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Verschnaufpause am Rentenmarkt


11.10.24 12:00
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - China verkündet ein großes Konjunkturpaket und überrascht damit die Anlegerinnen und Anleger am Kapitalmarkt, so die Analysten der Weberbank.

Es habe einen Paukenschlag gegeben, als der Präsident der chinesischen Notenbank Ende September das umfangreichste geldpolitische Maßnahmenpaket seit vielen Jahren angekündigt habe, vor allem um den seit Jahren kriselnden Wohnungsmarkt und die schwache Konsumnachfrage zu stabilisieren. Niedrigere Zinssätze sollten die Kreditvergabe der Geschäftsbanken verbessern und zielen zudem auf die Belebung der schwachen Kreditnachfrage privater Haushalte ab.

Darüber hinaus sollten Unternehmen mittels zinsgünstiger Darlehen dazu bewegt werden, vermehrt Aktien zu kaufen. Das Kalkül all dieser Maßnahmen sei, dass die finanzielle Entlastung den Haushalten für vermehrte Konsumausgaben und Immobilienkäufe zugutekommen könne, womit das Ziel der Kommunistischen Partei von 5 % Wirtschaftswachstum für dieses Jahr erreicht werden könnte. Sei dies nun der große konjunkturpolitische Wurf, auf den die internationalen Investoren schon so lange gewartet hätten? Man sei skeptisch, denn die Konjunkturschwäche sei doch vor allem eine Vertrauenskrise der Verbraucher. Chinesische Haushalte hielten einen Großteil ihrer Vermögen in Immobilien.

Fielen die Immobilienpreise wie in den vergangenen Monaten aufgrund des Überangebots am Häusermarkt, sinke die Konsumstimmung. An dieser Stelle hätte das Konjunkturpaket vor allem ansetzen müssen, mache es aber nach Meinung der Analysten nur unzureichend. Die beschlossenen Zinssenkungen entlasteten zwar die Konsumenten, dürften aber die Abwärtsspirale bei den Immobilienpreisen wohl kaum stoppen. Stattdessen wäre die Kombination aus umfangreichen Absicherungen von Immobilienkäufen gegen Verluste und staatliche Käufe von Überkapazitäten ein probates Mittel, um das Überangebot am Markt zu beseitigen und die Preise nachhaltig zu stabilisieren. So würde man wieder neues Vertrauen schaffen.

Es sei sehr fraglich, ob sich die chinesische Regierung in Zukunft zu einem großen Immobilieninvestor aufschwingen werde. Schließlich sei der Staat hoch verschuldet und könne somit nicht aus dem Vollen schöpfen. Doch wer wisse, vielleicht überrasche China den Kapitalmarkt erneut mit einem unkonventionellen Schritt. Bereits Ende Oktober könnte es soweit sein. Dann tagte der Nationale Volkskongress, der voraussichtlich weitere Konjunkturmaßnahmen beschließen werde. Welche das konkret sein würden, sei zurzeit aber noch völlig unklar.

Investorinnen und Investoren am Rentenmarkt hätten sich in den letzten Monaten über steigende Kurse freuen können. Seit Ende Juni dieses Jahres seien die Anleihepreise, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, kontinuierlich gestiegen. Die sich gegenläufig entwickelnden Renditen seien entsprechend rückläufig gewesen. Habe beispielsweise die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen Mitte des Jahres noch im Bereich von 2,6 % gelegen, so sei sie Ende September nur noch bei rund 2,0 % gewesen. Seit Anfang Oktober habe der Wind am Rentenmarkt allerdings gedreht, was viel mit den aktuellen Konjunkturdaten aus den USA zu tun haben dürfte. Diese seien zuletzt überraschend stark gewesen.

Das Jobwachstum in den USA lasse nicht nach und habe im September mit 254.000 neu geschaffenen Stellen die Prognosen weit übertroffen. Angesichts solch positiver Wirtschaftsdaten sei es nach Erachten der Analysten fraglich, ob die US-Notenbank Fed in den kommenden Monaten weiter schnell und kräftig die Leitzinsen senken werde. Das gleiche stelle man in Bezug auf die EZB infrage. Man gehe von zwei Zinssenkungen der EZB um jeweils 0,25 %-Punkte bis Jahresende 2024 aus. Viele Marktteilnehmer hätten zuletzt mit deutlich mehr Zinsschritten der europäischen Notenbanker gerechnet. Diese Erwartungen seien nun enttäuscht und angepasst worden. Die Auswirkungen dessen seien am Rentenmarkt ablesbar. Die Renditen seien zuletzt wieder angestiegen und die Anleihekurse hätten entsprechend nachgegeben. Man gehe jedoch davon aus, dass es sich in Bezug auf die Anleihepreise lediglich um eine Verschnaufpause handle.

Vor diesem Hintergrund sei es aus Sicht der Analysten attraktiv, die reduzierten Kursnotierungen nochmals für schrittweise Käufe bonitätsstarker Rentenpapiere auch mit längeren Laufzeiten zu nutzen.

Der eskalierende Nahostkonflikt habe in den letzten Wochen immer wieder für Nervosität an den Aktienmärkten gesorgt. Derzeit sei schwer abschätzbar, wie sich die Situation weiterentwickeln werde. Das Risiko eines Krieges zwischen Israel und dem Iran sei hoch. Man beobachte die Lage fortlaufend, bewerte täglich aufs Neue die potenziellen Auswirkungen eines möglichen Krieges auf die Aktienportfolien und behalte sich weitere Anpassungen vor.

In den kommenden Tagen dürfte jedoch vermutlich erst einmal ein anderes Thema in den Fokus der Anleger rücken: Es starte die Berichtssaison zum dritten Quartal 2024. Sie werde Aufschluss über den Geschäftsverlauf der europäischen und US-amerikanischen Firmen geben. Wenngleich die Erwartungshaltung der Investorinnen und Investoren zuletzt merklich vorsichtiger geworden sei, gehe man davon aus, dass der Großteil der Unternehmen unverändert hohe Gewinnzuwächse berichten werde. Das sollte nach Erachten der Analysten den Aktienkursen in den kommenden Wochen Unterstützung bieten. Daher empfehle man, am Aktienmarkt investiert zu bleiben.

Als aussichtsreich erachte man vor allem Aktien aus den Branchen Technologie, Gesundheit und Finanzen. Das Gewinnwachstum dieser Unternehmen dürfe mit am höchsten ausfallen, unterstützt von zum Teil kräftig steigenden Umsätzen und einem nachlassenden Kostendruck. Demgegenüber sei man vorsichtig, was Aktien aus den Sektoren zyklischer Konsum und Grundstoffe wie etwa Chemie betreffe. Die Gewinne in diesen Branchen würden voraussichtlich rückläufig sein, weil sich die Verbraucher mit Ausgaben merklich zurückhielten und die zuletzt wieder gestiegenen Energiepreise die Produktion dieser Unternehmen verteuerten. (11.10.2024/alc/a/a)