Erweiterte Funktionen
Stolpersteine auf dem Weg nach Jamaika
29.09.17 10:27
Baader Bank
Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Dass es nicht einfach werden wird, war von Anfang an klar, so Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank.
Nach dem kategorischen Nein der SPD zu einer Regierungsbildung würden die vielen Stolpersteine deutlich, die auf dem Weg zu einem möglichen Jamaika-Regierungsbündnis aus CDU/CSU, der FDP und den Grünen lägen. Nun würden insbesondere die kleinen Parteien CSU, FDP und Grüne den Preis für einen Koalitionsvertrag in die Höhe zu treiben versuchen. Zurückhaltung mache sich daher aufgrund der unsicheren Regierungsbildung an der Börse breit. Auch der Euro habe geschwächelt und die RWE-Aktie habe aufgrund der unklaren Aussichten bei der Energiepolitik einen deutlichen Abschlag hinnehmen müssen.
Und da wäre man auch schon bei einem Knackpunkt, der Energiepolitik. Während hier die Grünen bis 2020 die Abschaltung der "20 schmutzigsten Kohlekraftwerke" versprochen hätten, um das deutsche Klimaziel noch einzuhalten, schweige sich die FDP zur Kohle aus. Ein staatlich forcierter Ausstieg aus der Kohle würde aber so ziemlich das Gegenteil liberaler Politikgrundsätze darstellen - auch wenn sich die Liberalen zum Klimavertrag von Paris bekennen würden. Ebenso weit lägen die Ansätze in der Verkehrspolitik auseinander. Während man sich im Grunde ja einig sei, dass saubere Autos kommen müssten, würden die Grünen ab 2030 keine Verbrennungsmotoren zulassen wollen, während die FDP eine solche Festlegung ablehne und Technologieoffenheit großschreibe. Schwierig werde es auch bei der Frage nach einer Obergrenze für Flüchtlinge, die die CSU durchsetzen wolle, aber im Grunde von allen anderen Verhandlungspartnern verneint werde.
Ohne hier jetzt alle Themen abzuarbeiten, wird anhand dieser Beispiele deutlich, wie schwierig es sein wird, bei den Verhandlungen auf einen Nenner zu kommen. So zeichnet sich jetzt schon ab, dass alle Beteiligten gleich mehrere Kröten werden schlucken müssen, sollte man sich auf einen Koalitionsvertrag einigen.
Dass dies nicht von heute auf morgen geschehen könne, müsse man den Verhandlungspartnern zugestehen. Dennoch wäre eine möglichst frühe Einigung im Interesse der Kapitalmärkte, deren Akteure gerne würden wissen wollen, woran sie seien. Denn Stabilität sei Börsianern ein hohes Gut.
Die sei in einem gewissen Sinn durch die bisherige schwarz-rote Koalition gegeben - etwa auf dem Feld der Außenpolitik. Stabilität sei aber nicht mit Stillstand zu verwechseln, den so mancher Wirtschaftsvertreter bei der Großen Koalition (Groko) ausgemacht habe. Daher erhoffe man sich von einem Jamaika-Bündnis in der Wirtschaft zukunftsweisende Impulse in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie eine Umfrage der Welt ergeben habe. Warte man es also ab, ob es die zum Teil sehr unterschiedlichen Partner schaffen würden, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen.
Ungeachtet der Regierungsbildung dürfte ein Unsicherheitsfaktor in Form der AfD bleiben, die das Niveau der Debattenkultur im Parlament nach unten ziehen und das Ansehen Deutschlands im Ausland verschlechtern dürfte. Und für eine auf Export gepolte Wirtschaft sei ein solcher Unsicherheitsfaktor ohnehin nie gut.
Nicht weniger als eine "Neugründung Europas" sei es, die Emmanuel Macron bei seiner mit Spannung erwarteten Rede an der Pariser Universität Sorbonne gefordert habe. Kein Zweifel, mit seinen Reformvorschlägen zur EU sei der französische Präsident vorgeprescht - und das in einer Zeit, in der in Deutschland eine neue Regierung gebildet werden müsse. Aus diesem Grund dürften Macrons Ideen auch die ohnehin schon komplizierten Koalitionsverhandlungen in Berlin nicht unbeeinflusst lassen.
Mit Verve mache sich Macron für eine Erneuerung der Europäischen Union stark, deren Basis selbstverständlich die Achse Frankreich-Deutschland bilden solle. Dabei dürften seine Vorschläge nicht allen politischen Kräften in Berlin zu pass kommen.
