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Ein perfekter Sturm vor Europa


29.07.22 12:30
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Die letzten Wochen waren sehr stark von einer weiteren Verschärfung des Russland-Ukraine-Krieges und Maßnahmen der Zentralbanken zur Inflationsbekämpfung geprägt, so die Analysten der Weberbank.

In Europa verschärfe sich die Energiekrise, die durch die ausbleibenden russischen Gaslieferungen ausgelöst worden sei, weiter. Nach Angaben der deutschen Bundesnetzagentur seien die Lieferungen über Nord Stream 1 seit dem 27. Juli auf nur noch 20% der möglichen Kapazität zurückgegangen. Während Russland die Lieferkürzung mit sanktionsbedingten Problemen für Turbinen rechtfertige, würden die europäischen Staats- und Regierungschefs Moskau vorwerfen, die Abhängigkeit vom russischen Gas als außenpolitisches Druckmittel und möglicherweise als Teil seiner Kriegsstrategie einzusetzen. Die Drosselung der Gaslieferungen habe zu einem unverhältnismäßigen Anstieg der Gaspreise geführt, die sich seit Anfang Juni mehr als verdoppelt hätten. Die hohen Energiepreise würden die bereits angeschlagene Industrieproduktion in Europa noch weiter bremsen und die Inflation auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten treiben.

Obwohl sich die EU intensiv um alternative Lieferquellen bemühe, sei die Abhängigkeit von russischem Gas nach wie vor sehr groß. Um ihr Ziel zu erreichen, die Gasspeicher vor dem Winter auf 85% zu füllen, habe die EU am Dienstag einen Plan zur Senkung der Nachfrage um 15% gebilligt. Da das Angebot jedoch selbst mit Unterstützung von Flüssiggaslieferungen aus den USA aufgrund von Ausfällen und eines hohen Wettbewerbs mit asiatischen Abnehmern knapp sei, stehe die Erreichung dieses Ziels noch auf sehr wackligen Beinen. Inwieweit Russland den Gashahn vollständig zudrehen werde, lasse sich derzeit nur schwer abschätzen. Es scheine jedoch, dass sich die EU auf noch härtere Zeiten einstellen müsse.

Letzte Woche habe EZB-Präsidentin Christine Lagarde die erste Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank seit elf Jahren angekündigt. Mit 50 Basispunkten sei sie höher ausgefallen, als die von Ökonomen ursprünglich erwarteten 25 Basispunkte. Damit reagiere nun auch die EZB auf die steigenden Inflationszahlen. Die Verbraucherpreise in Europa und in den USA seien seit Beginn des Jahres vergleichbar schnell um fast 9% gestiegen. Die Ursachen würden sich jedoch unterscheiden: Während in den USA die Preiserhöhungen insbesondere durch eine hohe Nachfrage verursacht seien, habe in Europa der Angebotsschock durch die Unterbrechung der russischen Gaslieferungen einen viel stärkeren Einfluss, was den Handlungsspielraum der EZB wesentlich einschränke. Dies sorge für deutliche Unsicherheit über die weiteren geldpolitischen Maßnahmen.

Hinzu würden erneut wieder politische Unwägbarkeiten kommen. Am Tag des EZB-Beschlusses sei bekannt gegeben worden, dass der italienische Premierminister und ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi wegen der Verweigerung der Zusammenarbeit seiner Koalitionspartner zurückgetreten sei. Infolgedessen müsse Italien seine Parlamentswahlen, die eigentlich im Frühjahr 2023 stattfinden sollten, auf September dieses Jahres vorziehen. Die chaotische politische Situation in Italien kommt für die EU zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, da sowohl die Bundesregierung durch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine als auch der französische Präsident Emmanuel Macron durch den Verlust seiner parlamentarischen Mehrheit geschwächt scheinen, so die Analysten der Weberbank.

Während Europa gerade erst mit der Anhebung der Zinssätze begonnen habe, setze die US-Notenbank mit einer weiteren Anhebung um 75 Basispunkte ihre drastische Straffung fort. Bemerkenswerterweise seien die US-Aktien daraufhin stark angestiegen. Dabei habe der Markt insbesondere auf die Äußerung des Notenbank-Vorsitzenden, Powell reagiert, dass es nach einer weiteren potenziell umfangreichen Zinserhöhung im September wahrscheinlich angebracht sei, das Tempo der Erhöhungen zu verlangsamen, um der Zentralbank die Möglichkeit zu geben, die Auswirkungen ihrer aggressiven Inflationsbekämpfung zu bewerten.

Vorsichtige Stimmen hätten allerdings entgegnet, dass dies noch lange nicht bedeute, dass die FED ihren Straffungszyklus beenden werde. Zudem seien auf die letzten beiden Zinserhöhungen im Mai und Juni ebenfalls erst Kursgewinne und dann noch größere Ausverkäufe gefolgt. Von einem Aufatmen an den US-Kapitalmärkten könne also noch keine Rede sein. Deshalb seien die Analysten davon überzeugt, dass die von ihnen verwalteten Portfolios mit robusten Anlagesegmenten, die auf höchste Bonität und geringe Zyklizität ausgerichtet seien, weiterhin sehr gut aufgestellt seien. (29.07.2022/alc/a/a)