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Zeit für eine radikalere Geldpolitik der EZB?
24.02.16 10:34
IKB Deutsche Industriebank
Düsseldorf (www.anleihencheck.de) - Die Furcht vor einem Konjunktureinbruch in der Euro-Zone hält an, so Dr. Klaus Bauknecht von der IKB Deutsche Industriebank AG.
Zwar würden viele Indikatoren wie der PMI weiterhin auf Wirtschaftswachstum deuten, jedoch würden Vertrauensindikatoren trotz stabiler bzw. sinkender Arbeitslosenquote und anhaltend niedriger Zinsen auf eine Verlangsamung des Wachstums hinweisen. Das Vertrauen in der Realwirtschaft scheine sich nun doch von der Volatilität auf den Finanzmärkten beeinflussen zu lassen. Dies sei zum einen an der Erwartungskomponente des ifo-Indexes im Vergleich zur aktuellen Lage zu erkennen. Zum anderen würden das weltweite Handelsvolumen sowie die Industrieproduktion Anlass zur Sorge geben, auch wenn sich die Industrieproduktion in den USA im Dezember etwas erholt habe.
Grundsätzlich steige das Risiko einer synchronen Konjunkturabschwächung in der Euro-Zone, China und anderen Schwellenländern sowie möglicherweise in den USA. Vor allem rohstoffexportierende Schwellenländer seien aktuell einem erhöhten Risiko von niedrigerem Wachstum und sozialen Konflikten ausgesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Abkühlung des chinesischen Wirtschaftswachstums durch eine weitere konjunkturelle Belebung in den USA und in der Euro-Zone kompensiert werde, nehme immer mehr ab, und auch mit ambitionierten US-Zinsanhebungen in 2016 werde immer weniger gerechnet. Die IKB erwarte zwei Anhebungen des US-Leitzinses in 2016.
Die OECD habe ihre Prognose für das globale BIP nach unten revidiert (jetzt 3% in 2016, der gleiche Wert wie im Vorjahr) und ermutige Staaten, zusätzlich zur Geldpolitik fiskalische Maßnahmen zu ergreifen. Geldpolitik alleine, so die OECD, reiche nicht aus, um eine nachhaltige Erholung bzw. Wende sicherzustellen. Für die Euro-Zone könnte die aktuelle globale Entwicklung für steigende Instabilität sorgen. Nach Jahren hoher Arbeitslosigkeit sei die Unterstützung für die Gemeinschaftswährung innerhalb der Bevölkerung in vielen Mitgliedstaaten erschöpft. Somit bestehe nicht nur Handlungsbedarf bei der EZB, die schon seit Monaten die Märkte durch Ankündigungen bei Laune halte, weshalb die Effektivität der Maßnahmen zunehmend angezweifelt werde.
Der Erfolg des Aufkaufprogramms der EZB sei an dem Außenwert des Euro ersichtlich gewesen. Während die Zinsen weiter gefallen seien, habe vor allem die Euro-Abwertung einen positiven Einfluss auf die Konjunktur gehabt. Dies habe unter anderem dazu geführt, dass die Euro-Zone im Jahr 2015 das höchste Exportwachstum seit vier Jahren habe aufweisen können.
Doch was würden eine zusätzliche Ausweitung des Programms bzw. eine weitere Senkung des Einlagenzinssatzes bewirken? Werde eine Zinssenkung um 10 Basispunkte im Zweifel einen europäischen Konjunktureinbruch verhindern können? Dies sei kaum zu erwarten. Die aktuellen Maßnahmen hätten den Zenit ihrer Effektivität längst überschritten, vor allem im Falle steigender Kosten der negativen Zinsen für den Bankensektor. Doch dies bedeute nicht, dass die EZB, wie oft betont, ihr Pulver verschossen habe.
