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Der Wohlfahrtsstaat setzt sich durch
28.11.25 12:01
RBC BlueBay Asset Management
London (www.anleihencheck.de) - In den USA preisen die Märkte eine Zinssenkung im Dezember ein, während die Personalie des Fed-Vorsitzenden Gestalt anzunehmen scheint, so Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.
Die seit langem diskutierte Gefahr des Durchgriffs der Regierung auf die Notenbank könnte sich als wenig begründet herausstellen. In Großbritannien löse der Staatshaushalt keine aktuellen Probleme, sondern verlagere sie in die Zukunft. Währenddessen würden die Bürger mit den Füßen abstimmen, beobachte Mark Dowding.
Die Renditen von US-Anleihen seien in der vergangenen Woche weiter gesunken, da der Markt eine Zinssenkung im Dezember nach den jüngsten Äußerungen der Fed inzwischen zu 80% einpreise. Da die Blackout-Periode der Fed an diesem Wochenende vor der Sitzung des Federal Open Market Committee am 10. Dezember beginne und in der Zwischenzeit keine wesentlichen Daten veröffentlicht würden, bezweifle Dowding, dass Powell die Märkte in der Vorweihnachtszeit überraschen wolle - eine Zinssenkung scheine also wahrscheinlich.
Da die US-Wirtschaft dank Steuersenkungen, schon erfolgten Zinssenkungen, Deregulierung und KI-Investitionen bis 2026 Rückenwind spüren dürfte, stufe Dowding Powells voraussichtliche Zinssenkung im Dezember als seine letzte geldpolitische Maßnahme ein, bevor er im Mai sein Amt niederlege.
Kommentare von US-Finanzminister Scott Bessent in dieser Woche würden darauf hindeuten, dass die Entscheidung über den neuen Fed-Vorsitzenden kurz bevorstehe. Als Favorit werde aktuell Kevin Hassett gehandelt. Der Markt sehe in Hassett eher einen Vertreter lockerer Geldpolitik als in Kevin Warsh, Chris Waller oder Bessent selbst, was allerdings auch nicht überbewertet werden sollte. Hassett sei hoch angesehen, und Dowding gehe davon aus, dass alle Kandidaten einem orthodoxen geldpolitischen Ansatz treu bleiben würden.
Zudem: Die Amtszeit des Fed-Vorsitzenden betrage vier, maximal acht Jahre. Von diesen vier Jahren würden nur zwei mit der Präsidentschaft Trump zusammenfallen, ein Großteil davon in der Lame-Duck-Phase seiner zweiten Amtszeit.
Vor diesem Hintergrund werde ein neuer Fed-Vorsitzender keine Entscheidungen treffen wollen, die seine gesamte Amtszeit überschatten könnten - nur um kurzfristig seinem Chef zu gefallen. Da sich die Republikaner als wichtigstem Wahlkampfthema darauf konzentriert hätten, die Lebenshaltungskosten unter Kontrolle zu halten, müsse die Partei einen Anstieg der Inflation verhindern, besonders vor den Zwischenwahlen im November nächstes Jahr. Deshalb gehe Dowding davon aus, dass das Weiße Haus in den kommenden Monaten zurückhaltender in Bezug auf die Zinssätze reagieren werde.
In Großbritannien stelle Finanzministerin Rachel Reeves nach vielen Spekulationen und durchgesickerten Informationen ihren Haushaltsplan vor. Im Wesentlichen sähen die Maßnahmen zusätzliche Staatsausgaben in naher Zukunft vor, die durch höhere Steuern in der Folgezeit ausgeglichen werden sollten, wobei der Großteil der finanziellen Belastungen erst nach dem Termin der nächsten Parlamentswahlen zum Tragen komme.
Insgesamt werde eine Erhöhung des Budgets für Soziales um 73 Milliarden Pfund auf 406 Milliarden Pfund in den nächsten fünf Jahren durch immer höhere Steuern finanziert. Diese zusätzlichen Ausgaben könnten die Labour-Hinterbänkler etwas beruhigen, würden allerdings kaum zum Wirtschaftswachstum beitragen und dürften die stagnierende Produktivität nicht voranbringen - eine der wichtigsten Ursachen für die aktuelle wirtschaftliche Schwäche des Landes.