Insbesondere seine Vorschläge für ein Eurobudget, einen Eurofinanzminister und ein Parlament für die Eurozone würden in Berlin eher mit großer Skepsis aufgenommen. Vor allem die FDP fürchte, dass Frankreich am Ende doch nur eine Transferunion wolle. So hätten die Liberalen, aber auch die CSU bekanntlich ja schon mal ihren Widerstand gegen einen gemeinsamen Haushalt angekündigt.
Beide dürften deshalb versuchen, in einem Koalitionsvertrag festzuschreiben, dass die EU keine Transferunion werden dürfe. Im Übrigen sitze mit der AfD nun eine Anti-Euro-Partei im Bundestag, die jede Nachgiebigkeit der Bundesregierung in finanziellen Fragen als Verrat an der Stabilität des Staates anprangern dürfte.
Ungeachtet solch ideologisch geprägter Haltungen bleibe sachlich festzuhalten, dass kein europäisches Land so umfangreich vom Euro profitiere wie Deutschland. Deshalb sollte die neue Regierung in Berlin sehr wohl sorgfältig abwägen, inwieweit eine Vertiefung der Eurozone etwa durch die Institutionalisierung eines Euro-Finanzministers am Ende doch der deutschen Volkswirtschaft nützen würde. Dasselbe gelte für die von Finanzminister Wolfgang Schäuble favorisierte Idee eines Europäischen Währungsfonds, der wohl was kosten, aber die Europäer vom IWF unabhängig machen würde.
Macron habe seine europapolitische Vision jedenfalls an die Wand geworfen. Jetzt müsse es ihm die deutsche Regierung nachtun. Andernfalls würde Berlin durch weiteres Zögern an Einfluss auf die weitere Entwicklung der Euro-Zone verlieren.
Die Reaktion auf die Grundsatzrede von Theresa May vom vergangenen Freitag sei prompt erfolgt. Nachdem die britische Premierministerin eine befristete Übergangsphase von rund zwei Jahren nach dem Brexit vorgeschlagen habe, habe die US-Ratingagentur Moody's ihre Einschätzung der Kreditwürdigkeit Großbritanniens nach unten korrigiert.
Die Bonitätsnote für das Land werde von Aa1 auf Aa2 gesenkt, habe Moody's mitgeteilt. Die Aussicht für die Staatsfinanzen habe sich "erheblich verschlechtert", begründe die Ratingagentur diesen Schritt. So erwarte Moodys für Großbritannien steigende Schulden, der Erfolg von Konsolidierungsbemühungen sei fraglich. Die Probleme würden nach Einschätzung von Moodys durch eine wahrscheinliche wirtschaftliche Abschwächung auf mittlere Sicht infolge des Austritts aus der Europäischen Union verschärft.
May habe angedeutet, dass ihr Land während der vorgeschlagenen Übergangszeit Beiträge in den EU-Haushalt zahlen könnte. Kein Mitgliedsland der EU müsse wegen des Brexits mehr Geld einzahlen oder bekomme weniger heraus. Großbritannien werde Verpflichtungen einhalten, die man während der Mitgliedschaft gemacht habe, habe sie gesagt, ohne eine konkrete Zahl zu nennen.
London zahle jährlich etwa 10 Mrd. Euro netto in den Brüsseler Haushalt ein. Bei einer zweijährigen Übergangsphase müsste London demnach noch ungefähr 20 Mrd. Euro trotz seines Austritts aus der EU zahlen. Dies würde aber noch lange nicht an die Rechnung heranreichen, die Brüssel aufgemacht habe. Bekanntlich fordere die EU-Kommission zwischen 60 Mrd. Euro und 100 Mrd. Euro von London.
Damit wäre allerdings nur ein Teil dieser Forderung abgegolten, die London der EU nach Ansicht von Brüssel schulde. London habe diese Forderungen bekanntlich zurückgewiesen. Die Rechnung der EU umfasse gemeinsam eingegangene EU-Finanzverpflichtungen für Haushalt, Fördertöpfe und Pensionslasten.
May habe zudem in ihrer Rede die Vision für eine neue "tiefe und besondere" Beziehung zwischen der EU und Großbritannien beschworen - was immer damit gemeint sein möge. Brüssel wolle jedoch über die künftigen Beziehungen mit Großbritannien erst sprechen, wenn "ausreichender Fortschritt" bei wichtigen Trennungsfragen erreicht sei.
