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Der Zinsauftrieb an der Wall Street gibt an den Finanzmärkten den Ton vor


28.10.16 08:56
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Libor 3-Monats Sätze erscheinen für die Geldmärkte als der wichtigste Trendindikator, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Laut Bloomberg umfasse der Markt ein Volumen von USD 7 Billionen, einschließlich Hypotheken, Studiendarlehen und Unternehmensanleihen. Den Libor-Satz würden Banken nutzen, wenn sie sich gegenseitig auf kurze Sicht Geld leihen würden. Die Geldhändler würden den kommenden Zinstrend antizipieren und die Bonität ihrer Handelspartner berücksichtigen. Derzeit würden sie sich an einer Leitzinserhöhung der FED im Dezember orientieren. Der Libor-Satz habe den höchsten Stand seit sieben Jahren erreicht und sei seit Jahresbeginn von 0,61% auf jetzt 0,88% gestiegen. Diese "Benchmark" beeinflusse den Trend an den Finanzmärkten in der ganzen Welt.

Einen solchen Anstieg habe der Libor-Satz seit 2008 nicht mehr erlebt und befinde sich jetzt auf dem Höchststand seit 2009. Ein Teil des Anstiegs gehe auf neue Marktregulierungen zurück. Sie würden auf Geldmarktfonds zielen, die sich auf kurzlaufende Wertpapiere und andere monetäre Instrumente stützen würden. Etwa USD 1 Billion seien von Geldmarktfonds in Regierungspapiere mit höherer Bonität geflossen, schätze Bloomberg.

Der Libor-Satz sei aber auch ein Stressindikator für das Bankensystem. Je höher der Stress sei, dem die Banken unterworfen seien, desto höher sei auch die Libor-Rate. Bei dem Bankrott von Lehmann Brothers im September 2008 seien diese Sätze in die Höhe geschossen wegen der Unsicherheit, in welchem Ausmaß andere Banken in dubiosen Wertpapieren engagiert seien. Auch jetzt gebe es wieder Diskussionen über Schieflagen bei wichtigen Banken. Die Insolvenzen bei US-Unternehmen würden mit der stärksten Rate seit 2008 steigen. Die Ertragskraft der Banken sei wegen der Niedrigzinspolitik auf dem niedrigsten Niveau seit Jahrzehnten. Wenn diese Entwicklung anhalte, könnte der Libor-Satz weiter steigen.

Steigende Zinsen seien zwar positiv für die Halter von Geldmarktpapieren, würden aber den Haltern von Festverzinslichen höhere Abschreibungen bringen.

Ein Zinsanstieg könnte Schuldner in schwierige Probleme stürzen, weil sie mit höheren Zinsbelastungen rechnen müssten. Das gelte insbesondere für hoch verschuldete Unternehmen mit begrenzter Ertragskraft. Seit 2010 hätten US-Unternehmen rund USD 9 Billionen Schulden Rentenmarkt aufgenommen. Das sei 50% mehr, als Unternehmen in den sieben Jahren vor der Finanzkrise aufgenommen hätten.

Die Verschuldung wäre kein Problem bei einem kräftigen Konjunkturaufschwung. Doch die US-Wirtschaft wachse mit der geringsten Wachstumsrate seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Gewinne der S&P 500 würden zudem seit 2014 fallen. Laut Moody belaufe sich die mittlere Verschuldung von Unternehmen mit Junk Rating auf fünf mal so hoch wie ihr EBITDA. Die Verschuldungsquote von Unternehmen mit Investmentgrad sei 2,6mal so hoch wie ihr EBITDA.

Auch die Staatsschulden seien davon betroffen. Wie der IWF schätze, würden sich die globalen Schulden der privaten und öffentlichen Sektoren auf USD 152 Billionen belaufen. Goldman Sachs schätze, dass die Libor Rate bis Ende 2019 auf 3,6% ansteige. Dann müssten die Renditen 10-j. Staatsanleihen bei 5 bis 6% liegen. Bei einem globalen Schuldenstand von schätzungsweise USD 180 Billionen entstünden untragbare Zinsbelastungen.

Die Finanzmärkte würden glauben, dass die Notenbanken alles unter Kontrolle hätten. Doch die Zinsen könnten auch ohne Eingreifen der Notenbanken steigen. Eine Fortsetzung von ZIRP bringe ebenfalls keine Besserung. Es gebe offensichtlich einen Grenzzinssatz, unterhalb dessen Zinssenkungen mehr schaden als nutzen würden. Das habe auch die FED längst erkannt.

Janet Yellen habe letzte Woche die Kosten der lockeren Geldpolitik betont. Diese könnten auf lange Sicht die Vorteile überwiegen. Dabei habe sie explizit auf Risiken für die Finanzstabilität verwiesen. Hinweise auf einen konkreten Termin einer möglichen Zinserhöhung habe Yellen nicht gegeben. Derzeit werde an den Börsen mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% mit einer Anhebung im Dezember gerechnet.

Unter Abwägung von Chancen und Risiken empfehle es sich gegenwärtig, Bestände an Liquidität und physischem Gold aufzustocken, fundamental schwache und überteuerte Aktien dagegen abzustoßen. (Ausgabe vom 27.10.2016) (28.10.2016/alc/a/a)