Ukrainekrise befeuert Inflation


01.07.22 09:00
ALTE LEIPZIGER Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges in der Ukraine ist wünschenswert, bleibt aber unrealistisch, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.

Zu erwarten sei, dass die Kämpfe das ganze Jahr über fortgesetzt und bis ins nächste Jahr hinein andauern könnten. Für die Weltwirtschaft bedeute das vor allem, dass das hohe Preisniveau bei diversen Rohstoffen und allen voran bei Energieträgern vorerst anhalten sollte.

Die kräftigen Preisanstiege würden für die konjunkturelle Entwicklung zunehmend zu einem Belastungsfaktor. Besonders die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise hätten die Inflationsrate im Euro-Raum zuletzt auf ein neues Rekordniveau von über 8% gehoben. Dadurch sinke die Kaufkraft der Haushalte und der Gegenwind für die Wirtschaft nehme zu. Hinzu würden die wirtschaftlichen Probleme in China kommen, die durch Pekings Festhalten an der Null-Covid-Politik entstanden seien. Damit würden neue globale Lieferkettenprobleme einhergehen, unter denen besonders die deutsche Exportwirtschaft leide. Für die gesamte Eurozone und damit auch für Deutschland als deren Wirtschaftsmotor sei die derzeitige ökonomische Lage sehr schwierig.

In den USA sei die wirtschaftliche Situation aktuell dagegen noch gut. Im zweiten Quartal sei die Wirtschaftsleistung wohl deutlich gewachsen. Der kräftige Beschäftigungszuwachs und die hohen Ersparnisse der Verbraucher würden derzeit den Konsum stützen. Jedoch würden auch in den USA am Konjunkturhimmel allmählich dunkle Wolken aufziehen. Die nun schon seit Monaten auch jenseits des Atlantiks deutlich erhöhte Inflation - mit 8,6% habe sie im Mai den höchsten Stand seit 40 Jahren erreicht - nage an den Realeinkommen der Verbraucher.

Die Unternehmen müssten aufgrund der aggressiven Leitzinserhöhungen der FED mit höheren Finanzierungskosten zurechtkommen und in ihre Kalkulation miteinbeziehen. Ihre Investitionstätigkeit würden sie wohl herunterschrauben. Die Wahrscheinlichkeit einer "harten Landung" der US-Wirtschaft sei aus Sicht der Experten deutlich gestiegen, auch wenn wohl noch einige Monate vergehen würden, bis der Effekt der restriktiven Geldpolitik auf die Realwirtschaft voll durchschlage. Die Aussichten für die Wirtschaft hätten sich damit eingetrübt.

Am Horizont gebe es aber auch Lichtblicke. Kommendes Jahr dürften die Inflationsraten in den meisten Ländern deutlich niedriger ausfallen als aktuell. Dadurch würden die Belastungen für die Haushalte wieder abnehmen, wodurch der Konsum gestärkt werden sollte. Die Experten würden mit einer konjunkturellen Erholung in den USA und in Europa im zweiten Halbjahr 2023 rechnen.

Denn die Lieferkettenproblematik sollte dann an Schärfe verlieren. Dazu würden wohl eine Normalisierung der Handelsströme als auch die Umstrukturierung/Neugestaltung der Lieferketten auf Unternehmensebene beitragen. In Europa und Deutschland dürfte dies in der Industrie ein Abarbeiten der hohen Auftragspolster ermöglichen. Der Preis für Rohöl sollte 2023 nicht weiter steigen und damit zu einer Entlastung bei den Inflationsraten beitragen. Diese würden 2023 dies- und jenseits des Atlantiks im Vergleich zur Vorkrisenzeit zwar höher ausfallen, aber die historisch hohen Niveaus aus 2022 unterschreiten.

Dennoch: Die Gewinne großer Unternehmen hätten sich 2022 über Regionen und Sektoren hinweg bislang tendenziell als robust erwiesen. So folge auf jede Krise auch ein Aufschwung, sowohl realwirtschaftlich als auch an den Börsen. Dieser sollte spätestens bei einer merklichen Verbesserung an den derzeitigen Krisenherden eintreten. Hierzu würden z.B. Konjunkturstimuli in China bzw. echte Friedenverhandlungen im Ukraine-Krieg oder ein Ausbleiben der gefürchteten Notenbankinduzierten Rezession in der USA gehören. (Ausgabe Juli 2022) (01.07.2022/alc/a/a)