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Zinserhöhungen steigern die Teuerungsraten


05.01.15 17:00
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Mit einer ultra-expansiven Geldpolitik und Deficit Spending in noch nie dagewesener Größenordnung versuchen die Zentralbanken seit Jahren, die Wirtschafts- und Finanzkrise zu überwinden, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Doch dieser Weg ohne Reformen der Fiskalpolitik scheine jetzt zu scheitern. Beste Beispiele hierfür seien Japan und die Südperipherie der Eurozone einschließlich Frankreich. Der Grenznutzen von sinkenden Zinsen und höheren Staatsausgaben sei längst erreicht und bereits negativ. Eine Fortsetzung der bisherigen Strategie wirke kontraproduktiv.

Der amerikanische Volkswirt Irving Fisher (1867 - 1947) sei für eine ganze Reihe wirtschaftswissenschaftlicher Gleichungen berühmt geworden. Nach seiner Quantitätsgleichung sei die in einem Jahr umgesetzte Geldmenge M multipliziert mit der Geldumlaufgeschwindigkeit V gleich der Produktion von Gütern und Leistungen Y multipliziert mit der Teuerungsrate P. Somit: M x V = Y x P. Die monetäre Seite einer Volkswirtschaft spiegele sich in der fundamentalen. Danach seien Geldmenge M und Geldumlaufgeschwindigkeit V direkt proportional zu den konjunkturellen Aktivitäten einer Volkswirtschaft.

Wenn man sich diesen Zusammenhang vor Augen halte, dann sei das Chart (Quelle: FED) umso ernüchternder. Die starke Steigerung der Geldmenge M durch gigantische Summen von QE nütze überhaupt nichts, wenn gleichzeitig die Umlaufgeschwindigkeit V sinke. Es komme auf das Produkt von M x V an. Der Sturz von V von 1,6 auf 1,0 sei mitten in der Rezession 2008 eingetreten. Die ganzen Ankurbelungsmaßnahmen seien in der Folgezeit verpufft.

Eine Geldumlaufgeschwindigkeit (engl.: Multiplier) von weniger als eins bedeute keine Kreditaufnahme, kein Geldumschlag, rückläufige Teuerung P, steigender Deflationsdruck. Alle Versprechungen einer besseren Konjunktur durch ZIRP und QE seien eine Farce. Die Geldpolitik sei bereits über das Ziel hinausgeschossen. Wenn in 2015/2016 die EZB durch Kauf von Staatsanleihen weitere 1 Billion EUR in die Märkte schleuse, so werde auch dies nutzlos verpuffen.

Die größte Enttäuschung für die Monetaristen, die der Ansicht seien, mit Geld könne man alles steuern, habe dieses Versagen der Nullzinspolitik und der quantitativen Lockerungen gebracht. Mit immer niedrigeren Zinsen hätten die Notenbanken versucht, die Kreditnachfrage für Investitionen anzukurbeln. Doch wer für 2% nicht investiere, werde es auch bei 1% und erst recht nicht bei 0% tun, sondern fühle sich in seiner Vorsicht bestätigt.

Wenn die Notenbank schon zu solch drastischen Mitteln greife, müssten die Konjunkturaussichten ja noch viel schlechter sein als bisher angenommen. Durch dieses Verhalten sinke die Umlaufgeschwindigkeit noch mehr. Der Grenznutzen der Zinssenkungen sei längst erreicht, weitere Lockerungen würden inzwischen schon kontraproduktiv wirken.

Das Schlimmste, was jetzt noch passieren könne, wären negative Zinsen. Die Geldmenge M1 bestehe aus Bargeld und Sichteinlagen. Negative Zinsen würden den Konsum nicht ankurbeln, sondern zu Umschichtungen von Sichteinlagen in Bargeld führen. Bargeld koste keine Zinsen, Steuern und Gebühren würden nicht anfallen, und bei einer Deflation steige der Wert des Bargeldes in realer Rechnung steuerfrei. Die Geldumlaufgeschwindigkeit würde weiter fallen und die Deflationsgefahren noch verstärken.