Sollten sich die Sorgen um eine deutliche Abkühlung der europäischen Konjunktur bestätigen, so sei mehr von der EZB gefordert, als nur eine Ausweitung des Aufkaufprogramms bzw. eine marginale Senkung des Einlagenzinssatzes. Notwendig sei eine Ausweitung der Krisenpolitik. Draghi habe bereits betont, dass es für ihn keine Grenzen gebe.
Die EZB müsse ihre Glaubwürdigkeit erhalten. Wenn Draghi die Handlungsbereitschaft und -fähigkeit der EZB betone, verliere er auf Dauer an Überzeugungskraft, wenn die konjunkturelle Lage anhaltend schwierig bleibe. Nötig sei ein entschlossenes Auftreten, das auch seinerzeit bei der Ankündigung der aktuellen Krisenpolitik zu beobachten gewesen sei. Denn die EZB erhöhe ihre Effektivität, wenn sie Skepsis gegenüber ihrer Handlungsbereitschaft zurückdrängen könne. Dazu könnten auch risikoreiche Maßnahmen gehören. Das sei bei der Ankündigung des OMT- bzw. Aufkaufprogramms der EZB nicht anders gewesen, was damals einerseits kritisch gesehen worden sei, andererseits zum Erfolg beigetragen habe. Nun sollten weitere Maßnahmen zur Diskussion stehen, die zunächst als radikal eingestuft würden und damit die Ernsthaftigkeit der EZB unmissverständlich darlegen würden.
Ein Anstieg des Inflationsziels der EZB sei eine solche Möglichkeit. Um eine solche Maßnahme durchsetzen zu können, müsste die Euro-Zone dauerhaft in ihrem Erhalt gefährdet sein. Dann wäre auch die klassische Variante von Helikoptergeld möglich: Die EZB erhöhe nicht die Geldmenge im Finanzsystem durch Anleiheaufkäufe, sondern finanziere den Anstieg der realen Nachfrage - zum Beispiel durch den Staat. Ziele einer solchen Maßnahme wären die Nachfrage anzuheben und Zweifel am nachhaltigen Wert des Euro zu schüren, um somit die Inflation nach oben zu treiben.
Aktuell werde im Zusammenhang mit negativen Zinsen auch die Abschaffung von Bargeld ins Spiel gebracht. Allerdings müssten dann auch alle anderen Substitute, die als Werterhalt dienen könnten, verboten werden. Dies beinhalte nicht nur alle Fremdwährungen, sondern zum Beispiel auch Gold. Höre sich absurd an? Alles schon einmal da gewesen. In 1933 habe zum Beispiel Präsident Roosevelt in den USA den Besitz von Gold verboten. Andere Länder mit Devisenkontrollen hätten ebenfalls ein Verbot auf den Besitz von Gold und Fremddevisen ausgesprochen, um die lokale Währung zu stützen.
Solch unkonventionelle Ansätze mögen aktuell politisch nicht umsetzbar sein. Der nahe liegendere Schritt sei aktuell auch eine weniger restriktive Fiskalpolitik, initiiert von der EU bzw. den Regierungen der Euro-Zone. Denn hierfür schaffe die EZB schon länger durch ihr Aufkaufprogramm und den damit sinkenden Finanzierungskosten den nötigen Handlungsspielraum. Aktuell seien somit also vor allem die Regierungen der Euro-Zone gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, vor allem, wenn der Werkzeugkasten der EZB nicht erweitert werden solle.
