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Wie wird die Geldpolitik in ein paar Jahren aussehen?


20.10.15 11:14
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die wichtigsten Zentralbanken der Welt halten immer noch an ihrer ultra-expansiven Geldpolitik fest, die FED, die EZB und die BoE seit 2009 und die BoJ seit 1990, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Seit dem Herbst 2008 hätten Notenbanken in aller Welt 600 mal Leitzinsen gesenkt und die wichtigsten von ihnen (FED, BoJ, EZB, BoE, SBN) mittels QE rund USD 7,8 Billionen Liquidität in die Märkte geschleust. Eine solch umfangreiche monetäre Konjunkturstimulierung habe es noch nie gegeben. Doch mit welchem Resultat?

Der IWf habe seine BIP-Wachstumsprognose 2015 für die Weltwirtschaft von 3,5% auf 3,1% gesenkt und damit auf den niedrigsten Wert seit der globalen Finanzkrise. 2016 solle es etwas stärker aufwärtsgehen, das BIP um 3,6% (vorher 3,8%) ansteigen. Die meisten Industrienationen würden dem IWF zufolge auf Kurs bleiben, aber in den Schwellenländern würden der Rohstoffpreisverfall sowie die Wachstumsverlangsamung in China bremsen.

Das BIP-Wachstum der Schwellenländer werde 2015 das fünfte Jahr in Folge schwächer ausfallen. Das Plus solle für diese Gruppe von Ländern nur 4,0% betragen, nach 4,6% in 2014 und solle 2016 auf 4,5% ansteigen. Die US-Wirtschaft solle im Prognosezeitraum um 2,6% und 2,8% wachsen, diejenige in der Eurozone und Deutschland um jeweils 1,5% und 1,6%. Die Erholung in den Industrieländern werde gestützt durch die niedrigen Ölpreise, die akkommodierende Geldpolitik sowie die günstigen Finanzierungskonditionen. Der Preisauftrieb werde dem IWF zufolge sehr niedrig bleiben.

Für die Industrieländer insgesamt solle die Konsumentenpreisinflationsrate 2015 und 2016 nur 0,3% und 1,2% betragen. In der Eurozone werde die Inflationsrate bei 0,2% und 1,0% gesehen und werde 2020 erst 1,7% erreichen. Mit anderen Worten, dem IWF zufolge werde die EZB ihr Ziel, die Inflationsrate auf mittlere Sicht nahe an die Marke von 2% anzuheben, weit verfehlen. Vor dem Hintergrund des geringen Preisauftriebs bezeichne der IWF das Festhalten an der lockeren Geldpolitik in den Industrieländern als essentiell. Zudem müsse die Investitionstätigkeit verstärkt werden.

Das sei angesichts der umfangreichen Lockerungen ein enttäuschendes Ergebnis. Und jetzt wolle die amerikanische FED zurück zu einer "Normalisierung" der Zinsstrukturkurve. Eine "normale" Zinsstruktur könnte bei Geldmarktzinsen von 2 bis 3% und 10-Jahresrenditen von 4 bis 5% liegen. Doch das sei bei der internationalen Verschuldung von knapp USD 200 Billionen (Quelle: McKinsey) nicht vorstellbar.

Aber vielleicht sei ja als "normal" auch die gegenwärtige Struktur einzuschätzen. Sie halte vielleicht viel länger an als bisher angenommen. Schließlich erscheine die nächste Konjunkturberuhigung zeitlich schon näher zu sein als der letzte Aufschwung.

Die globalen Folgen der Konjunkturberuhigung in China würden größer zu sein scheinen als bisher erwartet. Deshalb habe auch die FED die für September geplante Leitzinserhöhung verschoben. Jetzt würden die Börsen über den ersten Schritt im Dezember oder im Frühjahr nächsten Jahres spekulieren. Die Strukturkurve in den USA zeige für die kurzen Laufzeiten sogar negative Renditen, weshalb US-Analysten darüber rätseln würden, ob die FED nicht ebenfalls negative Renditen anpeile (NIRP).

NIRP habe ebenso wie ZIRP schwerwiegende Nachteile. Es laufe auf eine Enteignung der Sparer hinaus, wenn für Ersparnisse keine oder sogar negative Zinsen (nach Steuern und Gebühren) berechnet würden. Sparer sollten Güter und Leistungen kaufen, die sie nicht brauchen würden oder nicht wollten. Gläubiger würden für das Schuldnerrisiko, das sie eingehen würden, nicht mehr belohnt.

Anleger würden ermuntert, in immer riskanteren Investments eine Rendite zu suchen. Auf diese Weise entstünden nur Finanzblasen. Am schlimmsten aber sei, dass der Zins nicht mehr seine Funktion als Marktregulator ausübe. Staatsanleihen von besonders hoch verschuldeten Ländern wie den USA, Japan oder in Westeuropa würden keine Verzinsung bieten. Das verhindere jede Reform der Budgetpolitik.

Wenn es durch ZIRP so "leicht" werde, neue staatliche Schulden zu finanzieren, nehme der Treasurer durch die Emission neuer Anleihen umso lieber den Weg des geringsten Widerstandes, ohne sich um die künftige Zinsbelastung allzu viele Sorgen zu machen. Wie viel unpopulärer sei es doch, Steuern zu erhöhen oder gar Ausgaben zu kürzen. Der Wille zu Reformen in der Haushaltspolitik und der Staatsverschuldung sei schon fast auf Null gesunken. Reformen würden auf der Strecke bleiben, die Senkungen der Geldmarktzinsen würden kontraproduktiv. Dies aber wiederum habe zur Folge, dass sich die Krisensituation weiter zuspitze.

Die Notenbanken hätten den ersten Schritt zur Normalisierung längst versäumt. Wegen der absurden Überschuldung in der ganzen Welt richte sich die Geldpolitik mehr und mehr nach den Einflüssen auf die Finanzmärkte. Das aber verschärfe langfristig die Krise. (Ausgabe vom 19.10.2015) (20.10.2015/alc/a/a)