USA: Wachstums- und Inflationsentwicklung wird weitere deutliche Straffung der Geldpolitik erfordern


27.07.16 10:31
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der Aufschwung in den USA verläuft weiter stetig, so die Experten von Franklin Templeton.

Das zerstreue die Sorge des Marktes, der zu Beginn des Jahres noch eine Rezession befürchtet habe. Im ersten Quartal 2016 habe das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit 0,8% zwar noch auf recht schwachen Füßen gestanden - was jedoch hauptsächlich auf die bekannten saisonalen Faktoren zurückzuführen gewesen sei. Kürzlich habe der Präsident der San Francisco Federal Reserve (FED), John Williams, auf eine Analyse seiner Mitarbeiter hingewiesen, der zufolge das reale BIP-Wachstum nach einer saisonalen Bereinigung der Daten für das erste Quartal mehr als 2% betrage. Zudem seien die Konjunkturindikatoren in den vergangenen Monaten durchgängig stark ausgefallen: das Verbrauchervertrauen stehe nahe am Rekordniveau, die Einzelhandelsumsätze würden steigen, und der Häusermarkt sei nach wie vor robust.

Auch habe sich der Arbeitsmarkt weiter gefestigt. Nach wie vor würden schneller neue Stellen geschaffen, als die Zahl der Arbeitnehmer steige. Gleichzeitig sei die Arbeitslosenquote auf 4,7% gefallen und die Erwerbsquote etwas gestiegen. Von der positiven Entwicklung ausgenommen sei allein die Zahl der neuen Stellen im Mai gewesen, die unerwartet niedrig ausgefallen sei. Zwar sei es nicht ungewöhnlich, dass das Tempo der Stellenschaffung im Zuge der Annäherung an Vollbeschäftigung abnehme. Dennoch scheine die Mai-Zahl von nur 38.000 neuen Arbeitsplätzen außerhalb der Landwirtschaft (NFP) ein Ausreißer gewesen zu sein, der nicht zu den nach wie vor starken übrigen Arbeitsmarktzahlen passe. Seit kurzem würden sich die strafferen Bedingungen am Arbeitsmarkt auch in einem höheren Lohndruck niederschlagen. So sei der zusammengesetzte Lohnindex der Atlanta-FED im April gegenüber dem Vorjahr um 3,4% und damit so stark wie zuletzt Anfang 2009 gestiegen.

Die Gesamtinflation steige nun allmählich, wie die Experten prognostiziert hätten. Die Kerninflation verharre hingegen stabil bei rund 2%, was darauf hindeute, dass der vorherige Rückgang der Gesamtinflation auf die sinkenden Energiepreise zurückzuführen gewesen sei und nicht auf eine schwächere Konjunktur oder eine allgemeine disinflationäre Entwicklung. Seit Anfang des Jahres hätten sich die Ölpreise zunächst stabilisiert und sich dann etwas stärker erholt als erwartet. In der letzten Ausgabe hätten die Experten ein Modell zur Inflationsprognose entwickelt. Wie sie erklärt hätten, wäre der dämpfende Basiseffekt auf die Gesamtinflation wahrscheinlich auch dann bis Januar 2017 geschwunden, wenn die Ölpreise auf dem Niveau von 30 US-Dollar pro Barrel verharrt hätten. Schon dies hätte das Feld für eine sprunghafte Erholung der Verbraucherpreise bereitet. Statt bei 30 US-Dollar zu verharren, seien die Ölpreise seitdem jedoch auf rund 50 US-Dollar pro Barrel gestiegen. Dies spreche dafür, dass sich die Erholung der Gesamtinflation in den kommenden Monaten sogar noch schneller fortsetzen dürfte.

Mit anderen Worten: Die jüngsten Daten zu Wirtschaftsleistung, Löhnen und Inflation würden die vom Konsens abweichende Meinung rechtfertigen, die die Experten in der Ausgabe von Beginn des Jahres erläutert hätten, nämlich dass ein Anstieg der Inflation bevorstehe, wobei die Risiken auf der Aufwärtsseite lägen.

Die Konjunktur- und Inflationsentwicklung habe sich in gewissem Maße durch restriktivere Äußerungen der FED-Vertreter im April und Mai widergespiegelt, die mehrfach hätten verlautbaren lassen, dass bereits bei der Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) im Juni eine zweite Zinserhöhung möglich wäre. Das hätten dann auch die Protokolle der FOMC-Sitzung von April bestätigt. Dies wiederum habe die Finanzmärkte gezwungen, die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im Juni oder Juli deutlich nach oben zu korrigieren, die zuvor nicht mehr in den Kursen berücksichtigt gewesen sei. Die NFP-Daten von Mai jedoch hätten die FED zurück zu einer vorsichtigeren Haltung gedrängt: Bei der Sitzung im Juni habe die Notenbank ihre Zinsen unverändert gelassen, und die Prognosepunkte seien nach unten verschoben worden. Dies bedeute, dass die FOMC-Mitglieder jetzt im Durchschnitt für dieses Jahr einen wenigen aggressiven Zinserhöhungszyklus erwarten würden. Auch diese veränderte Haltung der FED sei am Markt rasch eingepreist worden.

Die häufigen Veränderungen in der Rhetorik der US-Notenbank hätten deren Glaubwürdigkeit beschädigt, insbesondere vor dem Hintergrund der allgemein robusten Wirtschaftsentwicklung. Nach der Zinserhöhung im Dezember 2015 habe die FED angedeutet, dass sie für 2016 wahrscheinlich vier weitere Zinsschritte für angemessen gehalten habe. Nach einer weiteren Runde mit fallenden Ölpreisen und Aktienkursen habe sich die FED zurückhaltender geäußert. Sie habe die Abwärtsrisiken für das globale Wachstum betont und dafür gesorgt, dass der Markt kaum oder gar keine Zinsveränderungen in diesem Jahr mehr erwartet habe. Als ihr Ton im April und Mai wieder strenger geworden sei, hätten die Erwartungen der Märkte unter den Prognosepunkten der FED gelegen. Dies zeige die Annahme, dass die FED ihre Haltung ein weiteres Mal ändern könnte - was im Juni dann tatsächlich geschehen sei.

Die Experten seien nach wie vor der Meinung, dass die Wachstums- und Inflationsentwicklung in den USA eine weitere deutliche Straffung der Geldpolitik erfordern werde. Tatsächlich würden die jüngsten Trends in ihren Augen das zunehmende Risiko bestätigen, dass die FED mit ihrer geldpolitischen Reaktion der Entwicklung hinterherlaufe. Wenn dem so sei, könnte sie im Verlauf von 2017 gezwungen sein, die Zinsen schneller zu erhöhen als derzeit geplant - und auch deutlich schneller, als es die Märkte aktuell erwarten würden. (Ausgabe vom 20.07.2016) (27.07.2016/alc/a/a)