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Trotz besserer Wirtschaftsdaten: Anleger brauchen jetzt vor allem Geduld


21.02.24 11:00
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Der weltweite Wirtschaftsausblick für das Jahr 2024 ist durch zwei Faktoren geprägt: wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit auf der einen Seite und sich verändernde Herausforderungen auf der anderen, so Nadège Dufossé, Head of Asset Allocation bei Candriam.

Während das robuste Wachstum in den USA einen eindrucksvollen Präzedenzfall bilde, müssten Anleger in der Eurozone aufgrund des vorsichtigen Aufschwungs Ausdauer beweisen. Die Zentralbanken, allen voan die US-Notenbank (FED) und die Europäische Zentralbank (EZB), seien bei der geldpolitischen Lockerung zu einem vorsichtigen Ansatz übergegangen. Vor diesem Hintergrund sei bei der Kapitalanlage ein geduldiger Ansatz geboten.

USA: Geduld bei Normalisierung der Zinsen - trotz robuster Konjunktur

Die jährliche Wachstumsrate in den USA sei von 1,9 Prozent im Jahr 2022 auf 2,5 Prozent im Gesamtjahr 2023 gestiegen und habe im vierten Quartal mit 3,3 Prozent ihren Höhepunkt erreicht. Dieses beeindruckende Wachstum verdeutliche die Vorteile eines bedächtigen und geduldigen Ansatzes gegenüber konjunkturellen Herausforderungen. Trotz des Aufschwungs in den letzten Quartalen könnten die Echtzeitindikatoren wie die Wirtschaftsaktivität und die Einkaufsmanagerindices die Wirtschaftsdynamik immer noch unterschätzen. Zwar würden in letzter Zeit wieder mehr Arbeitsplätze geschaffen, vor allem im Privatsektor, jedoch bleibe die Arbeitslosenquote nach wie vor bei 3,7 Prozent.

Die Entscheidung der FED, den Leitzins bei 5,5 Prozent zu belassen, zeige: Die Notenbank vollziehe einen vorsichtigen Balanceakt in Erwartung eindeutigerer Anzeichen für eine nachhaltige Annäherung der Inflation an das 2-Prozent-Ziel. FED-Chef Jerome Powell habe betont, dass ein größeres Vertrauen in die Inflationstrends nötig sei, bevor eine Anpassung der Zinssätze in Betracht gezogen werden könne. Die FED sei entschlossen, bei der Normalisierung der Geldpolitik Geduld zu üben.

Im Februar halte keine der großen Zentralbanken eine Sitzung ab. Damit hätten die Märkte genügend Zeit, ihre Erwartungen an den Zeitpunkt und die Höhe der künftigen Zinssenkungen weiter anzupassen. Die Wahrscheinlichkeit einer ersten Zinssenkung der FED bereits im März habe sich in nur sechs Wochen von 90 Prozent auf weniger als 20 Prozent verringert. Das Szenario von Candriam, dass der Lockerungszyklus im kommenden Sommer beginne, werde zunehmend zur Konsensmeinung.

Eurozone: Keine schlechten Nachrichten seien schon gute Nachrichten

Auf dieser Seite des Atlantiks sei die Konjunkturerholung in der Eurozone mit Vorsicht zu betrachten, denn die wirtschaftliche Landschaft sei von Kontrasten geprägt. Es gebe zwar Anzeichen für eine Verbesserung, insbesondere in der Industrie, doch insgesamt sei die Dynamik verhalten - das würden die PMI-Umfragen und die Arbeitsmarktdaten zeigen. Die Eurozone steuere auf ein leicht positives BIP-Wachstum im Jahr 2024 zu - 0,5 Prozent, wie im Jahr 2023 -, und der Trend werde allmählich disinflationär. Dieser zaghafte Erholungsprozess erfordere einen vorsichtigen und geduldigen Ansatz der Währungspolitik und der Wirtschaftsförderung.

In den USA würden "gute" Nachrichten zur Wirtschaft und zu den Unternehmensgewinnen offensichtlich so aufgefasst, wie sie erscheinen würden: Sie würden die Wertpapierkurse nach oben treiben. In der Eurozone beobachte man hingegen, dass bereits das Fehlen von zunehmend "schlechteren" Nachrichten allmählich als gute Nachricht gesehen würden. Und tatsächlich: Zum ersten Mal seit November 2020 erlebe man sowohl positive als auch negative Überraschungen in Bezug auf das Wachstum.

Aktien: Tech, Gesundheit und langer Atem bei Europa-Titeln

Candriam sei der Meinung, dass die Anleger eine etwas vorsichtigere Haltung gegenüber globalen Aktien einnehmen und regionale Allokationen außerhalb Europas bevorzugen sollten. In den USA lege die Widerstandsfähigkeit des Marktes in Verbindung mit der geduldigen Politik der FED eine selektive Strategie nahe, die Sektoren bevorzuge, die von einem anhaltenden Wirtschaftswachstum und einer überschaubaren Inflation profitieren dürften. Der Technologiesektor, insbesondere im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz (KI), und das Gesundheitswesen, könnten wertvolle Chancen bieten, die durch den fortgesetzten digitalen Wandel und die demografischen Trends entstünden.

In Europa könnten geduldige Investoren belohnt werden: Wer Sektoren ins Auge fasse, die von einer möglichen Stabilisierung der Wirtschaft und einem geldpolitischen Richtungswechsel der EZB begünstigt würden, könnte profitieren. Die Puzzleteile könnten sich allmählich zusammenfügen, und deutlichere Anzeichen eines vorteilhafteren geldpolitischen Mix dürften ein willkommenes Signal für die Vermögenswerte in Europa sein. Im Augenblick seien die Prognosen der Analysten an die zukünftigen Unternehmensgewinne sehr schwach. Dies belaste europäische Aktien.

