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Zinssenkungen schaden der Wirtschaft
26.06.19 12:15
Neuberger Berman
New York (www.anleihencheck.de) - Wer weiß eine gute Aktienmarktrally nicht zu schätzen? Wir tun es zweifellos, so Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman.
Viel wichtiger sei aber die Frage, ob die Wirtschaft wirklich niedrigere Zinsen brauche.
Vor drei Wochen sei deutlich geworden, wie sehr den Märkten der "Powell Put" gefalle, also die Möglichkeit einer Zinssenkung in der zweiten Jahreshälfte. Letzte Woche seien die US-Notenbank (FED) und Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB) dann noch expansiver geworden.
Der Dot Plot, die Leitzinserwartung der FED, sei zurückgegangen. Fast die Hälfte der Mitglieder des Offenmarktausschusses der FED würden für dieses Jahr mindestens eine Zinssenkung erwarten, und ein Mitglied habe einen solchen Schritt schon letzte Woche gewollt. Das Notenbank-Statement habe keinen Zweifel daran gelassen, dass die Geldpolitik den Aufschwung verlängern solle.
Draghi habe die Märkte bereits angekurbelt, indem er gesagt habe, dass "zusätzliche Impulse erforderlich sein werden", sollte das Inflationsziel der EZB nachhaltig gefährdet sein. Die Notenbank werde dann "über neue Instrumente nachdenken", um dieser Bedrohung zu begegnen, bei Bedarf "auch über weitere Leitzinssenkungen".
Der EZB-Refinanzierungssatz betrage zurzeit null, der Einlagensatz sei negativ.
Die schwachen Konjunkturdaten seien besorgniserregend, keine Frage. Aber würden niedrigere Zinsen das Problem lösen?
Eine lockerere Geldpolitik stimuliere meist die Wirtschaft. In der aktuellen Konjunkturphase sei es aber zweifelhaft, ob sie wirklich viel bewirke. Vielmehr sei zu befürchten, dass die Regierungen bei niedrigeren Zinsen ihrer fiskalpolitischen Verantwortung nicht nachkommen würden und dass unproduktive Unternehmen nicht vom Markt verschwinden würden. Produktive Unternehmensinvestitionen würden dadurch verdrängt, und insbesondere in Europa könnte das Bankensystem unter Druck geraten.
Zinssenkungen könnten zwar die Konjunktur stabilisieren, aber um den Preis schwachen Wachstums, einer stagnierenden Produktivität und niedriger Eigenkapitalrenditen.
Denken wir an die jüngste Phase 2017 und 2018, als das amerikanische BIP-Wachstum letztmals zulegte, so die Experten von Neuberger Berman. Damals sei die Notenbank nicht expansiv gewesen. Vielmehr habe sie ihre Geldpolitik weiter normalisiert, indem sie das Quantitative Easing endgültig beendet habe. Noch wichtiger sei aber gewesen, dass die Unternehmenssteuern gesenkt und Regulierungen gelockert worden seien.
Unabhängig von der Lockerung der Geldpolitik müssten die USA aber zu einer politischen Einigung über eine Lösung der längerfristigen Haushaltsprobleme kommen. Sozialversicherung, Krankenversicherung und Einwanderung würden nach Reformen verlangen, und das Infrastrukturprogramm müsse endlich laufen. Auch in Europa müsse man sich über Regulierungen und Unternehmenssteuern verständigen. Nötig sei ein neues Wirtschaftsmodell, das die Anforderungen der stärkeren und der schwächeren Länder miteinander in Einklang bringe. Lösungen für diese Probleme wären gut für das Geschäftsklima, denn sie würden Investitionen anregen und die Produktivität nachhaltig steigern.
Mit niedrigeren Zinsen sei all dies jedoch nicht zu erreichen. Schon seit einigen Jahren würden Investoren die Regierungen daher auffordern, ihre Arbeit zu tun.
Lassen Sie uns aber fair bleiben: Auch Draghi sagt das schon seit Jahren, so die Experten von Neuberger Berman. Vielleicht mit Blick auf sein Bild in den Geschichtsbüchern nach dem Abschied aus der EZB im Oktober, habe er letzte Woche so entschieden wie nie auf Reformen gedrängt. Die Geldpolitik funktioniere immer dann am besten, wenn sie mit der Fiskalpolitik an einem Strang ziehe, habe er betont und die Sparpolitik nach der Finanzkrise kritisiert.
Dank des "Zuckerschocks" der lockeren Geldpolitik hätten Staatsanleihen letzte Woche stark zugelegt. Noch nie seien die Zinsen so vieler europäischer Anleihen negativ gewesen, und die amerikanische Zehnjahresrendite sei auf etwa zwei Prozent gefallen. Aktien hätten ebenfalls gewonnen, allerdings wegen steigender Bewertungen und nicht wegen höherer Gewinnerwartungen. Wie gesagt: Jeder wisse eine Rally zu schätzen.
Letztlich sei aber schwer abzuschätzen, wie sich eine politische Einigung über die nötigen Finanz- und Regulierungsreformen erreichen lasse.
Ein Blick nach Deutschland zeige: Europas größte und wichtigste Volkswirtschaft sei stark vom Welthandel abhängig, und in den letzten zwölf Monaten habe die deutsche Konjunktur alarmierend stark nachgelassen. Dabei habe die Fiskalpolitik in Deutschland sehr viel mehr Spielraum als in anderen Ländern. Und doch habe die Bundesregierung nichts getan.
