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Das Vertrauen der Anleger in die Geldpolitik scheint unerschütterlich


24.06.19 09:15
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Kaum vermehren sich die Anzeichen für eine Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums und die Notenbanken versprechen eine Fortsetzung der expansiven Geldpolitik, da schöpfen die Börsen wieder Mut und setzen auf eine Besserung, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Das Vertrauen der Investoren in das "Allheilmittel" der Geldpolitik scheine unerschütterlich. Die Medien würden über eine moderne, neue Methode der Volkswirtschaftspolitik berichten (MMT, Modern Monetarcy Theory). Nur der Staat habe die Möglichkeit, im Falle einer Krise so viel Geld zu drucken und in Umlauf zu bringen wie erforderlich, um einen neuen Aufschwung anzukurbeln. Das Perpetuum Mobile scheine endlich erfunden.

Die ultra-expansive Geldpolitik habe kurz- und langfristige Zinsen auf extrem niedrigen Niveau bewirkt, wodurch die Verschuldung aller Sektoren stark zugenommen habe. In den USA sei die Gesamtverschuldung (Privathaushalte, Unternehmen, Regierung, Kommunen, Finanzwirtschaft und Ausland) inzwischen auf USD 71,4 Billionen gestiegen. Bei steigenden Zinsen (z.B. wegen höherer Inflationsraten) würden alle Sektoren in die Verschuldungsfalle geraten. Allein die Staatsverschuldung sei um 171% auf USD 22 Billionen angewachsen. Weltweit werde die Gesamtverschuldung auf USD 240 Billionen geschätzt (Quelle: IIF). Bei einem Welt-BIP von ca. USD 75 Billionen errechne sich eine Schuldenquote von 320%. Noch in den neunziger Jahren wäre von den Börsen eine solche Entwicklung als grotesk und äußerst gefährlich für die Preisstabilität eingeschätzt worden. Doch jetzt werde es als "Allheilmittel" geschätzt.

Der amerikanische Volkswirt Irving Fisher (1867 bis 1947) sei für eine ganze Reihe wirtschaftswissenschaftlicher Gleichungen berühmt geworden. Nach seiner Quantitätsgleichung sei die in einem Jahr umgesetzte Geldmenge M multipliziert mit der Geldumlaufgeschwindigkeit V gleich der Produktion von Gütern und Leistungen Y multipliziert mit der Teuerungsrate P. Somit: M x V = Y x P. Die monetäre Seite einer Volkswirtschaft spiegele sich in der fundamentalen. Danach seien Geldmenge M und Geldumlaufgeschwindigkeit V direkt proportional zu den konjunkturellen Aktivitäten einer Volkswirtschaft.

Die starke Steigerung der Geldmenge M durch gigantische Summen von QE nütze überhaupt nichts, wenn gleichzeitig die Umlaufgeschwindigkeit V sinke. Es komme auf das Produkt von M x V an. Der Sturz von V von 8,8 auf 5,6 sei in der Rezession 2008 eingetreten. Die ganzen Ankurbelungsmaßnahmen seien in der Folgezeit verpufft. Eine niedrige Geldumlaufgeschwindigkeit V (engl.: Velocity) bedeute kein Geldumschlag, geringe wirtschaftliche Aktivitäten, rückläufige Teuerung P, steigender Deflationsdruck. Bei gleich bleibendem M × V stagniere die Volkswirtschaft oder die Preise P steigen. Alle Versprechungen einer besseren Konjunktur durch ZIRP und QE seien eine Farce. Die Geldpolitik sei bereits über das Ziel hinausgeschossen. Eine Verlängerung der ultra-expansiven Geldpolitik (möglicherweise durch noch mehr QE) durch die FED und die EZB bis in 2020 werde als nutzlos verpuffen.

Die größte Enttäuschung für die Monetaristen, die der Ansicht seien, mit Geld könne man alles steuern, habe dieses Versagen der Nullzinspolitik und der quantitativen Lockerungen gebracht. Mit immer niedrigeren Zinsen hätten die Notenbanken versucht, die Kreditnachfrage für Investitionen anzukurbeln. Doch wer für 2% nicht investiere, werde es auch bei 1% und erst recht nicht bei 0% tun, sondern fühle sich in seiner Vorsicht bestätigt. Wenn die Notenbank schon zu solch drastischen Mitteln greife, müssten die Konjunkturaussichten ja noch viel schlechter sein als bisher angenommen. Durch dieses Verhalten sinke die Umlaufgeschwindigkeit noch mehr. Der Grenznutzen zusätzlicher Lockerungen für das BIP-Wachstum sei wahrscheinlich schon negativ, weitere Lockerungen würden inzwischen schon kontraproduktiv wirken.

Das Schlimmste, was jetzt noch passieren könne, wären noch tiefere negative Zinsen. Sie würden Anleger in immer riskantere Investments drängen und alle Sektoren zu noch stärkerer Verschuldung ermuntern. Die Folge seien Banken, auf die hohe Abschreibungen zukämen und überschuldete Unternehmen. Wer auf Zinseinnahmen angewiesen sei (wie Sparer, Pensionskassen, Rentenversicherungen) erleide Verluste und könne weniger konsumieren.

Ein wahrer Teufelskreis zeige sich in der Staatsverschuldung. Reformen bei Einnahmen und Ausgaben seien in den Parlamenten nicht durchzusetzen. Höhere Einnahmen würden Steuererhöhungen bedeuten. Niedrigere Ausgaben würden Kürzungen in den Budgetplänen der Ministerien bedeuten. Fast alle Euroländer hätten seit Gründung der Währungsunion gegen die Verpflichtung zu ausgeglichenen Staatsbudgets verstoßen. Trotzdem habe die EU-Kommission keine Sanktionen verhängt. Wenn die Haushaltszusagen in den Ländern nicht eingehalten würden, habe es praktisch keine Konsequenzen.

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