Anleihen würden von vorsichtiger Zinssteuerung und künftigen Lockerungen profitieren

Bei Anleihen müssten sich Anleger durch eine hohe Komplexität navigieren - doch wer dazu die Geduld habe, erhalte eine vielfältige Palette an Möglichkeiten. US-Treasuries und Investment-Grade-Anleihen würden in Portfolios einen defensiven Anker schaffen, denn sie würden von der vorsichtigen Zinssteuerung der FED profitieren. Europäische Anleihen, insbesondere im Investment-Grade-Segment, seien attraktiv, da Candriameinen Renditevorteil im Zusammenhang mit wahrscheinlichen künftigen geldpolitischen Anpassungen der EZB anstrebe. Schwellenländeranleihen könnten attraktive Gesamtrenditen bieten, besonders jene, die von der moderaten Haltung der lokalen Zentralbanken unterstützt würden. Voraussetzung sei, dass Anleger es schaffen würden, mögliche Schwankungen geduldig auszusitzen.

Eine gute ausgewogene Asset-Allokation

Zu Beginn des Jahres 2024 sei "Geduld" das Leitmotiv für die globalen Wirtschafts- und Investitionsaussichten. In einer Welt, in der die Zentralbanken bei geldpolitischen Anpassungen einen vorsichtigen Ansatz verfolgen würden, müssten sich auch Anleger in Geduld üben. Die Stimmung habe gedreht, die Ungleichgewichte hätten zugenommen und die Finanzmärkte würden in Frage stellen, ob die Zinssenkungen der FED bereits im März noch realistisch seien. Investoren müssten das berücksichtigen. Eine ausgewogene Strategie - unter Beachtung der sich verändernden Narrative und der Wahlkampagnen in den USA, im Euroraum und darüber hinaus - werde daher entscheidend sein, um die Chancen und Herausforderungen zu meistern, die auf uns zukämen.

Bei der Asset-Allokation bevorzuge Candriam Anleihen gegenüber Aktien, da die Risikoprämien für Aktien immer noch unzureichend seien, um die Anleger zu einer wesentlichen Höhergewichtung der Anlageklasse zu bewegen. Insgesamt halte Candriam an einer neutralen Allokation in Aktienindices außerhalb von Europa fest. Der europäische Markt habe augenscheinlich die Talsohle erreicht, sei aber relativ betrachtet immer noch weniger attraktiv als der Rest der Welt. Im festverzinslichen Segment nutze Candriam nach wie vor die Renditevorteile (Carry) von Investment-Grade-Unternehmensanleihen und Emerging Market Debt.

Fixed Income-Allokation:

- Candriam konzentriere sich auf qualitativ hochwertige Anleihen und bleibe in Schwellenländeranleihen engagiert, um von ihrem attraktiven Carry zu profitieren.
- Candriam investiere außerdem in europäische Staatsanleihen. Auf diese Weise wolle sich Candriam die Renditevorteile zunutze machen, die vor dem Hintergrund einer sich abschwächenden Inflation, der schleppenden Konjunktur und der bevorstehenden Zinssenkungen der Zentralbanken entstünden. Da die Inflationserwartungen nach wie vor gut verankert seien, sei die EZB zu einer weniger restriktiven Rhetorik umgeschwenkt.
- Die US-Renditen seien von 5,0 Prozent Mitte Oktober auf 3,8 Prozent Ende 2023 gefallen. Daher habe Candriam bei seiner Long-Position auf die US-Duration Gewinne mitgenommen. In Bezug auf US-Staatsanleihen sei Candriam neutral aufgestellt und halte Ausschau nach einem neuen, attraktiven Einstiegspunkt, da Candriam davon ausgehe, dass die Märkte ihre Erwartungen an die FED revidieren würden.

Aktien-Allokation:

- Die Gesamtmarktbewertung habe sich in den letzten Monaten von der Höhe der realen Renditen gelöst. Dies impliziere ein weniger attraktives Niveau für Käufe.
- Angesichts der vergleichsweise optimistischen Gewinnwachstumserwartungen sehe Candriam nur ein begrenztes Aufwärtspotenzial für Aktien und sei daher derzeit eher vorsichtig. Dies zeige sich in einer Untergewichtung von Aktien der Eurozone und einer neutralen Gewichtung in anderen Regionen.
- Candriam warte auf ein besseres Risiko-Rendite-Verhältnis und ein deutlicheres Signal der Zentralbank, bevor Candriam sein Aktienengagement anhebe.
- Andererseits setze Candriam bei Aktien auf bestimmte Themen. Unter anderem würden Candriam die Bereiche Technologie und KI gefallen. Ebenso achte Candriam auf Chancen bei abgeschlagenen Aktien von Small Caps und Mid Caps bzw. im Bereich erneuerbare Energien. Candriam sei auch nach wie vor Käufer von spätzyklischen Sektoren wie dem Gesundheitswesen und Verbrauchsgütern.

Absicherung und Diversifizierung:

- Candriam halte eine Long-Position im japanischen Yen und Engagements in einigen Rohstoffen, unter anderem in Gold. Beides seien gute Absicherungen in einem risikoaversen Umfeld.
- Weiterhin rechne Candriam mit einer guten Entwicklung von alternativen Anlagen, da sie eine gewisse Dekorrelation gegenüber traditionellen Vermögenswerten bieten würden. (21.02.2024/alc/a/a)