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Anleihen: "EZB-Entscheidung hat überrascht"
14.03.22 09:15
Deutsche Börse AG
Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Es war nicht unbedingt so erwartet worden: Die EZB scheint nun doch auf die Bremse treten zu wollen, so die Deutsche Börse AG.
Am Donnerstag hätten die Notenbanker angekündigt, die Anleihekäufe im dritten Quartal dieses Jahres zu beenden. "Damit wäre eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr denkbar", bemerke Arthur Brunner von der ICF Bank.
"Die EZB-Entscheidung hat durchaus überrascht", meine der Händler. "Wegen des Ukraine-Kriegs hatten viele am Markt mit einer vorsichtigeren Gangart gerechnet." Laut dem ehemaligen EZB-Chef Jean-Claude Trichet habe die starke Aufwärtskorrektur der Inflationsprognosen die Notenbanker unter Zugzwang gebracht, wie Bloomberg melde. "Eine Zentralbank kann nicht unbeweglich sein, wenn die Kerninflation bei 2,7 Prozent liegt." Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Peter Praet habe die Reduzierung der Anleihenkäufe in einem Gespräch mit Bloomberg TV allerdings nur als "Feinabstimmung" bezeichnet. Vom Markt sei dies als stärkere Botschaft missinterpretiert worden.
Angesichts der hohen Inflationsraten im Euroraum von 5,1 Prozent im Januar und 5,8 Prozent im Februar rechne die EZB nun mit deutlich höheren Jahresraten: Und zwar mit 5,1 (zuvor 3,2) Prozent für 2022, 2,1 (statt 1,8) Prozent für 2023 und 1,9 (statt 1,8) Prozent für 2024.
In jedem Fall seien die Renditen von Bundesanleihen wieder gestiegen: Zehnjährige Bundesanleihen würden aktuell 0,27 Prozent abwerfen, am 10. März 2022 seien es sogar 0,30 Prozent gewesen. Noch deutlicher sei der Anstieg der Renditen von Staatsanleihen der südeuropäischen Länder gewesen, wie Brunner anmerke. Zehnjährige italienische Staatsanleihen würden nun mit 1,87 Prozent rentieren, spanische mit 1,26 Prozent.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer gehe davon aus, dass die EZB den Leitzins noch in diesem Jahr zwei Mal um jeweils 25 Basispunkte anheben werde. "Immerhin ein erster Schritt. Aber das würde kaum etwas daran ändern, dass die EZB mit Blick auf die massiv gestiegenen Inflationsrisiken viel zu zögerlich agiert."
In den USA liege die Inflation sogar noch viel höher: Für den Februar hätten Statistiker am 10. März 2022 7,9 Prozent gemeldet. Selbst die Kernrate, bei der die Preise für Energie und Nahrungsmittel rausgerechnet würden, habe bei 6,4 Prozent gelegen. Am kommenden Mittwoch stehe die nächste FED-Sitzung an, erwartet werde, dass die Notenbanker den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anheben würden.
Noch mehr als die Notenbankpolitik präge der Ukraine-Krieg den Anleihenhandel. Die Unsicherheit bleibe groß. Dass der Vermittlungsversuch der Türkei erfolglos geblieben sei, habe zu Ernüchterung geführt. Anleihen der Ukraine könnten zwar weiter gehandelt werden. "Umsätze gibt es aber kaum noch", stelle Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank fest und nenne als Beispiel eine auf US-Dollar lautende Staatsanleihe (ISIN XS1303929894 / WKN A18U3U). Russische Anleihen könnten - ebenso wie Aktien und Derivate - bereits seit dem 2. März nicht mehr an der Deutschen Börse gehandelt werden.
