarkt entdecken und für Nachfrage sorgen. "Der Markt genießt international hohes Ansehen", beobachte Zank.

Der Analyst halte es durchaus für möglich, dass im Jahr 2016 ähnlich viel Kapital über neue Schuldscheine eingesammelt werde als im starken Vorjahr: "Die Vorzeichen stehen gut. Aber letztlich hängt das Volumen auch davon ab, wie viele Unternehmen Jumbo-Schuldscheinemissionen über viele hundert Millionen oder gar Milliarden Euro begeben." Der Jahresauftakt sei in dieser Beziehung verheißungsvoll gewesen. Der Baustoffkonzern HeidelbergCement habe im Januar satte 625 Millionen Euro per Schuldschein eingesammelt - dank einer unerwartet großen Nachfrage der Investoren seien das 225 Millionen Euro mehr als ursprünglich geplant gewesen. (15.02.2016/alc/a/a)