Die Märkte würden angesichts der sich eintrübenden Konjunktur in der Euro-Zone weitere Ankündigungen der EZB erwarten. Deshalb werde diese im März 2016 voraussichtlich eine erneute Ausweitung ihres Aufkaufprogramms sowie eine Senkung des Einlagenzinssatzes verkünden. Doch diese Maßnahmen hätten den Zenit ihrer Effektivität bereits überschritten, sodass der Euro kaum noch weiter abwerten sollte. Jetzt stünden die Regierungen der Euro-Zone in der Verantwortung, denen die EZB durch ihre Geldpolitik genügend Handlungsspielräume für fiskalische Maßnahmen verschafft habe. Bei einer seit sieben Jahren zweistelligen Arbeitslosenquote in der Euro-Zone sei ein Alleingang der EZB nicht ausreichend, um einer Konjunktureintrübung ausreichend entgegenzutreten und den Erhalt der Euro-Zone zu sichern. (24.02.2016/alc/a/a)
Zwar würden viele Indikatoren wie der PMI weiterhin auf Wirtschaftswachstum deuten, jedoch würden Vertrauensindikatoren trotz stabiler bzw. sinkender Arbeitslosenquote und anhaltend niedriger Zinsen auf eine Verlangsamung des Wachstums hinweisen. Das Vertrauen in der Realwirtschaft scheine sich nun doch von der Volatilität auf den Finanzmärkten beeinflussen zu lassen. Dies sei zum einen an der Erwartungskomponente des ifo-Indexes im Vergleich zur aktuellen Lage zu erkennen. Zum anderen würden das weltweite Handelsvolumen sowie die Industrieproduktion Anlass zur Sorge geben, auch wenn sich die Industrieproduktion in den USA im Dezember etwas erholt habe.
Grundsätzlich steige das Risiko einer synchronen Konjunkturabschwächung in der Euro-Zone, China und anderen Schwellenländern sowie möglicherweise in den USA. Vor allem rohstoffexportierende Schwellenländer seien aktuell einem erhöhten Risiko von niedrigerem Wachstum und sozialen Konflikten ausgesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Abkühlung des chinesischen Wirtschaftswachstums durch eine weitere konjunkturelle Belebung in den USA und in der Euro-Zone kompensiert werde, nehme immer mehr ab, und auch mit ambitionierten US-Zinsanhebungen in 2016 werde immer weniger gerechnet. Die IKB erwarte zwei Anhebungen des US-Leitzinses in 2016.
Die OECD habe ihre Prognose für das globale BIP nach unten revidiert (jetzt 3% in 2016, der gleiche Wert wie im Vorjahr) und ermutige Staaten, zusätzlich zur Geldpolitik fiskalische Maßnahmen zu ergreifen. Geldpolitik alleine, so die OECD, reiche nicht aus, um eine nachhaltige Erholung bzw. Wende sicherzustellen. Für die Euro-Zone könnte die aktuelle globale Entwicklung für steigende Instabilität sorgen. Nach Jahren hoher Arbeitslosigkeit sei die Unterstützung für die Gemeinschaftswährung innerhalb der Bevölkerung in vielen Mitgliedstaaten erschöpft. Somit bestehe nicht nur Handlungsbedarf bei der EZB, die schon seit Monaten die Märkte durch Ankündigungen bei Laune halte, weshalb die Effektivität der Maßnahmen zunehmend angezweifelt werde.
Der Erfolg des Aufkaufprogramms der EZB sei an dem Außenwert des Euro ersichtlich gewesen. Während die Zinsen weiter gefallen seien, habe vor allem die Euro-Abwertung einen positiven Einfluss auf die Konjunktur gehabt. Dies habe unter anderem dazu geführt, dass die Euro-Zone im Jahr 2015 das höchste Exportwachstum seit vier Jahren habe aufweisen können.
Sollten sich die Sorgen um eine deutliche Abkühlung der europäischen Konjunktur bestätigen, so sei mehr von der EZB gefordert, als nur eine Ausweitung des Aufkaufprogramms bzw. eine marginale Senkung des Einlagenzinssatzes. Notwendig sei eine Ausweitung der Krisenpolitik. Draghi habe bereits betont, dass es für ihn keine Grenzen gebe.