Wohl aufgrund des Ukraine-Kriegs hätten auch Anleihen des Pharmakonzerns STADA unter Druck gestanden, wie Daniel melde. Das Unternehmen sei sowohl in Russland als auch der Ukraine aktiv und wolle das Russland-Geschäft nicht stoppen - der "Versorgung der Patienten" wegen. Die Anleihe mit Kupon von 1,75 Prozent sei bereits am 8. April fällig. "Daher war der Kursrückgang auf kurzzeitig 93 Prozent schon auffällig", bemerke der Händler. Am Freitagmorgen werde die Anleihe wieder zu 98,25 Prozent gehandelt.
Daniel zufolge hätten sich Ekosem-Anleihen (ISIN DE000A1R0RZ5 / WKN A1R0RZ) nicht erholen können. "Operativ hat Ekosem keine Probleme. Das Unternehmen verdient sein Geld aber in Rubel, und der hat massiv an Wert verloren." Die 2024 fällige Anleihe mit Kupon von 7,5 Prozent (ISIN DE000A2YNR08 / WKN A2YNR0) notiere aktuell bei 23 Prozent, im vergangenen Sommer seien es noch 100 Prozent gewesen. "Interessant ist, was mit der im Dezember dieses Jahres fälligen Anleihe passiert (ISIN DE000A1R0RZ5 / WKN A1R0RZ)." Ekosem sei die deutsche Holdinggesellschaft der Ekoniva Gruppe, eines der größten russischen Agrarunternehmen.
Käufe und Verkäufe gleichermaßen habe Brunner in der Hertha BSC-Anleihe beobachtet. Daniel melde Käufe für Papiere (ISIN XS1901055472 / WKN A2RTNC) des Energiekonzerns EnBW.
Kräftig nach unten sei es Brunner zufolge Anfang der Woche für einige KMU-Bonds gegangen, also Anleihen von kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Betroffen seien zum Beispiel Papiere des Immobilienentwicklers Pandion, die auf 96 Prozent abgerutscht seien, und der auf Solarenergie spezialisierten Fondsgesellschaft hep global mit kurzzeitig unter 84 Prozent gewesen. Mittlerweile hätten sich die Papiere aber schon wieder erholt. "Offenbar musste ein Fonds wegen Rückflüssen kurzfristig verkaufen", vermute Brunner. (Ausgabe vom 11.03.2022) (14.03.2022/alc/a/a)
Am Donnerstag hätten die Notenbanker angekündigt, die Anleihekäufe im dritten Quartal dieses Jahres zu beenden. "Damit wäre eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr denkbar", bemerke Arthur Brunner von der ICF Bank.
"Die EZB-Entscheidung hat durchaus überrascht", meine der Händler. "Wegen des Ukraine-Kriegs hatten viele am Markt mit einer vorsichtigeren Gangart gerechnet." Laut dem ehemaligen EZB-Chef Jean-Claude Trichet habe die starke Aufwärtskorrektur der Inflationsprognosen die Notenbanker unter Zugzwang gebracht, wie Bloomberg melde. "Eine Zentralbank kann nicht unbeweglich sein, wenn die Kerninflation bei 2,7 Prozent liegt." Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Peter Praet habe die Reduzierung der Anleihenkäufe in einem Gespräch mit Bloomberg TV allerdings nur als "Feinabstimmung" bezeichnet. Vom Markt sei dies als stärkere Botschaft missinterpretiert worden.
Angesichts der hohen Inflationsraten im Euroraum von 5,1 Prozent im Januar und 5,8 Prozent im Februar rechne die EZB nun mit deutlich höheren Jahresraten: Und zwar mit 5,1 (zuvor 3,2) Prozent für 2022, 2,1 (statt 1,8) Prozent für 2023 und 1,9 (statt 1,8) Prozent für 2024.
In jedem Fall seien die Renditen von Bundesanleihen wieder gestiegen: Zehnjährige Bundesanleihen würden aktuell 0,27 Prozent abwerfen, am 10. März 2022 seien es sogar 0,30 Prozent gewesen. Noch deutlicher sei der Anstieg der Renditen von Staatsanleihen der südeuropäischen Länder gewesen, wie Brunner anmerke. Zehnjährige italienische Staatsanleihen würden nun mit 1,87 Prozent rentieren, spanische mit 1,26 Prozent.