D. T., der Unberechenbare, habe es nicht geschafft: Der von Donald Trump so heftig betriebene Versuch, die verhasste Gesundheitsreform "Obamacare" abzuschaffen, sei im dritten und letzten Anlauf endgültig gescheitert. Die US-Republikaner hätten es einfach nicht vermocht, im Kongress die nötige Mehrheit zu organisieren. Hier scheine wohl in der Tat einmal die Vernunft gesiegt zu haben.
Aber damit nicht genug. Zu allem Übel, das Trump an diesem Tag widerfahren sei, sei die Niederlage seines Favoriten in der republikanischen Vorwahl zur Senatswahl in Alabama hinzugekommen. Darüber hinaus habe Senator Bob Corker aus Tennessee seinen Rückzug aus der Politik bis Ende 2018 avisiert. Damit werde es Trump künftig schwer haben, seine zentralen Wahlversprechen einzulösen.
Nachdem es nicht gelungen sei, eine Mehrheit für die Abschaffung der von Barack Obama eingeführten Gesundheitsfürsorge herzustellen, habe der Präsident in acht Monaten Amtszeit noch kein einziges zentrales Vorhaben seiner Regierung durchsetzen können.
Und dass sich im Vorwahlkampf der Republikaner in Alabama ein extrem konservativer Richter namens Roy Moore gegen einen von Trump unterstützten Kandidaten habe durchsetzen können, lasse nichts Gutes vermuten. Es sei eher ein Hinweis auf das Ringen innerhalb der republikanischen Partei zwischen moderaten und radikalkonservativen Kräften, wobei in diesem Fall Letztere gesiegt hätten. Moore sei in seinem Wahlkampf von Steve Bannon, Trumps ehemaligem Chefstrategen im Weißen Haus und jetzigem Chefredakteur der rechtsradikalen Internetseite Breitbart News, unterstützt worden.
Des Weiteren heize der amerikanische Präsident den Konflikt mit Nordkorea eher noch an und trage damit weiter zu den Unsicherheiten an den Märkten bei. Anstatt sich mit dem diktatorischen Staat um eine diplomatische Lösung zu bemühen, lege Trump sich im Inland lieber mit den protestierenden Footballspielern an, die während des Abspielens der Nationalhymne aus Protest gekniet hätten.
Insgesamt sei Trump ein schwer auszurechnender Politiker. Selbst seine engsten Mitarbeiter würden immer wieder überrascht von seinen unbeständigen Positionen wirken. Dadurch schaffe er eine Situation andauernder Unsicherheit. Wie und was ein Politiker letztlich entscheide, sei für andere oft schwer vorhersehbar. Zudem wirke seine Haltung nicht in sich konsistent und schlüssig, sondern oft von überraschenden Kurswechseln geprägt. Und genau diese Willkür sei es, die die Kapitalmärkte nicht mögen.
In der Automobilbranche drehe sich aktuell immer noch alles um das Thema "Abgase". Sowohl der Streit um falsch angegebene Abgaswerte als auch die Diskussion, ob es in Zukunft Dieselfahrverbote geben werde, sei in aller Munde. Europas größter Automobilhersteller Volkswagen gehe aktuell nicht nur mit einer Werbung in die Offensive und biete den Kunden für den Tausch eines alten Dieselfahrzeuges gegen ein neues eine Prämie an, sondern sei in dieser Berichtswoche auch auf dem Bondmarkt aktiv geworden.
Dabei habe die Volkswagen Tochter Volkswagen Leasing GmbH gleich 2 Bonds mit insgesamt 2,25 Mrd. Euro emittiert. Die erste Tranche (ISIN XS1692348847 / WKN A2GSFP), ein dreijähriger Bond sei am 05.10.2020 fällig und habe einen Kupon in Höhe von 0,25%. Das Emissionsvolumen betrage hier 1,25 Mrd. Euro. Der Emissionspreis habe bei 99,973% gelegen, was +32 bps über Mid Swap entsprochen habe. Eine zweite 1 Mrd. Euro schwere siebenjährige Anleihe (ISIN XS1692347526 / WKN A2GSFQ) mit Fälligkeit am 04.04.2024 zahle dem Anleger Zinsen in Höhe von 1,125% jährlich und sei zu einem Preis von 99,424% ausgegeben worden. Dies habe einem Emissionsspread von +80 bps über Mid Swap entsprochen. Beide Anleihen seien mit einer privatanlegerfreundlichen Mindeststückelung von 1.000 Euro ausgestattet.
