Das GH-Management sollte einen strategischen Investor suchen, der eigens für ihn emittierte Vorzugsaktien mit hoher Dividende kauft. Das hebt das Kernkapital und alle darüber stehenden Klassen. Jegliche Gefahr finanzieller Schieflagen wäre vom Tisch, ebenfalls die Notwendigkeit eines zu billigen Notverkaufs von MG.
Warren Buffett hatte 2019 von der US-Ölfirma Occidential Petroleum (Ticker: OXY) für 10 Mrd. $ Vorzugsaktien (8% Dividende) erhalten. Nur dank dieser Buffett-Unterstützung konnte OXY den größeren Konkurrenten Anadarko für 55 Mrd. $ aufkaufen. Die hohe Verschuldung von OXY rächte sich 2020, als die Ölpreise wegen Covid stark sanken. Der OXY-Kurs fiel bis auf 10$, konnte sich aber später (auch wegen der wieder steigenden Ölpreise) deutlich auf bis zu 100$ erholen.
Der Fall OXY ist mit dem Fall Gerresheimer entfernt vergleichbar
Bei GH würde der oben beschriebene Einstieg eines strategischen Investor (evtl AOC?) zwar erst nachträglich erfolgen (ein Jahr nach dem Bormioli-Kauf), trotzdem aber sämtliche aktuellen Finanzprobleme lösen. Dieser Investor würde auch bei der Sanierung Druck machen und spätestens nach Vertragsende des CEO zu dessen Ablösung beitragen. Das sonstige GH-Management hätte den Vorteil, weiter "am Ruder" zu bleiben, was z. B. bei einem Buy-Out durch PE nicht möglich wäre.
Mit der Kapitalspritze des strategischen Investors würde Gerresheimers Kreditwürdigkeit (Bonität) steigen, was erstens künftige Bankkredite (nach deren "Rollen") verbilligt. Zweitens würde - noch wichtiger - die Möglichkeit entstehen, einen Teil der künftigen Refinanzierung durch die Herausgabe von Unternehmensanleihen zu finanzieren. (In USA ist das gang und gäbe, deutsche Firma machen davon viel zu wenig Gebrauch).
2018 hatte GH bei Moody's noch den niedrigsten Investmentgrade Baa1. Danach wurde die Bewertung zurückgezogen, weil GH Centor relativ teuer übernommen hatte. Mit der 2024 hinzugekommenen ebenfalls teuren Bormioli-Übernahme wurde die Finanzlage noch drückender, vor allem wegen der jetzt gesunkenen Gewinne.
Wenn die GH-Bonität dank des strategischen Investors erneut auf Investmentgrade steigt, könnte Gerresheimer Unternehmensanleihen mit schätzungsweise 5% am Bondmarkt unterbingen. Ich weiß nicht, wieviel Zinsen GH den Banken für die laufende Überbrückungsfinanzierung zahlt, aber ich vermute mal, dass es mehr als 5% sind, womöglich sogar deutlich mehr.
Bondfinanzierungen sind u. a. deshalb vorteilhaft, weil Bonds eine feste Laufzeit haben, in der sich der Coupon nicht verändert. Bei Problemen können die Anleihen im Kurs sinken (bis zur Endfälligkeit), aber das Kursrisiko trägt der Anleihenkäufer. Bei Bankfinanzierung wird die Bonität häufiger überprüft, und wenn Convenants gerissen werden, können Strafzahlungen fällig werden und die Kreditzinsen sofort weiter erhöht werden.
Der Einstieg des strategischen Investors würde zwar eine Verwässerung mit sich bringen - ähnlich wie eine Kapitalerhöhung -, aber die Aktionäre müssten nichts selber zahlen. Unterm Strich würde der GH-Aktienkurs deutlich steigen.
Was später mit den Vorzugsaktien geschieht, ließe sich vertraglich festlegen. Sie könnten z. B. nach 5 oder 10 Jahren zu einem festgelegten Umtauschverhältnis in Standardaktien umgewandelt werden.
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Exkurs: Wie sich der Automobilzulieferer Schaeffler vom Junk-Rating befreit hat
Schaeffler war eine Privatfirma, die erst 2016 an die Börse ging. Der aktuelle Schaeffler-CEO Klaus Rosenfeld war bis 2009 CEO der Dresdner Bank. Später wurde er Finanzchef bei Schaeffler. Bei Schaeffler war die Finanzlage ab 2008 desolat: Schaeffler hatte 2008 die deutlich größere Continental feindlich übernommen und knapp 70 Euro pro Aktie geboten. Kurz darauf stürzten die Märkte wegen der Lehmankrise ab, und der Conti-Kurs sank auf ca. 25 Euro. Die Conti-Aktionäre machten natürlich fleißig von dem 70-Euro-Angebot Gebrauch. Im Endeffekt ersoff Schaeffler förmlich in Schulden. Die Schaeffler-Chefin stand im Pelzmantel heulend vor der Belegschaft erbettelte (vergeblich) Staatshilfe.
Noch 2012 war das Schaeffler-Rating tief im Junk-Bereich. Rosenberg zog als Ex-Banker alle Register. Zunächst brachte der Börsengang in 2016 Milliarden ein. Und später, als Schaeffler wieder das niedrigste Investmentgrade erreicht hatte, begann die Refinanzierung via Bondemissionen. Schaeffler kann zurzeit Anleihen mit nur 4,5% Coupon rausbringen, obwohl Automobilzulieferer wegen der aktuellen Krise (u. a. Chinakonkurrenz und US-Strafzölle) schwer mitgenommen sind. |