In den USA liege die Inflation sogar noch viel höher: Für den Februar hätten Statistiker am 10. März 2022 7,9 Prozent gemeldet. Selbst die Kernrate, bei der die Preise für Energie und Nahrungsmittel rausgerechnet würden, habe bei 6,4 Prozent gelegen. Am kommenden Mittwoch stehe die nächste FED-Sitzung an, erwartet werde, dass die Notenbanker den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anheben würden.
Noch mehr als die Notenbankpolitik präge der Ukraine-Krieg den Anleihenhandel. Die Unsicherheit bleibe groß. Dass der Vermittlungsversuch der Türkei erfolglos geblieben sei, habe zu Ernüchterung geführt. Anleihen der Ukraine könnten zwar weiter gehandelt werden. "Umsätze gibt es aber kaum noch", stelle Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank fest und nenne als Beispiel eine auf US-Dollar lautende Staatsanleihe (ISIN XS1303929894 / WKN A18U3U). Russische Anleihen könnten - ebenso wie Aktien und Derivate - bereits seit dem 2. März nicht mehr an der Deutschen Börse gehandelt werden.
Wohl aufgrund des Ukraine-Kriegs hätten auch Anleihen des Pharmakonzerns STADA unter Druck gestanden, wie Daniel melde. Das Unternehmen sei sowohl in Russland als auch der Ukraine aktiv und wolle das Russland-Geschäft nicht stoppen - der "Versorgung der Patienten" wegen. Die Anleihe mit Kupon von 1,75 Prozent sei bereits am 8. April fällig. "Daher war der Kursrückgang auf kurzzeitig 93 Prozent schon auffällig", bemerke der Händler. Am Freitagmorgen werde die Anleihe wieder zu 98,25 Prozent gehandelt.
Daniel zufolge hätten sich Ekosem-Anleihen (ISIN DE000A1R0RZ5 / WKN A1R0RZ) nicht erholen können. "Operativ hat Ekosem keine Probleme. Das Unternehmen verdient sein Geld aber in Rubel, und der hat massiv an Wert verloren." Die 2024 fällige Anleihe mit Kupon von 7,5 Prozent (ISIN DE000A2YNR08 / WKN A2YNR0) notiere aktuell bei 23 Prozent, im vergangenen Sommer seien es noch 100 Prozent gewesen. "Interessant ist, was mit der im Dezember dieses Jahres fälligen Anleihe passiert (ISIN DE000A1R0RZ5 / WKN A1R0RZ)." Ekosem sei die deutsche Holdinggesellschaft der Ekoniva Gruppe, eines der größten russischen Agrarunternehmen.
Käufe und Verkäufe gleichermaßen habe Brunner in der Hertha BSC-Anleihe beobachtet. Daniel melde Käufe für Papiere (ISIN XS1901055472 / WKN A2RTNC) des Energiekonzerns EnBW.
Kräftig nach unten sei es Brunner zufolge Anfang der Woche für einige KMU-Bonds gegangen, also Anleihen von kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Betroffen seien zum Beispiel Papiere des Immobilienentwicklers Pandion, die auf 96 Prozent abgerutscht seien, und der auf Solarenergie spezialisierten Fondsgesellschaft hep global mit kurzzeitig unter 84 Prozent gewesen. Mittlerweile hätten sich die Papiere aber schon wieder erholt. "Offenbar musste ein Fonds wegen Rückflüssen kurzfristig verkaufen", vermute Brunner. (Ausgabe vom 11.03.2022) (14.03.2022/alc/a/a)
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| Kurs | Vortag | Veränderung | Datum/Zeit | |
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| ISIN | WKN | Jahreshoch | Jahrestief | |
| XS1303929894 | A18U3U | 101,30 $ | - $ | |
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