Ebenfalls ein Doppelback in Höhe von 1,075 Mrd. Euro hätten zwei Zweckgesellschaften im Zusammenhang mit der Übernahme von Stada emittiert. Dabei habe die Nidda Healthcare Holding mit einem achtjährigen Bond (ISIN XS1690644668 / WKN A2GSKU) 735 Mio. Euro am Kapitalmarkt eingesammelt. Das Papier sei mit einem Zins von jährlich 3,5% ausgestattet, was bei einem Spread von +350 bps über Bund einen Emissionspreis von pari ergeben habe. Die Zinszahlung an die Investoren erfolge halbjährlich.
Die zweite Anleihe (ISIN XS1690645129 / WKN A2GSKT) sei von Nidda Bondco GmbH mit einem Emissionsvolumen von 340 Mio. Euro begeben worden. Der Kupon betrage 5% p.a. und werde, wie bei der ersten Tranche, im März und September an die Investoren gezahlt. Emittiert worden sei ebenfalls zu 100%, was einem Spread von +486 bps über der vergleichbaren Bundesanleihe entsprochen habe. Die gewählte Mindeststückelung von 100.000 Euro spreche eher institutionelle Investoren an. Beide Gesellschaften hätten sich bei Ihren Emissionen drei optionale Kündigungsrechte am 30.09.2020, 30.09.2021 und 30.09.2022 und eine Make Whole Option in die Anleihebedingungen festschreiben lassen.
Als letzter im Bunde habe die niederländische Brauerei Heineken einen zwölfjährigen Bond (ISIN XS1691781865 / WKN A19PVS) mit einem Emissionsvolumen von 800 Mio. Euro aufgelegt. Der zweitgrößte Brauereikonzern der Welt mit Sitz in Amsterdam zahle für die Aufnahme des Kredits am Bondmarkt 1,5% Zinsen p.a. an die Investoren. Der Emissionspreis habe sich auf 99,035% belaufen, was einem Spread von +50 bps über Mid Swap gleichgekommen sei. Auch Heineken habe eine Mindeststückelung von 100.000 Euro gewählt und sich eine Make Whole Option in die Emissionsbedingungen aufnehmen lassen. Zusätzlich könne der Bond seitens des Emittenten drei Monate vor Endfälligkeit zu 100% gekündigt werden.
Die europäische Gemeinschaftswährung habe Anfang September noch überzeugen können und mit 1,2092 USD so hoch wie zuletzt im Januar 2015 notiert.
Zum Monatsende allerdings komme die Einheitswährung deutlich unter Druck. Seit dem Wochenende habe der Euro mit dem Wahlausgang in Deutschland zu kämpfen. Darüber hinaus finde der US-Dollar wieder leicht zu seiner alten Stärke zurück. Auftrieb habe der Greenback insbesondere von den jüngsten Aussagen von FED-Chefin Janet Yellen erhalten, die nochmals die Zinsanhebungsphantasien für dieses Jahr beflügelt habe. So sei der Euro seit Wochenbeginn von 1,1937 USD bis auf 1,1717 USD zurückgefallen und habe damit ein neues Monatstief markiert. Das aktuelle Marktgeschehen sei geprägt von geopolitischen Sorgen sowie den Äußerungen verschiedener Notenbankvertreter zur künftigen Geldpolitik der FED und der EZB. Somit bleibe das Währungspaar EUR/USD anfällig für potenziell kursbewegende Nachrichten. Zur Stunde handle die Gemeinschaftswährung bei 1,175 USD.
Entgegen dieser Entwicklung präsentiere sich die Einheitswährung zur Türkischen Lira stark. So habe der Euro das bisherige Jahreshoch bei 4,2129 TRY verbessern können und eine neue Bestmarke bei 4,2192 TRY markiert.
Ähnlich gut könne sich der Euro zum Südafrikanischen Rand behaupten. So sei der Devisenkurs zeitweise bis auf 16,0549 ZAR gestiegen und habe damit ebenfalls einen neuen Jahresbestwert gesetzt.
Im Fokus der Privatanleger hätten in dieser Woche vorwiegend Währungsanleihen lautend auf US-Dollar, Türkische Lira, Norwegische Kronen und vereinzelt auch Südafrikanische Rand gestanden.
Disclaimer
Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.
Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.
Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten. (Ausgabe vom 28.09.2017) (29.09.2017/alc/a/a)
Nach dem kategorischen Nein der SPD zu einer Regierungsbildung würden die vielen Stolpersteine deutlich, die auf dem Weg zu einem möglichen Jamaika-Regierungsbündnis aus CDU/CSU, der FDP und den Grünen lägen. Nun würden insbesondere die kleinen Parteien CSU, FDP und Grüne den Preis für einen Koalitionsvertrag in die Höhe zu treiben versuchen. Zurückhaltung mache sich daher aufgrund der unsicheren Regierungsbildung an der Börse breit. Auch der Euro habe geschwächelt und die RWE-Aktie habe aufgrund der unklaren Aussichten bei der Energiepolitik einen deutlichen Abschlag hinnehmen müssen.
Und da wäre man auch schon bei einem Knackpunkt, der Energiepolitik. Während hier die Grünen bis 2020 die Abschaltung der "20 schmutzigsten Kohlekraftwerke" versprochen hätten, um das deutsche Klimaziel noch einzuhalten, schweige sich die FDP zur Kohle aus. Ein staatlich forcierter Ausstieg aus der Kohle würde aber so ziemlich das Gegenteil liberaler Politikgrundsätze darstellen - auch wenn sich die Liberalen zum Klimavertrag von Paris bekennen würden. Ebenso weit lägen die Ansätze in der Verkehrspolitik auseinander. Während man sich im Grunde ja einig sei, dass saubere Autos kommen müssten, würden die Grünen ab 2030 keine Verbrennungsmotoren zulassen wollen, während die FDP eine solche Festlegung ablehne und Technologieoffenheit großschreibe. Schwierig werde es auch bei der Frage nach einer Obergrenze für Flüchtlinge, die die CSU durchsetzen wolle, aber im Grunde von allen anderen Verhandlungspartnern verneint werde.
Ohne hier jetzt alle Themen abzuarbeiten, wird anhand dieser Beispiele deutlich, wie schwierig es sein wird, bei den Verhandlungen auf einen Nenner zu kommen. So zeichnet sich jetzt schon ab, dass alle Beteiligten gleich mehrere Kröten werden schlucken müssen, sollte man sich auf einen Koalitionsvertrag einigen.
Dass dies nicht von heute auf morgen geschehen könne, müsse man den Verhandlungspartnern zugestehen. Dennoch wäre eine möglichst frühe Einigung im Interesse der Kapitalmärkte, deren Akteure gerne würden wissen wollen, woran sie seien. Denn Stabilität sei Börsianern ein hohes Gut.
Die sei in einem gewissen Sinn durch die bisherige schwarz-rote Koalition gegeben - etwa auf dem Feld der Außenpolitik. Stabilität sei aber nicht mit Stillstand zu verwechseln, den so mancher Wirtschaftsvertreter bei der Großen Koalition (Groko) ausgemacht habe. Daher erhoffe man sich von einem Jamaika-Bündnis in der Wirtschaft zukunftsweisende Impulse in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie eine Umfrage der Welt ergeben habe. Warte man es also ab, ob es die zum Teil sehr unterschiedlichen Partner schaffen würden, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen.
Ungeachtet der Regierungsbildung dürfte ein Unsicherheitsfaktor in Form der AfD bleiben, die das Niveau der Debattenkultur im Parlament nach unten ziehen und das Ansehen Deutschlands im Ausland verschlechtern dürfte. Und für eine auf Export gepolte Wirtschaft sei ein solcher Unsicherheitsfaktor ohnehin nie gut.
Nicht weniger als eine "Neugründung Europas" sei es, die Emmanuel Macron bei seiner mit Spannung erwarteten Rede an der Pariser Universität Sorbonne gefordert habe. Kein Zweifel, mit seinen Reformvorschlägen zur EU sei der französische Präsident vorgeprescht - und das in einer Zeit, in der in Deutschland eine neue Regierung gebildet werden müsse. Aus diesem Grund dürften Macrons Ideen auch die ohnehin schon komplizierten Koalitionsverhandlungen in Berlin nicht unbeeinflusst lassen.
Mit Verve mache sich Macron für eine Erneuerung der Europäischen Union stark, deren Basis selbstverständlich die Achse Frankreich-Deutschland bilden solle. Dabei dürften seine Vorschläge nicht allen politischen Kräften in Berlin zu pass kommen.