Trotzdem erscheine ein Führungswechsel in naher Zukunft unwahrscheinlich. Nach den Kommunalwahlen im Mai nächstes Jahr könnten Rufe nach einem Kurswechsel laut werden, wenn die aktuellen Meinungsumfragen keine Verbesserung für Labour zeigen sollten.
Im Laufe der kommenden Woche dürfte sich der Blick der Anleger zunehmend auf die nächste Fed-Sitzung verlagern. Da keine Daten und Reden von Fed-Vertretern vorlägen, bräuchten die Märkte offenbar einen neuen Impuls für die Kursentwicklung. Dowding erwarte, dass der nächste Zinstermin der US-Notenbank diesen Impuls liefern werde.
An den Aktienmärkten scheine sich die Stimmung nach einigen turbulenten Wochen wieder zu beruhigen. Anfang Dezember beginne typischerweise eine Phase geringerer Marktliquidität, die für Risikoanlagen tendenziell günstig sei.
Gleichzeitig beschäftige Dowding die wirtschaftliche und politische Flaute, die nicht nur Großbritannien, sondern den größten Teil Nordeuropas zu befallen scheine. Das Narrativ von der Abhängigkeit des Sozialstaats, von höherer Steuerlast und wirtschaftlicher Stagnation verstärke sich selbst, wenn es zu einer negativen Haltung führe und damit Investitionen und Konsum bremse.
Dazu passe, dass im vergangenen Jahr fast 700.000 Menschen Großbritannien den Rücken gekehrt hätten - die höchste Auswanderungsrate seit über hundert Jahren. Damals hätten die Menschen gerade die Nachwehen des Ersten Weltkriegs erlebt.
Heute würden junge, ehrgeizige und produktive Menschen ihre Zukunft außerhalb Großbritanniens suchen. Schwer vorstellbar sei, dass sich dieser Trend in naher Zukunft umkehren werde. "Politische Entscheidungen können nicht nur den künftigen Kurs der Finanzmärkte bestimmen, sondern prägen vor allem die Zukunft der Gesellschaften, in denen wir leben", so Dowding. (28.11.2025/alc/a/a)
Die seit langem diskutierte Gefahr des Durchgriffs der Regierung auf die Notenbank könnte sich als wenig begründet herausstellen. In Großbritannien löse der Staatshaushalt keine aktuellen Probleme, sondern verlagere sie in die Zukunft. Währenddessen würden die Bürger mit den Füßen abstimmen, beobachte Mark Dowding.
Die Renditen von US-Anleihen seien in der vergangenen Woche weiter gesunken, da der Markt eine Zinssenkung im Dezember nach den jüngsten Äußerungen der Fed inzwischen zu 80% einpreise. Da die Blackout-Periode der Fed an diesem Wochenende vor der Sitzung des Federal Open Market Committee am 10. Dezember beginne und in der Zwischenzeit keine wesentlichen Daten veröffentlicht würden, bezweifle Dowding, dass Powell die Märkte in der Vorweihnachtszeit überraschen wolle - eine Zinssenkung scheine also wahrscheinlich.
Da die US-Wirtschaft dank Steuersenkungen, schon erfolgten Zinssenkungen, Deregulierung und KI-Investitionen bis 2026 Rückenwind spüren dürfte, stufe Dowding Powells voraussichtliche Zinssenkung im Dezember als seine letzte geldpolitische Maßnahme ein, bevor er im Mai sein Amt niederlege.
