EZB: Verdeckte Botschaft nicht richtungsweisend für die anstehenden Leitzinsentscheidungen


23.01.23 09:45
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Der US-Wirtschaft ging gegen Jahresende 2022 etwas die Luft aus, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Sowohl die Veröffentlichungen für die Industrieproduktion als auch für die Einzelhandelsumsätze seien hinter den Erwartungen zurückgeblieben (auch wenn bereits ein Rückgang erwartet worden sei). Die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes sei im Dezember um 1,3% p.m. zurückgegangen - die negative Dynamik sei in den meisten Industrien sichtbar gewesen. Konsumgüter hätten sich etwas besser (-0,1%) als zinssensitivere Kategorien wie Betriebsausstattung (-2% p.m.) gehalten. Auch die Einzelhandelsumsätze hätten sich im Dezember abgeschwächt (-1,1%), ähnlich wie im November (-1,0% p.m.).

Trotz des schwachen Dezembers werde das BIP-Wachstum im vierten Quartal 2022, das diese Woche veröffentlicht werde, positiv sein. Auch wenn der aktuelle BIP-Nowcast der Atlanta FED mit 3,5% (p.q., annualisiert) als etwas zu hoch gegriffen erscheine, sollte das BIP-Wachstum klar im positiven Bereich liegen. Trotz des soliden BIP-Wachstums in Q4'22 würden die zahlreichen Hinweise einer nachteiligen Konjunkturdynamik gegen Jahresende darauf hindeuten, dass sich das BIP-Wachstum Anfang 2023 deutlich abkühlen werde und sogar negativ ausfallen könnte.

Gegen Ende dieser Woche markiere das Erscheinen der Schnellschätzung für das spanische BIP-Wachstum im vierten Quartal 2022 den Auftakt für eine Reihe an europäischen BIP-Veröffentlichungen. Hier würden die Analysten, basierend auf den bis dato verfügbaren Daten, ein knapp positives Wachstum von 0,1% auf Quartalssicht erwarten. BIP-Zahlen für weitere wichtige Länder wie Deutschland, Frankreich und Italien sowie die gesamte Eurozone würden in der Woche ab dem 30. Januar folgen. Darüber hinaus stünden auf beiden Seiten des Atlantiks erste Schnellschätzungen der PMIs für Januar auf dem Programm.

Hinsichtlich der Eurozone würden die Analysten Anstiege von zuletzt 47,8 Punkten auf 48,7 Punkte (Verarbeitendes Gewerbe) und von 49,8 Punkten auf 50,2 Punkte (Dienstleistungen) als realistisch erachten. Damit könnten beide Indikatoren ihre jüngst begonnenen Erholungsbewegungen weiter ausbauen und sich noch näher an der entscheidenden 50-Punkte Linie positionieren. Weiterhin erscheine in der Eurozone diese Woche die Schnellschätzung des Konsumentenvertrauens und der Deutschland-spezifische ifo Index (ebenfalls für den Monat Januar). Auch hier deuten unsere Analysen auf eine Aufwärtsbewegung hin, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Beim ifo sollte dabei die Verbesserung der zukünftigen Geschäftsentwicklung klar ausgeprägter ausfallen als für die aktuelle Lage. In den USA sei die Entwicklungsrichtung der erscheinenden PMI Werte indessen mit etwas mehr Unsicherheit behaftet. Gegeben der aktuellen wirtschaftlichen Lage der US-Wirtschaft wäre ein weiteres Absacken der Stimmungsindikatoren für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor einerseits keine große Überraschung, dürfte aber andererseits die US-Rezessionsängste am Finanzmarkt sehr wahrscheinlich weiter schüren.

Zu Beginn der vergangenen Woche habe ein Gerücht für Aufsehen gesorgt, dass im EZB Rat über eine Verlangsamung des signalisierten Zinsanhebungspfades nachgedacht werde. Doch in allen zeitgleichen und kurz darauf folgenden offiziellen Auftritten von hochrangigen Notenbankern (Lane, Knot, Villeroy de Galhau) sei die Ansage der EZB Präsidentin zum Leitzinspfad (+50BP im Februar, +50 im März und möglicherweise +50 im Mai) bestätigt worden.

Zudem habe das etwas später veröffentlichte Protokoll der Zinssitzung vom Dezember ein gänzlich anderes Stimmungsbild im EZB Rat vermittelt. Laut Mitschrift sei es der explizite Wunsch bei der Beschlussfassung gewesen, den Markt zu überraschen, um dabei eine Aufwärtskorrektur der Marktzinsen / Anleiherenditen zu erreichen und die Finanzierungsbedingungen zu straffen. Viele Ratsmitglieder hätten zunächst für eine größere Leitzinsanhebung plädiert (75BP statt der allgemein erwarteten 50BP). Einige hätten sich bis zum Schluss der intensiven Diskussion nicht vom gewählten Weg, den Markt durch eine explizit falkenhaften Ausblick zu beeinflussen, überzeugen lassen.

Im Lichte aller Informationen sei die verdeckte Botschaft zum Wochenbeginn nicht richtungsweisend für die anstehenden EZB Leitzinsentscheidungen. Es scheine der Versuch der taubenhaften Fraktion zu sein (aktuell die Minderheit) sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Immerhin sei jede EZB Entscheidung auch damit verbunden, ob Markerwartungen erfüllt (walk the talk) oder diese verändert werden sollten (Impuls setzen). Gegeben der erwarteten Wirtschaftsentwicklung (milde Rezession, deutlicher Inflationsrückgang aber anhaltend hohe Kernrate) erscheine der früheste realistische Zeitpunkt für die Tauben, um das Pendel in die eigene Richtung zu bewegen, die Mai Sitzung.

In den Leitzinsprognosen der Analysten seien die ihnen bekannten unterschiedlichen Strömungen im EZB Rat wie folgt abgebildet. +50BP im Februar, +50BP März, +25BP Mai und +25BP Juni. Am Markt werde aus Sicht der Analysten aktuell der wahrscheinlichste Leitzinspfad klar unterschätzt. In Anbetracht, dass die EZB bereits in zwei Wochen auf ihrer nächsten Zinssitzung für Klarheit sorgen könne, würden die Analysten die Bund-Rendite mit Aufwärtsrisiken konfrontiert sehen. (Ausgabe vom 20.01.2023) (23.01.2023/alc/a/a)