Ohne eine expansivere Fiskalpolitik dürften niedrigere Zinsen und Wertpapierkäufe immer weniger ausrichten. Vielleicht würden solche Notenbankmaßnahmen reichen, damit der lange Konjunkturzyklus weitergehe. Ein höheres und nachhaltigeres Wachstum dürfte sich so aber nicht erreichen lassen. Vielleicht werde es dadurch sogar verhindert. (26.06.2019/alc/a/a)
Viel wichtiger sei aber die Frage, ob die Wirtschaft wirklich niedrigere Zinsen brauche.
Vor drei Wochen sei deutlich geworden, wie sehr den Märkten der "Powell Put" gefalle, also die Möglichkeit einer Zinssenkung in der zweiten Jahreshälfte. Letzte Woche seien die US-Notenbank (FED) und Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB) dann noch expansiver geworden.
Der Dot Plot, die Leitzinserwartung der FED, sei zurückgegangen. Fast die Hälfte der Mitglieder des Offenmarktausschusses der FED würden für dieses Jahr mindestens eine Zinssenkung erwarten, und ein Mitglied habe einen solchen Schritt schon letzte Woche gewollt. Das Notenbank-Statement habe keinen Zweifel daran gelassen, dass die Geldpolitik den Aufschwung verlängern solle.
Draghi habe die Märkte bereits angekurbelt, indem er gesagt habe, dass "zusätzliche Impulse erforderlich sein werden", sollte das Inflationsziel der EZB nachhaltig gefährdet sein. Die Notenbank werde dann "über neue Instrumente nachdenken", um dieser Bedrohung zu begegnen, bei Bedarf "auch über weitere Leitzinssenkungen".
Der EZB-Refinanzierungssatz betrage zurzeit null, der Einlagensatz sei negativ.
Die schwachen Konjunkturdaten seien besorgniserregend, keine Frage. Aber würden niedrigere Zinsen das Problem lösen?
Eine lockerere Geldpolitik stimuliere meist die Wirtschaft. In der aktuellen Konjunkturphase sei es aber zweifelhaft, ob sie wirklich viel bewirke. Vielmehr sei zu befürchten, dass die Regierungen bei niedrigeren Zinsen ihrer fiskalpolitischen Verantwortung nicht nachkommen würden und dass unproduktive Unternehmen nicht vom Markt verschwinden würden. Produktive Unternehmensinvestitionen würden dadurch verdrängt, und insbesondere in Europa könnte das Bankensystem unter Druck geraten.
Denken wir an die jüngste Phase 2017 und 2018, als das amerikanische BIP-Wachstum letztmals zulegte, so die Experten von Neuberger Berman. Damals sei die Notenbank nicht expansiv gewesen. Vielmehr habe sie ihre Geldpolitik weiter normalisiert, indem sie das Quantitative Easing endgültig beendet habe. Noch wichtiger sei aber gewesen, dass die Unternehmenssteuern gesenkt und Regulierungen gelockert worden seien.
Unabhängig von der Lockerung der Geldpolitik müssten die USA aber zu einer politischen Einigung über eine Lösung der längerfristigen Haushaltsprobleme kommen. Sozialversicherung, Krankenversicherung und Einwanderung würden nach Reformen verlangen, und das Infrastrukturprogramm müsse endlich laufen. Auch in Europa müsse man sich über Regulierungen und Unternehmenssteuern verständigen. Nötig sei ein neues Wirtschaftsmodell, das die Anforderungen der stärkeren und der schwächeren Länder miteinander in Einklang bringe. Lösungen für diese Probleme wären gut für das Geschäftsklima, denn sie würden Investitionen anregen und die Produktivität nachhaltig steigern.
Mit niedrigeren Zinsen sei all dies jedoch nicht zu erreichen. Schon seit einigen Jahren würden Investoren die Regierungen daher auffordern, ihre Arbeit zu tun.
Lassen Sie uns aber fair bleiben: Auch Draghi sagt das schon seit Jahren, so die Experten von Neuberger Berman. Vielleicht mit Blick auf sein Bild in den Geschichtsbüchern nach dem Abschied aus der EZB im Oktober, habe er letzte Woche so entschieden wie nie auf Reformen gedrängt. Die Geldpolitik funktioniere immer dann am besten, wenn sie mit der Fiskalpolitik an einem Strang ziehe, habe er betont und die Sparpolitik nach der Finanzkrise kritisiert.
Dank des "Zuckerschocks" der lockeren Geldpolitik hätten Staatsanleihen letzte Woche stark zugelegt. Noch nie seien die Zinsen so vieler europäischer Anleihen negativ gewesen, und die amerikanische Zehnjahresrendite sei auf etwa zwei Prozent gefallen. Aktien hätten ebenfalls gewonnen, allerdings wegen steigender Bewertungen und nicht wegen höherer Gewinnerwartungen. Wie gesagt: Jeder wisse eine Rally zu schätzen.
Letztlich sei aber schwer abzuschätzen, wie sich eine politische Einigung über die nötigen Finanz- und Regulierungsreformen erreichen lasse.
Ein Blick nach Deutschland zeige: Europas größte und wichtigste Volkswirtschaft sei stark vom Welthandel abhängig, und in den letzten zwölf Monaten habe die deutsche Konjunktur alarmierend stark nachgelassen. Dabei habe die Fiskalpolitik in Deutschland sehr viel mehr Spielraum als in anderen Ländern. Und doch habe die Bundesregierung nichts getan.
Ohne eine expansivere Fiskalpolitik dürften niedrigere Zinsen und Wertpapierkäufe immer weniger ausrichten. Vielleicht würden solche Notenbankmaßnahmen reichen, damit der lange Konjunkturzyklus weitergehe. Ein höheres und nachhaltigeres Wachstum dürfte sich so aber nicht erreichen lassen. Vielleicht werde es dadurch sogar verhindert. (26.06.2019/alc/a/a)