Kommentare von US-Finanzminister Scott Bessent in dieser Woche würden darauf hindeuten, dass die Entscheidung über den neuen Fed-Vorsitzenden kurz bevorstehe. Als Favorit werde aktuell Kevin Hassett gehandelt. Der Markt sehe in Hassett eher einen Vertreter lockerer Geldpolitik als in Kevin Warsh, Chris Waller oder Bessent selbst, was allerdings auch nicht überbewertet werden sollte. Hassett sei hoch angesehen, und Dowding gehe davon aus, dass alle Kandidaten einem orthodoxen geldpolitischen Ansatz treu bleiben würden.
Zudem: Die Amtszeit des Fed-Vorsitzenden betrage vier, maximal acht Jahre. Von diesen vier Jahren würden nur zwei mit der Präsidentschaft Trump zusammenfallen, ein Großteil davon in der Lame-Duck-Phase seiner zweiten Amtszeit.
Vor diesem Hintergrund werde ein neuer Fed-Vorsitzender keine Entscheidungen treffen wollen, die seine gesamte Amtszeit überschatten könnten - nur um kurzfristig seinem Chef zu gefallen. Da sich die Republikaner als wichtigstem Wahlkampfthema darauf konzentriert hätten, die Lebenshaltungskosten unter Kontrolle zu halten, müsse die Partei einen Anstieg der Inflation verhindern, besonders vor den Zwischenwahlen im November nächstes Jahr. Deshalb gehe Dowding davon aus, dass das Weiße Haus in den kommenden Monaten zurückhaltender in Bezug auf die Zinssätze reagieren werde.
Insgesamt werde eine Erhöhung des Budgets für Soziales um 73 Milliarden Pfund auf 406 Milliarden Pfund in den nächsten fünf Jahren durch immer höhere Steuern finanziert. Diese zusätzlichen Ausgaben könnten die Labour-Hinterbänkler etwas beruhigen, würden allerdings kaum zum Wirtschaftswachstum beitragen und dürften die stagnierende Produktivität nicht voranbringen - eine der wichtigsten Ursachen für die aktuelle wirtschaftliche Schwäche des Landes.
Trotzdem erscheine ein Führungswechsel in naher Zukunft unwahrscheinlich. Nach den Kommunalwahlen im Mai nächstes Jahr könnten Rufe nach einem Kurswechsel laut werden, wenn die aktuellen Meinungsumfragen keine Verbesserung für Labour zeigen sollten.
Im Laufe der kommenden Woche dürfte sich der Blick der Anleger zunehmend auf die nächste Fed-Sitzung verlagern. Da keine Daten und Reden von Fed-Vertretern vorlägen, bräuchten die Märkte offenbar einen neuen Impuls für die Kursentwicklung. Dowding erwarte, dass der nächste Zinstermin der US-Notenbank diesen Impuls liefern werde.
An den Aktienmärkten scheine sich die Stimmung nach einigen turbulenten Wochen wieder zu beruhigen. Anfang Dezember beginne typischerweise eine Phase geringerer Marktliquidität, die für Risikoanlagen tendenziell günstig sei.
Gleichzeitig beschäftige Dowding die wirtschaftliche und politische Flaute, die nicht nur Großbritannien, sondern den größten Teil Nordeuropas zu befallen scheine. Das Narrativ von der Abhängigkeit des Sozialstaats, von höherer Steuerlast und wirtschaftlicher Stagnation verstärke sich selbst, wenn es zu einer negativen Haltung führe und damit Investitionen und Konsum bremse.
Dazu passe, dass im vergangenen Jahr fast 700.000 Menschen Großbritannien den Rücken gekehrt hätten - die höchste Auswanderungsrate seit über hundert Jahren. Damals hätten die Menschen gerade die Nachwehen des Ersten Weltkriegs erlebt.
Heute würden junge, ehrgeizige und produktive Menschen ihre Zukunft außerhalb Großbritanniens suchen. Schwer vorstellbar sei, dass sich dieser Trend in naher Zukunft umkehren werde. "Politische Entscheidungen können nicht nur den künftigen Kurs der Finanzmärkte bestimmen, sondern prägen vor allem die Zukunft der Gesellschaften, in denen wir leben", so Dowding. (28.11.2025/alc/a/a)