Umgekehrt würde eine Rückkehr zu einer normalen Zinsstruktur mit steigenden Zinsen, die weder expansiv noch restriktiv wirken würden, die Geldumlaufgeschwindigkeit V wieder erhöhen. Jeder Marktteilnehmer versuche dann, seine Mittel so schnell wie möglich in zinsbringende Anlagen umzuschichten. Da aber das Produkt aus M x V den Ausschlag gebe, werde die Wirkung auf das Produkt Y x P erheblich verstärkt. Die Zinserhöhungen würden damit auch die Teuerungsraten auf das angestrebte Ziel von 2% steigern.

Enttäuscht von der Konjunkturentwicklung seien auch die Anhänger des "Deficit Spending". Der Grenznutzen der Verschuldung sei ebenso längst bei 0 oder gar schon negativ. Die Schulden würden schneller als das BIP steigen. Für 1 USD Wachstum seien in den USA bereits 1,5 USD neue Schulden erforderlich. Das sei in der Eurozone und in Japan ähnlich.

Die Staatsverschuldung liege in der Eurozone bei 92% des BIP, in den USA bei 110% und in Japan bei 250%. Ab einer Grenze von etwa 90% wirke die Verschuldung vermutlich schon kontraproduktiv. Doch nur ganz wenige Industrieländer würden es überhaupt schaffen, wenigstens die Neuverschuldung wie versprochen zu vermeiden oder wenigstens zu senken.

So steige die Verschuldung immer weiter, womit eine Rückkehr zur Normalität schon so gut wie unmöglich werde. Die Verschuldung der Eurozone betrage 9 Billionen EUR. Die Schulden der US-Regierung würden gegenwärtig USD 18 Billionen betragen, bis 2015 auf 22 und bis 2017 auf etwa 25 Billionen steigen. Die Feuerprobe stehe den Notenbanken bevor, wenn sich die Zinsstruktur wieder normalisiere und die Staatshaushalte in den USA oder der Eurozone dann mit 0,5 bis 1 Billionen USD oder EUR höheren Soll-Zinsen jährlich belastet würden.

Die BIZ halte die Lage der Weltwirtschaft angesichts der globalen Schuldenlast für vielleicht noch fragiler als 2007 und fordere eine Wende in der Geld- und Finanzpolitik. Und dennoch würden die "Deficit Spender" ständig auf neue kreditfinanzierte Stimulierungsprogramme drängen. Zu beachten sei die Mentalität, die hinter dieser Art des Deficit Spending liege.

Das "süße Leben auf Pump" kümmert sich nicht um langfristige Auswirkungen und Gefährdungen unseres Finanzsystems, so die Experten von "fairesearch". Doch warum würden die Finanzmärkte diese Gefahren ignorieren? Die Nullzinspolitik und umfangreiche QE hätten die Märkte blind werden lassen und Illusionen in die Allmacht der Zentralbanken geschürt. Jetzt zeige sich, dass "mehr Geld" keineswegs ein Allheilmittel sei, wenn die Unterstützung durch die Fiskal- und Reformpolitik ausbleibe.

Die USA hätten die negativen Auswirkungen einer allzu langen, ultra-expansiven Geldpolitik erkannt und wollten zurück zu einer Normalisierung der Zinsstrukturkurve. Doch eine Lösung ihrer Überschuldungsprobleme hätten sie auch noch nicht gefunden. In der Eurozone und in Japan dagegen wollten die Notenbanken sogar noch expansiver werden, Versprechungen einer Rückführung der Staatsverschuldungen würden bisher nur Lippenbekenntnisse bleiben. Ohne Wende der Geld- und Fiskalpolitik könnte in einem turbulenten Jahr 2015 Bargeld Trumpf werden. Ergänzt durch Edelmetalle in physischer Form. (05.01.2015/alc/a/a)