Insbesondere seine Vorschläge für ein Eurobudget, einen Eurofinanzminister und ein Parlament für die Eurozone würden in Berlin eher mit großer Skepsis aufgenommen. Vor allem die FDP fürchte, dass Frankreich am Ende doch nur eine Transferunion wolle. So hätten die Liberalen, aber auch die CSU bekanntlich ja schon mal ihren Widerstand gegen einen gemeinsamen Haushalt angekündigt.
Beide dürften deshalb versuchen, in einem Koalitionsvertrag festzuschreiben, dass die EU keine Transferunion werden dürfe. Im Übrigen sitze mit der AfD nun eine Anti-Euro-Partei im Bundestag, die jede Nachgiebigkeit der Bundesregierung in finanziellen Fragen als Verrat an der Stabilität des Staates anprangern dürfte.
Ungeachtet solch ideologisch geprägter Haltungen bleibe sachlich festzuhalten, dass kein europäisches Land so umfangreich vom Euro profitiere wie Deutschland. Deshalb sollte die neue Regierung in Berlin sehr wohl sorgfältig abwägen, inwieweit eine Vertiefung der Eurozone etwa durch die Institutionalisierung eines Euro-Finanzministers am Ende doch der deutschen Volkswirtschaft nützen würde. Dasselbe gelte für die von Finanzminister Wolfgang Schäuble favorisierte Idee eines Europäischen Währungsfonds, der wohl was kosten, aber die Europäer vom IWF unabhängig machen würde.
Macron habe seine europapolitische Vision jedenfalls an die Wand geworfen. Jetzt müsse es ihm die deutsche Regierung nachtun. Andernfalls würde Berlin durch weiteres Zögern an Einfluss auf die weitere Entwicklung der Euro-Zone verlieren.
Die Reaktion auf die Grundsatzrede von Theresa May vom vergangenen Freitag sei prompt erfolgt. Nachdem die britische Premierministerin eine befristete Übergangsphase von rund zwei Jahren nach dem Brexit vorgeschlagen habe, habe die US-Ratingagentur Moody's ihre Einschätzung der Kreditwürdigkeit Großbritanniens nach unten korrigiert.
Die Bonitätsnote für das Land werde von Aa1 auf Aa2 gesenkt, habe Moody's mitgeteilt. Die Aussicht für die Staatsfinanzen habe sich "erheblich verschlechtert", begründe die Ratingagentur diesen Schritt. So erwarte Moodys für Großbritannien steigende Schulden, der Erfolg von Konsolidierungsbemühungen sei fraglich. Die Probleme würden nach Einschätzung von Moodys durch eine wahrscheinliche wirtschaftliche Abschwächung auf mittlere Sicht infolge des Austritts aus der Europäischen Union verschärft.
May habe angedeutet, dass ihr Land während der vorgeschlagenen Übergangszeit Beiträge in den EU-Haushalt zahlen könnte. Kein Mitgliedsland der EU müsse wegen des Brexits mehr Geld einzahlen oder bekomme weniger heraus. Großbritannien werde Verpflichtungen einhalten, die man während der Mitgliedschaft gemacht habe, habe sie gesagt, ohne eine konkrete Zahl zu nennen.
London zahle jährlich etwa 10 Mrd. Euro netto in den Brüsseler Haushalt ein. Bei einer zweijährigen Übergangsphase müsste London demnach noch ungefähr 20 Mrd. Euro trotz seines Austritts aus der EU zahlen. Dies würde aber noch lange nicht an die Rechnung heranreichen, die Brüssel aufgemacht habe. Bekanntlich fordere die EU-Kommission zwischen 60 Mrd. Euro und 100 Mrd. Euro von London.
Damit wäre allerdings nur ein Teil dieser Forderung abgegolten, die London der EU nach Ansicht von Brüssel schulde. London habe diese Forderungen bekanntlich zurückgewiesen. Die Rechnung der EU umfasse gemeinsam eingegangene EU-Finanzverpflichtungen für Haushalt, Fördertöpfe und Pensionslasten.
May habe zudem in ihrer Rede die Vision für eine neue "tiefe und besondere" Beziehung zwischen der EU und Großbritannien beschworen - was immer damit gemeint sein möge. Brüssel wolle jedoch über die künftigen Beziehungen mit Großbritannien erst sprechen, wenn "ausreichender Fortschritt" bei wichtigen Trennungsfragen erreicht sei.
