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Starker Euro wird Anpassung der EZB-Geldpolitik verzögern


22.01.18 11:30
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Es wird wieder analysiert, argumentiert und spekuliert. Kein Wunder nachdem das Sitzungsprotokoll des letzten EZB-Treffens die Absicht zum Ausdruck gebracht hat, dass die Geldpolitik Anfang dieses Jahres auf dem Prüfstand steht, so die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG.

Vor allem die so genannte "forward guidance" also die Erwartungssteuerung solle verändert werden. Dabei solle ein stärkeres Gewicht auf die zukünftige Zinsentwicklung gelegt werden. Im Umkehrschluss bedeute dies, dass die Anleihekäufe ein Auslaufmodell seien. Kein Wunder, schließlich gebe es kaum mehr Anleihen, die die EZB gemäß ihren eignen Regeln noch kaufen könne. Die bis September beschlossenen Käufe dürften daher entweder dann auslaufen oder im Dezember, falls die EZB zur Vermeidung von Marktverwerfungen mit sukzessiv fallenden Kaufvolumina noch ein paar Monate länger aktiv bleiben möchte. Dies würde die Erwartung einer Zinswende noch etwas hinauszögern. Eine ihrer Festlegungen stehe nämlich nicht auf dem Prüfstand: Es solle keine Zinserhöhungen geben solange Anleihekäufe durchgeführt werden.

Bislang habe die EZB sogar darauf hingewiesen, dass Zinserhöhungen erst mit einem deutlichen zeitlichen Abstand zum Ende der Anleihekäufe erfolgen würden. Welche Zeitspanne damit gemeint sei, habe sie bewusst offen gelassen. Dies zu klären, dürfte ein Ansatz bei der Rekalibrierung ihrer Erwartungssteuerung sein. Die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG rechnen erst im 2. Quartal 2019 mit einer Zinserhöhung.

Bezüglich der zeitlichen Terminwahl der zu erwartenden Änderungen der Geldpolitik liefere das Sitzungsprotokoll der EZB einen weiteren wichtigen Hinweis: Sie solle so graduell erfolgen, dass es zu keinen abrupten Entwicklungen der Finanzierungsbedingungen gebe - d.h. Marktzinsen und Wechselkurs sollten nicht zu stark und schnell ansteigen. Ein graduelles Vorgehen dürfte Veränderungen der Geldpolitik beim Treffen an diesem Donnerstag ausschließen. Es käme zu schnell und abgesehen von dem letzten Sitzungsprotokoll ohne große Vorwarnung und Diskussion. Diese sei nun für die Pressekonferenz zu erwarten, bei der Draghi um weitere Hinweise bezüglich möglicher Änderungen der Geldpolitik kaum herumkomme.

Je nach Entwicklung der ökonomischen Indikatoren, der Marktzinsen und des Wechselkurses dürfte die tatsächliche Anpassung der Erwartungssteuerung dann bei der folgenden Sitzung am 8. März oder sogar erst im April erfolgen. Wohlgemerkt - es gehe noch nicht einmal um konkrete Zinserhöhungen, lediglich um die Steuerung, was an den Finanzmärken für die nächsten Jahre eingepreist werde. Bei einem so vorsichtigen Vorgehen der EZB sollte die Volatilität an den Anleihemärkten auch dieses Jahr gering bleiben. Höhere Renditen sollten daher mit einer steileren Zinskurve einhergehen. Es lohne sich daher ein Blick auf die Inflationsperspektiven.

Zunächst lasse sich feststellen, dass Deflation schon lange keine Gefahr mehr darstelle. Ein wichtiges Argument für die Anleihekäufe falle also weg. Mit einer Inflationsrate von zuletzt 1,4% bzw. einer Kernrate von 0,9% bleibe der Preisdruck aber ebenfalls noch gering. Durch den letzten Ölpreisanstieg von rund 7% seit dem Dezembertreffen der EZB komme etwas zusätzlicher Druck hinzu. Gleichzeitig habe der Euro handelsgewichtet aber auch um 1% zugelegt, im 12-Monatsvergleich sogar um 6%. Dies werde mittelfristig den Anstieg der Kerninflationsrate etwas abschwächen.

Gering bleibe auch der von der Lohnseite herrührende Preisdruck. Zwar sei seit 2016 ein gewisser Aufwärtstrend erkennbar, er bleibe aber bislang sehr schwach. Dies könnte sich zukünftig langsam ändern. Immerhin sei die Arbeitslosenquote in Euroland seit ihrem Höhepunkt 2013 von 12,1% auf 8,7% gefallen - allein in den letzten zwölf Monaten um über einen Prozentpunkt. Sie bleibe aber weiterhin höher als das Vorkrisenniveau von 7,3%. Vor allem die Jugendarbeitslosenquote von 18,2% sei immer noch zu hoch. Auch würden die Erfahrungen anderer Länder zur Vorsicht mahnen. Der Lohndruck sei bislang auch in Ländern wie den USA, UK und Japan gering geblieben, in denen aktuell Vollbeschäftigung herrsche.

Die EZB dürfte am Donnerstag verhaltenen Optimismus und eine begrenzte Handlungs-bereitschaft zeigen. Der stärkere Euro und die moderate Lohnentwicklung dürften sie bremsen, während die guten Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten in der Währungsunion sowie das robuste internationale Wirtschaftsumfeld eine baldige Straffung der Geldpolitik nahelegen würden. Angesichts der heterogenen Perspektiven der einzelnen EZB-Ratsmitglieder dürfte die Beobachtung der europäischen Geldpolitik wieder etwas spannender werden. Schnelle Änderungen seien allerdings auch nicht zu erwarten. (Ausgabe vom 19.01.2018) (22.01.2018/alc/a/a)