Die EZB müsse ihre Glaubwürdigkeit erhalten. Wenn Draghi die Handlungsbereitschaft und -fähigkeit der EZB betone, verliere er auf Dauer an Überzeugungskraft, wenn die konjunkturelle Lage anhaltend schwierig bleibe. Nötig sei ein entschlossenes Auftreten, das auch seinerzeit bei der Ankündigung der aktuellen Krisenpolitik zu beobachten gewesen sei. Denn die EZB erhöhe ihre Effektivität, wenn sie Skepsis gegenüber ihrer Handlungsbereitschaft zurückdrängen könne. Dazu könnten auch risikoreiche Maßnahmen gehören. Das sei bei der Ankündigung des OMT- bzw. Aufkaufprogramms der EZB nicht anders gewesen, was damals einerseits kritisch gesehen worden sei, andererseits zum Erfolg beigetragen habe. Nun sollten weitere Maßnahmen zur Diskussion stehen, die zunächst als radikal eingestuft würden und damit die Ernsthaftigkeit der EZB unmissverständlich darlegen würden.
Ein Anstieg des Inflationsziels der EZB sei eine solche Möglichkeit. Um eine solche Maßnahme durchsetzen zu können, müsste die Euro-Zone dauerhaft in ihrem Erhalt gefährdet sein. Dann wäre auch die klassische Variante von Helikoptergeld möglich: Die EZB erhöhe nicht die Geldmenge im Finanzsystem durch Anleiheaufkäufe, sondern finanziere den Anstieg der realen Nachfrage - zum Beispiel durch den Staat. Ziele einer solchen Maßnahme wären die Nachfrage anzuheben und Zweifel am nachhaltigen Wert des Euro zu schüren, um somit die Inflation nach oben zu treiben.
Aktuell werde im Zusammenhang mit negativen Zinsen auch die Abschaffung von Bargeld ins Spiel gebracht. Allerdings müssten dann auch alle anderen Substitute, die als Werterhalt dienen könnten, verboten werden. Dies beinhalte nicht nur alle Fremdwährungen, sondern zum Beispiel auch Gold. Höre sich absurd an? Alles schon einmal da gewesen. In 1933 habe zum Beispiel Präsident Roosevelt in den USA den Besitz von Gold verboten. Andere Länder mit Devisenkontrollen hätten ebenfalls ein Verbot auf den Besitz von Gold und Fremddevisen ausgesprochen, um die lokale Währung zu stützen.
Solch unkonventionelle Ansätze mögen aktuell politisch nicht umsetzbar sein. Der nahe liegendere Schritt sei aktuell auch eine weniger restriktive Fiskalpolitik, initiiert von der EU bzw. den Regierungen der Euro-Zone. Denn hierfür schaffe die EZB schon länger durch ihr Aufkaufprogramm und den damit sinkenden Finanzierungskosten den nötigen Handlungsspielraum. Aktuell seien somit also vor allem die Regierungen der Euro-Zone gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, vor allem, wenn der Werkzeugkasten der EZB nicht erweitert werden solle.
Die Märkte würden angesichts der sich eintrübenden Konjunktur in der Euro-Zone weitere Ankündigungen der EZB erwarten. Deshalb werde diese im März 2016 voraussichtlich eine erneute Ausweitung ihres Aufkaufprogramms sowie eine Senkung des Einlagenzinssatzes verkünden. Doch diese Maßnahmen hätten den Zenit ihrer Effektivität bereits überschritten, sodass der Euro kaum noch weiter abwerten sollte. Jetzt stünden die Regierungen der Euro-Zone in der Verantwortung, denen die EZB durch ihre Geldpolitik genügend Handlungsspielräume für fiskalische Maßnahmen verschafft habe. Bei einer seit sieben Jahren zweistelligen Arbeitslosenquote in der Euro-Zone sei ein Alleingang der EZB nicht ausreichend, um einer Konjunktureintrübung ausreichend entgegenzutreten und den Erhalt der Euro-Zone zu sichern. (24.02.2016/alc/a/a)