Aber damit nicht genug. Zu allem Übel, das Trump an diesem Tag widerfahren sei, sei die Niederlage seines Favoriten in der republikanischen Vorwahl zur Senatswahl in Alabama hinzugekommen. Darüber hinaus habe Senator Bob Corker aus Tennessee seinen Rückzug aus der Politik bis Ende 2018 avisiert. Damit werde es Trump künftig schwer haben, seine zentralen Wahlversprechen einzulösen.
Nachdem es nicht gelungen sei, eine Mehrheit für die Abschaffung der von Barack Obama eingeführten Gesundheitsfürsorge herzustellen, habe der Präsident in acht Monaten Amtszeit noch kein einziges zentrales Vorhaben seiner Regierung durchsetzen können.
Und dass sich im Vorwahlkampf der Republikaner in Alabama ein extrem konservativer Richter namens Roy Moore gegen einen von Trump unterstützten Kandidaten habe durchsetzen können, lasse nichts Gutes vermuten. Es sei eher ein Hinweis auf das Ringen innerhalb der republikanischen Partei zwischen moderaten und radikalkonservativen Kräften, wobei in diesem Fall Letztere gesiegt hätten. Moore sei in seinem Wahlkampf von Steve Bannon, Trumps ehemaligem Chefstrategen im Weißen Haus und jetzigem Chefredakteur der rechtsradikalen Internetseite Breitbart News, unterstützt worden.
Des Weiteren heize der amerikanische Präsident den Konflikt mit Nordkorea eher noch an und trage damit weiter zu den Unsicherheiten an den Märkten bei. Anstatt sich mit dem diktatorischen Staat um eine diplomatische Lösung zu bemühen, lege Trump sich im Inland lieber mit den protestierenden Footballspielern an, die während des Abspielens der Nationalhymne aus Protest gekniet hätten.
Insgesamt sei Trump ein schwer auszurechnender Politiker. Selbst seine engsten Mitarbeiter würden immer wieder überrascht von seinen unbeständigen Positionen wirken. Dadurch schaffe er eine Situation andauernder Unsicherheit. Wie und was ein Politiker letztlich entscheide, sei für andere oft schwer vorhersehbar. Zudem wirke seine Haltung nicht in sich konsistent und schlüssig, sondern oft von überraschenden Kurswechseln geprägt. Und genau diese Willkür sei es, die die Kapitalmärkte nicht mögen.
In der Automobilbranche drehe sich aktuell immer noch alles um das Thema "Abgase". Sowohl der Streit um falsch angegebene Abgaswerte als auch die Diskussion, ob es in Zukunft Dieselfahrverbote geben werde, sei in aller Munde. Europas größter Automobilhersteller Volkswagen gehe aktuell nicht nur mit einer Werbung in die Offensive und biete den Kunden für den Tausch eines alten Dieselfahrzeuges gegen ein neues eine Prämie an, sondern sei in dieser Berichtswoche auch auf dem Bondmarkt aktiv geworden.
Dabei habe die Volkswagen Tochter Volkswagen Leasing GmbH gleich 2 Bonds mit insgesamt 2,25 Mrd. Euro emittiert. Die erste Tranche (ISIN XS1692348847 / WKN A2GSFP), ein dreijähriger Bond sei am 05.10.2020 fällig und habe einen Kupon in Höhe von 0,25%. Das Emissionsvolumen betrage hier 1,25 Mrd. Euro. Der Emissionspreis habe bei 99,973% gelegen, was +32 bps über Mid Swap entsprochen habe. Eine zweite 1 Mrd. Euro schwere siebenjährige Anleihe (ISIN XS1692347526 / WKN A2GSFQ) mit Fälligkeit am 04.04.2024 zahle dem Anleger Zinsen in Höhe von 1,125% jährlich und sei zu einem Preis von 99,424% ausgegeben worden. Dies habe einem Emissionsspread von +80 bps über Mid Swap entsprochen. Beide Anleihen seien mit einer privatanlegerfreundlichen Mindeststückelung von 1.000 Euro ausgestattet.
Ebenfalls ein Doppelback in Höhe von 1,075 Mrd. Euro hätten zwei Zweckgesellschaften im Zusammenhang mit der Übernahme von Stada emittiert. Dabei habe die Nidda Healthcare Holding mit einem achtjährigen Bond (ISIN XS1690644668 / WKN A2GSKU) 735 Mio. Euro am Kapitalmarkt eingesammelt. Das Papier sei mit einem Zins von jährlich 3,5% ausgestattet, was bei einem Spread von +350 bps über Bund einen Emissionspreis von pari ergeben habe. Die Zinszahlung an die Investoren erfolge halbjährlich.
Die zweite Anleihe (ISIN XS1690645129 / WKN A2GSKT) sei von Nidda Bondco GmbH mit einem Emissionsvolumen von 340 Mio. Euro begeben worden. Der Kupon betrage 5% p.a. und werde, wie bei der ersten Tranche, im März und September an die Investoren gezahlt. Emittiert worden sei ebenfalls zu 100%, was einem Spread von +486 bps über der vergleichbaren Bundesanleihe entsprochen habe. Die gewählte Mindeststückelung von 100.000 Euro spreche eher institutionelle Investoren an. Beide Gesellschaften hätten sich bei Ihren Emissionen drei optionale Kündigungsrechte am 30.09.2020, 30.09.2021 und 30.09.2022 und eine Make Whole Option in die Anleihebedingungen festschreiben lassen.
Als letzter im Bunde habe die niederländische Brauerei Heineken einen zwölfjährigen Bond (ISIN XS1691781865 / WKN A19PVS) mit einem Emissionsvolumen von 800 Mio. Euro aufgelegt. Der zweitgrößte Brauereikonzern der Welt mit Sitz in Amsterdam zahle für die Aufnahme des Kredits am Bondmarkt 1,5% Zinsen p.a. an die Investoren. Der Emissionspreis habe sich auf 99,035% belaufen, was einem Spread von +50 bps über Mid Swap gleichgekommen sei. Auch Heineken habe eine Mindeststückelung von 100.000 Euro gewählt und sich eine Make Whole Option in die Emissionsbedingungen aufnehmen lassen. Zusätzlich könne der Bond seitens des Emittenten drei Monate vor Endfälligkeit zu 100% gekündigt werden.
Die europäische Gemeinschaftswährung habe Anfang September noch überzeugen können und mit 1,2092 USD so hoch wie zuletzt im Januar 2015 notiert.
Zum Monatsende allerdings komme die Einheitswährung deutlich unter Druck. Seit dem Wochenende habe der Euro mit dem Wahlausgang in Deutschland zu kämpfen. Darüber hinaus finde der US-Dollar wieder leicht zu seiner alten Stärke zurück. Auftrieb habe der Greenback insbesondere von den jüngsten Aussagen von FED-Chefin Janet Yellen erhalten, die nochmals die Zinsanhebungsphantasien für dieses Jahr beflügelt habe. So sei der Euro seit Wochenbeginn von 1,1937 USD bis auf 1,1717 USD zurückgefallen und habe damit ein neues Monatstief markiert. Das aktuelle Marktgeschehen sei geprägt von geopolitischen Sorgen sowie den Äußerungen verschiedener Notenbankvertreter zur künftigen Geldpolitik der FED und der EZB. Somit bleibe das Währungspaar EUR/USD anfällig für potenziell kursbewegende Nachrichten. Zur Stunde handle die Gemeinschaftswährung bei 1,175 USD.
Entgegen dieser Entwicklung präsentiere sich die Einheitswährung zur Türkischen Lira stark. So habe der Euro das bisherige Jahreshoch bei 4,2129 TRY verbessern können und eine neue Bestmarke bei 4,2192 TRY markiert.
Ähnlich gut könne sich der Euro zum Südafrikanischen Rand behaupten. So sei der Devisenkurs zeitweise bis auf 16,0549 ZAR gestiegen und habe damit ebenfalls einen neuen Jahresbestwert gesetzt.
Im Fokus der Privatanleger hätten in dieser Woche vorwiegend Währungsanleihen lautend auf US-Dollar, Türkische Lira, Norwegische Kronen und vereinzelt auch Südafrikanische Rand gestanden.
Disclaimer
Die Baader Bank AG ist eine der führenden Investmentbanken für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten.
Als Market Maker ist die Bank für die börsliche und außerbörsliche Preisfindung von über 800.000 Finanzinstrumenten verantwortlich.
Im Investment Banking entwickelt sie Finanzierungslösungen für Unternehmen und bietet institutionellen Anlegern umfassende Dienstleistungen beim Vertrieb und dem Handel von Aktien, Anleihen und Derivaten. (Ausgabe vom 28.09.2017) (29.09.2017/alc/a/a)
Werte im Artikel



